Diamantener Oberhof

»s/t«

Vrystaete

Eine vorindustrielle Seelenlandschaft, eingefasst in eine Schneekugel und abgelegt in einer hölzernen Truhe. Die steht in einer Gartenlaube, drum herum ein verwachsener Wald, gelegen hinter sieben oder acht Bergen. Das fränkische Duo Diamantener Oberhof vertont Reisen an solche imaginären Orte, die im Verborgenen liegen, aus der Welt gefallen sind. Zwischen »Liebstöckl« und »Schlafmohn« ist es dort noch zu viel des Aufwands, die Zeit totzuschlagen, die ja auch ohne eigenes Zutun verstreicht. Ungenutzt. Selbstvergessen und schläfrig gilt es stattdessen, Tagträumen nachzuhängen. Von jungen Frauen in Sommerkleidern, die Walderdbeeren pflücken und zu Kompott einkochen und zartgliedrigen Männern, die im Gras liegen, in die Sonne blinzeln und von Weltschmerz gezeichnet innerlich verbluten. Die Ahnung einer heran nahenden Katastrophe mag in der warmen Luft liegen, aber noch hat sie den immergrünen Hain der Weltflüchtigen nicht erreicht. In einer kleinen Auflage von 150 Schallplatten hat das niederländische Label Vrystaete das Debütalbum von Diamantener Oberhof veröffentlicht und damit eine streng limitierte Anzahl von Tickets in eine expressionistisch-surreale Klangwelt, die einerseits Anleihen am finnischen Freak-Folk nimmt und andererseits an die Musik von Bands wie den französischen Vox Populi erinnert. Musik von Sonderlingen für Sonderlinge. Dazu bedient sich das Duo eines Akkordeons, einer Hand voll Percussion- und Klingelinstrumenten sowie verschiedener Geräusche aus elektronischen Quellen, singt ein »Wiegenlied am Totenbett« und erzählt von der »Brut« oder der »Scheide«. Sinnlich-verträumt hängen die Töne zwischen Leben und Tod, und die vermeintlich naiv-naturalistische Ästhetik von Diamantener Oberhof könnte einen zur Weißglut bringen, wäre ihr nicht mit Hilfe von absurdem Humor und beherztem Dilettantismus ein doppelter Boden eingezogen. Viel wird geraunt und gezwitschert und mithin geweint, doch bleibt ein zurückgehaltenes Lachen im Hintergrund stets vernehmbar. Der Schalk im Nacken schützt das Duo vor den völkischen Geistern: hier verläuft die Grenze zwischen Neo- und Free-Folk, zwischen Heimat und daheim sein. Das sind zwei paar Schuh, nicht leicht zu unterscheiden. Probieren sie selbst!