3 Chairs | Moodymann

»s/t« | »Black Mahogani II«

MRKT Publishing/Import | Peacefrog/Edel

Die Groove-Schmiedekunst der Supergroup 3 Chairs (Parrish, Kenny Dixon Jr., Rick Wilhite und Malik Pittman als Neuzugang) dringt in für Deep House ungeahnte sample-mikroskopische Tiefen vor – die daraus hervorgehenden Kleinteiligkeiten wagte bislang nur die Force-Inc./Neuton-Microhouse Schule zu Legohäusern zu basteln. Abseits deren fast obligatorischen Zappeligkeit entwerfen 3 Chairs elegisch urbane Floor-Perlen, die an eine, der simplen Covergrafik zufolge in einer subterrain-tiefgeschößigen Jazzlounge stattfindenden Diskussionsrunde unter Samples denken lassen. Der »Gesprächsverlauf« entspricht mitunter epischen Odysseen mit Lokomotiven und glockenbehangenen Lasttieren als Transportmittel (»Blackbone Waltz«) und kreiert harfenbeschallte Afronautik-/Kellerstudio-Reiche (»Underwater People«) oder transparente String-Neonmauern in »System Sauce«, die frappierend an eine Deep-House-Ableitung der Tinnitus-/Flatline-artigen Bass-Manipulation von JBs »Blow Your Head« in PEs »Public Enemy No.1« erinnern (neben Polyrhythmen als Lingua Franca ein zentrales Mittel in Moodymanns Solo-Werk, um neue Environments einzuführen).

Interessanterweise stellt sich bei den Afro-Roots mancher Rhythmen und der Latinofizierung der Pianos nie essenzialistischer Ethnoautomatismus ein. Es geht eher darum, die Genre-Grenzen zu dehnen und die Identität(en) des Tiefhauses aus diesen Versatzstücken zu gestalten. Wird deren ethnisches Antlitz in »Midday Blues At Midnight« überdeutlich, treten so viele parallellaufende Stilverschiebungen zunachte, dass das nicht von ungefähr an die anti-essenzialistischen Sound-Interieurs von Disco (Salsoul) meets Fake Funk/No Wave-ZE-Mutanten erinnert oder an extreme sonische, aber auch soziokulturelle Ausschläge auf der Richterskala bei Bristols Mark Stewart and the Maffia. Es bleibt offen, ob angesichts all dieser (sich durchaus widersprechenden) »Zeichen« (PE, Mark Stewart) sich hinter der Late-Night-Fassade tatsächlich auch linksradikales Denken in der Tradition von UR verbirgt oder die Formation lediglich aus der Leidenschaft zum »Musik über Musik«-Experiment den Stil-Transzendenzen nachgeht (was aber auch mehr als genug wäre).

Eindeutig der zweiten Kategorie zuzuordnen ist Moodymanns »Black Mahogani II«, keine Fortführung der Sample-Traxturen auf Teil eins, sondern eine musikalische Rückkehr zu den Anfängen von Fusion in Form einer Jazz-Session mit Pitch Black City. Um einige Anthrazit-Schattierungen dunkler (punktuell sogar ins Horror-Trashige kippend) und introspektiver als das subtextuell ebenfalls noire »3 Chairs« dockt Moodymann eigentlich nur über Umwege (Steel-Hi-Hats oder Deep-House-Echo-Vocals, an deren Stelle gern mal freakadelishe Vocoder/Wah-Wah-Pedale treten) an House/Techno an. Das zuweilen falsche/doppelte Zusammenspiel von Instrumenten (die Kunst der »falschen Anschlüsse/Fährten«) macht das Sinistre, Ungeschliffene und Dreckige von »Black Mahogani II« aus und die Platte zu einem ungleich aufregenderen und exzentrischeren Erlebnis (durchaus mit Miles Davis als Live-Jam-Theorie-Oberdaddy) als die vergleichsweise konservativen Zeitresen von 4 Hero als kammermusikalisches Jazz-Ensemble.