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Radikaler Träumer, weiser Egomane

Werner Herzog wurde heuer 80 Jahre alt. Thomas von Steinaecker widmet seinem Leben und Schaffen mit »Werner Herzog – Radical Dreamer« einen Film, der zahlreiche Personen aus seinem Umfeld und ihn selbst zu Wort kommen lässt.

Werner Herzog, Regisseur zahlreicher Dokumentationen und Spielfilme, Autor,Schauspieler und Lehrer, waghalsiger Teufelskerl, steht nun (erneut) selbst im Fokus einer Linse. Man hofft, dass Regisseur Thomas von Steinaecker versucht, in seinem Film ein Bild von Herzog zu zeichnen, das ihn nicht nur als kultigen Übermenschen zeigt, sondern auch hinter die Fassade blicken lässt. Langjährige Wegbegleiter*innenkönnten dabei helfen. Patti Smith, Robert Pattinson, Carl Weathers, Nicole Kidman, Christian Bale – sie alle haben Herzog schon einmal getroffen und alle wissen etwas über ihn zu sagen, das dann aber leider nicht über die bereits bekannten, tausendfach wiedergekauten Klischees hinausreicht. Wim Wenders bringt es auf den Punkt: »Das einzige Vorhersehbare an Werner Herzog ist seine Unvorhersehbarkeit.« Wenig erhellend, alles im Einklang typischer Beweihräucherung einer Kultfigur. Lediglich Joshua Oppenheimer oder Volker Schlöndorff bilden da eine Ausnahme. Letzterer beschreibt den anfänglich vor allem in München schaffenden Herzog als einen der wichtigsten deutschen Regisseure, die es bewerkstelligten, an das Wirken der großen deutschen Regisseure der 1920er und 1930er Jahre der Prä-WKII-Ära anzuschließen.

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Spannender ist da schon, was Herzog selbst über Herzog sagt: »I do not dream. Very, very rarely. I always felt it as a void. Something that was missing.« Statt zu träumen, beschwört er die archaischen, tiefliegenden, urmenschlichen Gefühle herauf. »Cave of Forgotten Dreams« (2010) scheint eines der Werke zu sein, das dafür exemplarisch steht wie kein anderes. Werner Herzog hat ein Gespür für Bilder und Landschaften, spannende Persönlichkeiten. Seine Motive sind, in allen seiner Filme sichtbar, stets mehr oder weniger dieselben. Er ist getrieben von dem Willen, die Grenzen des Menschseins zu überschreiten und neu auszuloten, oder zumindest Menschen zu zeigen, die selbst als Grenzgänger*innen zu beschreiben sind. Menschen – oder auch mal nur ein Pinguin –, die in der Leere und Nichtigkeit des Raumes fixen Ideen nachjagen und Ungeheuerliches tun. Die Realität, die in den Filmen erschaffen wird, ist aber immer eine vom Regisseur konstruierte. Das sollte man nicht vergessen, bei all den Ungeheuerlichkeiten, die er mit seinen Adleraugen einfängt.

Hinter der Kamera

Ungeheuerliches passiert jedoch nicht nur vor der Kamera, sondern auch hinter ihr. Mit den ausbeuterischen, zum Teil scheinbar menschenverachtenden Methoden bei Herzogs Dreharbeiten setzte man sich schon vor Jahren auseinander, auch zu seinem 80. Geburtstag erschienen wieder interessante Artikel, die seine Arbeitsweise kritisch beleuchten. Schaut man einige seiner Filme heute erneut an, wird man wohl nicht umhinkommen, sie in einem anderen Licht zu sehen. Das, was früher vielen noch als übermenschlich und als herausragendes Wesensmerkmal Herzogs galt, wirkt heute oftmals rücksichtslos, sein Umgang mit Menschen fahrlässig, sein Verhalten als bloßes hypermaskulines Machogetue. Er selbst zeigt in einem Interview, dass der Zug ins 21. Jahrhundert für ihn persönlich wohl abgefahren ist, wenn er behauptet, dass die »woke Kultur« Kreativität abtöte und das Filmemachen erschwere. Ja nun.

Bild: © Viennale

Über Werner Herzog erfährt man auch in dieser Dokumentation nur wenig (Neues). Eine einzige Szene des Films lässt hinter die Fassade des starken Mannes blicken, der stets nahe an den Abgründen des Menschen wandelt und über sie triumphiert. Als er, gemeinsam mit seiner Frau Lena Herzog, vor dem Haus seiner Kindheit steht, ist es ihm, der noch keinen Vulkan, keinen reißenden Fluss und keinen irren Klaus Kinski gescheut hat, unmöglich, die 20 cm Luftlinie hinein in sein ehemaliges Zimmer zu überqueren. Kurze Zeit später fließen Tränen. Doch schnell betont er, diese rührten nicht von Emotionen her. Der Körperpanzer sitzt also weiterhin fest. Eine weitere interessante Szene ist die, in der er über einen Wasserfall meditiert, der sich unweit des Hauses seiner Kindheit befindet: »Dieser Wasserfall bin ich. Ich möchte auch nicht wissen, wo er entspringt.« Es ist ohne Zweifel reizvoll, die Imagination spielen zu lassen und den Dingen einen natürlichen Zauber zuzugestehen. Werner Herzog ist nicht jemand, der in die eigene Vergangenheit blickt, sein Inneres erforscht, die Psyche analysiert und sein eigenes Denken hinterfragt. Das ist nicht Teil seiner Methode. Darüber muss man sich allerdings auch nicht wundern.

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