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Jo Strauss

»s/t«

Prückl Beats

Quer durch die verschiedenen musikalischen Exerzierfelder lässt sich folgendes Phänomen beobachten: Eine Handvoll Altvorderer beobachtet das aktuelle Geschehen mit einem grimmigen Stirnrunzeln das diesen zwar zusteht, dem aber generell weniger meinungsbildendes Potenzial innewohnt als ihnen lieb ist. Echt ist bei solchen Leuten immer nur das was alt ist. Speziell bei Genres wie dem Wienerlied kann man das auf den ersten Blick ja irgendwie auch nachvollziehen. Da stellt sich einfach die Frage ob denn ein junger Bursch – der ja vielleicht gar nicht mal in Wien geboren wurde – von »Buan und Kafka«, dem »stingadn Wien« und vom »Weiwa daschlogn« überhaupt singen darf. Andererseits: Warum sollte er es nicht dürfen? Gute Geschichten erzählen zu können ist keine Altersfrage und die »Tradition« die sich die betagten Herren (Frauen sudern weit weniger) zusammenreimen ist ja gemäß Hobsbawm immer auch eine Erfindung. Peinlich wird es dann, wenn man vom Gegenteil überzeugt ist und stur die eigene Aussageschwäche durch als notwendig erachtete Ingredienzen überdeckt. In diese Falle ist Jo Strauss mit seinem selbstbetitelten Debütalbum nicht getappt. Er ist nämlich einerseits ein begnadeter Geschichtenerzähler und hat andererseits ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal: Strauss singt auf Weanerisch, aber nicht nur über Wien, sondern auch über Berlin, seine zweite Heimat. Was auf dem Papier nach einem Tanz auf dem Vulkan klingt meistert der dandyhafte Hornbrillenträger vor allem durch Witz und eine gute Beobachtungsgabe. Speziellen Biss haben seine Erzählungen dann, wenn Strauss‘ Band so richtig Gas geben darf. Das morbide »Kummans Her«, das zynische »Bleibts Daham« oder die Moritat »Blauboad I« bringen außerdem das kratzbürstige Organ des 31-jährigen ideal zur Geltung. Dazwischen gelingen Strauss immer wieder skizzenhafte interspersions wie der Kurzblues »Nusskipferl« oder das fabelhafte »Die Zeit Die Zeit«. Somit hätte die Platte das Zeug zu einer famosen Sammlung von Wiener- (und Berliner)liedern, doch leider ist »Jo Strauss« eine gute Viertelstunde zu lang geraten. Mit der Zeit geht einem das Geknurre und Geröchel des Sängers nämlich doch ein wenig auf die Nerven und wirkt vor allem in den ruhigen Songs irgendwie unglaubwürdig. Eine lieblichere gesangliche Gangart hätte diesen Liedern gut getan. Dennoch, wenn Strauss ordentlich rockt oder überhaupt den Blues hat, dann klopft er schon an die Türen seiner großen Vorbilder. Und die brauchen sich nicht zu schämen, den Neuankömmling auch hereinzulassen.