Bolechiw © Magdalena Błaszczuk

Putins Sirenen

Profunde Warner verwiesen schon lange vor dem grausamen Krieg gegen die Ukraine auf das Unverständnis, die Widerstände und Verdrängung Europas, welche die reale Bedrohung durch das vermehrt autokratisch agierende Putin-Regime nicht wahrhaben wollte. Aufschlussreiches aus skug #103, 7–9/2015.

Fatalerweise hat sich Putins Autokratie in eine faschistische, totalitäre Diktatur verwandelt, um überhaupt den kolonialen Angriffskrieg gegen die Ukraine führen zu können. Opposition dagegen wird verunmöglicht. Putin und seine grässlichen Ideologen haben die vorgestrige Idee eines Großrussland noch nicht aufgegeben und sinnen umso verbitterter und zynischer nach Rache. Zur russischen Mordmaschinerie gehören die totale Zerstörung von Fabriken, Wohnhäusern, Spitälern, der Raub von Kultur- und Haushaltsgütern, Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung, das Verheizen eigener Soldaten etc. Eine besondere Rolle spielt dabei eine paradoxe Täter-Opfer-Umkehr. Allzu viele russische Staatsbürger, instrumentalisiert von orthodoxer Kirche und gleichgeschalteten Medien, glauben die dreiste staatliche Lügenpropaganda, die die Ukrainer, die klarerweise eine drohende russische Gewaltherrschaft verhindern wollen, als »Nazis« denunziert. Die Diktatur krallt sich mit »Nazi« das Narrativ, dass Russland (es war aber der Vielvölkerstaat UdSSR) damals einen gerechten Sieg gegen Hitler-Deutschland errang, meint aber mehr denn je: Alle Ukrainer sind Feinde, also werden sie wie einst die Juden und alle Osteuropäer (Nazi-Deutschlands Weltkrieg war ein kolonialer) zum Untermenschen degradiert. Aus unserer Sicht ist das komplett absurd, doch aus Sicht der verbohrten russischen Ideologen logisch. Das Fatale dabei ist, dass die Bezeichnung Untermensch und Schlimmeres Putins Soldateska den Freibrief für Kriegsverbrechen ausstellt, die nur schwerlich angeklagt werden können. Putin verleiht den brutalsten Mördern sogar Orden und verhöhnt damit die wehr- und schuldlosen, zu oft auch gefolterten Todesopfer zusätzlich.

Das Versprechen der Straffreiheit lässt bei allzu vielen Männern jegliche Skrupel fallen. Es mag Zufall sein, war aber in seiner Bestimmung ein böses Omen: Fritz Ostermayers Auseinandersetzung mit toxischer Männlichkeit war auf der Doppelseite vor Jurko Prochaskos »Putins Sirenen – Ost in Translation und der Westen« in der Rubrik Thinkable in skug #103, 7–9/2015 zu lesen. Und leider liegt Jurko Prochasko damit richtig, wenn er in Zeitungsinterviews darauf hinweist, dass Putins despotisches Russland immer mehr Nazi-Deutschland gleiche. Und erinnern wir uns kurz an die Flüchtlinge, die der belarussische Diktator Lukaschenko Ende 2021 mit falschen Verheißungen an die polnische und litauische Grenze locken ließ. Damit wurde der EU einmal mehr aufgezeigt, dass sie selbst Menschenrechte verletzt. Ja, die inneren Widersprüche der sogenannten Wertegemeinschaft Europäische Union sind auch ein wichtiges Thema in Jurko Prochaskos mahnendem Text aus skug #103, 7–9/2015.

Tscherniwzi (Czernowitz) © Magdalena Błaszczuk

Ost in Translation

Europa verspielt seinen Wertehorizont. Selbst die gesellschaftliche Mitte glaubt allzu oft einer verheerenden Kreml-Propaganda, die die Erfolge des ukrainischen Euro-Majdan rückgängig machen will. Aus skug #103, 7–9/2015.

Warum stoßen die aktuellen ukrainischen Ereignisse, die Konflikte in der (Majdan-Revolution) und um die Ukraine (Putins Krieg), auf so viel Unverständnis ausgerechnet in Europa, das sich doch vermeintlich dem Frieden und der Freiheit verschrieben hat? Warum ist es für den Westen so schwierig, das was dort gerade vor sich geht, halbwegs einheitlich nachzuvollziehen – trotz geographischer Nähe, mehr als umfassender Berichterstattung und vielfach adäquaten Analysen? Warum erweisen sich große Teile der westlichen Gesellschaften so anfällig gegenüber Putins Propaganda – in Bezug auf die Ukraine, den Westen und das Wesen dessen, was derzeit in Russland vor sich geht? Warum vermag die Ukraine-Krise dermaßen die Öffentlichkeit zu spalten?

Diese beiden Fragenkomplexe gehören für mich schon deshalb zusammen, weil die ihnen zu Grunde liegenden Motivationen sich gegenseitig bedingen, bedienen, ergänzen und multiplizieren. Der wichtigste Zusammenhang zwischen ihnen besteht allerdings darin, dass sie beide größtenteils nicht bewusst sind und sich gerade dort, im Unbewussten, berühren. Vielleicht brauchen Europa und der Westen Anteile, die partout nicht verstanden werden wollen? Sie manifestieren sich derzeit massiv in der ukrainischen Krise und haben viel intensiver und essenzieller mit der Beschaffenheit Europas und des Westens zu tun, als es letzteren lieb wäre. Deshalb gibt es so mächtige Widerstände, sich mit dem zu beschäftigen, was in der Ukraine wirklich passiert ist, und erst recht, sich wirklich damit auseinanderzusetzen.

Die neuerliche ukrainische Revolution [nach der »Orangen Revolution«, Anm.], der Euro-Majdan, hat Themen, Motive und Konflikte aufgerissen, die so zentral für die derzeitigen Zustände im Westen sind, dass dieser alle Kraft der Verdrängung aufbietet, sie nicht als solche erkennen zu müssen. Stattdessen werden die ukrainischen Fragen entweder als etwas Peripheres, Marginales und eben »spezifisch osteuropäisch«, »postsowjetisch« abgetan. Dies bestenfalls, oder aber man resigniert und kapituliert davor mit dem Verweis, das könne man beim besten Willen »sowieso nicht verstehen«.

Rawa Ruska © Magdalena Błaszczuk

Gefährliche Verdrängungsmechanismen

Derweilen handelt es sich um dieselben Konflikte, die längst schon auch mitten in den westeuropäischen Gesellschaften angekommen sind und diese von innen umtreiben: Es ist die Frage nach dem Wesen der Demokratie und nach demokratischer Legitimation; die Frage, wie es um die grundsätzlichen liberalen Ideale und Bürgerrechte steht; die Frage nach dem Wesen Europas und europäischer Solidarität; und schließlich – last but not least – die Frage, ob und wie eine vernünftige Zukunft jenseits des Neoliberalismus möglich ist (in den jüngsten ukrainischen Ereignissen läuft diese letztere Frage unter dem sperrigen Titel »Entoligarchisierung«). Dass sich große Teile des EU-europäischen Politikums und der jeweiligen Öffentlichkeiten dagegen so massiv verschließen, verwundert nicht angesichts der Einsicht, dass die Verdrängung zu den stärksten und auch wirksamsten Kräften in der sozialen Psyche zählt. Dies wiederum macht verständlicher, woher diese unglaubliche und auch viele im Westen selbst verblüffende Neigung herrührt, vielen Thesen oder gleich der Gesamtheit der derzeit weltumspannend betriebenen Propaganda des Kreml Glauben zu schenken. Solche Affinitäten kann man schwerlich als Ausdruck eines genuin westlichen Pluralismus verharmlosen. Ganz im Gegenteil scheinen sich dadurch die Fronten nur noch weiter zu verhärten und überhaupt keine Vermittlungsstrategien mehr im Angebot zu sein. Das Verständnis für den Aggressor ist nur ein Ausdruck der Kapitulation vor dem Verstehen.

Sudowa Wyschnja © Magdalena Błaszczuk

Verführerische Propaganda

Der Abwehrmechanismus funktioniert als Identifikation mit dem Täter und führt zu einer faktenblinden Empfänglichkeit, die in den westeuropäischen Gesellschaften quer durch alle politischen und weltanschaulichen Positionen hinaus zu beobachten ist – die Putin-Versteher rekrutieren sich entgegen oft zu hörender Behauptungen beileibe nicht nur aus den radikalen Milieus, sei es rechten oder linken, sondern oftmals auch aus der sogenannten gesellschaftlichen Mitte. Wie kann es gelingen, die sich sonst bis aufs Blut bekriegenden Parteien so mühe- und reibungslos in einem gemeinsamen Paradigma zu vereinen? Ist es das Versprechen einer Befreiung von jeglicher Ambivalenz, die die Putinsche Propaganda verheißt? So etwas wünschen sich vielleicht die Radikalen, doch wie ist das Mitmachen der Mitte zu verstehen? Ich sehe da nur eine einzige plausible Erklärung: Die Kreml-Propaganda ist so beschaffen, dass sie eben die Radikalen wie die Gemäßigten, zwei eigentlich völlig konträre Gruppen von Rezipienten zugleich anzusprechen imstande ist. Und gerade diese Gleichzeitigkeit ist ein Schlüsselbegriff für das Verständnis dieser paradox anmutenden Propagandaleistung.

Die erste Gruppe, vornehmlich im sogenannten Westen anzutreffen, ist auf das Aufrechterhalten des Status quo bedacht, die zweite will ihn aus dem Lot bringen. Die erste nenne ich »Angst-Abwehr-Gruppe« und die zweite »Ressentiment-Gruppe« – je nach dem führenden Profil der jeweiligen Abwehrmechanismen, zu denen sie in erster Linie greifen. Während diese für eine Beibehaltung möglichst ungestörter Ruhe, der gewohnten Lebensweisen, des wohlhabenden Immer-so-weiter-Machens steht und dafür bereit ist, erhebliche Wirklichkeitsverzerrungen in Kauf zu nehmen, wünscht sich die andere das genaue Gegenteil: Hier findet sich alles was mit dem Präfix »anti« einhergeht: Anti-EU, Anti-Amerikanismus, Anti-Globalismus, aber auch Anti-Moderne, Anti-Liberalismus, Anti-Aufklärung. Wie können diese Reaktionsmuster über alle ideologischen Unterschiede hinweg bedient werden und zu Liaisonen von sonst unversöhnlichen Dispositionen führen?

Kolomyja © Magdalena Błaszczuk

Wider Putins betörende Sirenen

Meine These lautet: Es sind nicht die betörenden Inhalte, nicht die genuine Musikalität von Putins Sirenen, die ihren Gesang so anziehend machen, sondern vielmehr die Zustände in den Seelen ihrer Zuhörer. Und gerade deren kongeniales Zusammenspiel, diese einmalige Mixtur dieser bis in die tiefsten Abgründe der Seele reichenden gegenstrebigen Fügung macht erst die fatale, verblüffende Glanzkarriere der Putinschen Sirenen im sogenannten Westen möglich. Es gibt in der griechischen Mythologie bekanntlich zwei wichtige Episoden, in welchen Sirenen auftreten: jene mit Odysseus und seinen Gefährten und die andere mit Orpheus und den Argonauten. In beiden Fällen wird dem betörenden Gesang der Sirenen standgehalten, wenngleich auf grundverschiedene Art und Weise. Der Odysseussche Weg besteht darin, die Ohren der anderen zu verstopfen und sich selbst an den Mast festbinden zu lassen, der Orpheussche darin, die Sirenen zu übersingen. Im ersten Fall war es eine List, im zweiten das bessere Können. In den heutigen offenen und pluralistischen Gesellschaften können wir uns die Option Odysseus weder leisten, noch wäre sie für uns eine Lösung.

Dieser Text basiert auf dem Vortrag »Putins Sirenen« von Jurko Prochasko am Institut für die Wissenschaften vom Menschen, wo der ukrainische Übersetzer und Schriftsteller im ersten Halbjahr 2015 als Fellow tätig war. Er und sein Bruder Taras Prochasko sind auch die Autoren des Bildbandes »Galizien-Bukowina-Express – Eine Geschichte der Eisenbahn am Rande Europas«, (Fotos von Magdalena Błaszczuk – drei davon illustrieren diesen Text, Hg. Alfred Pranzl, Wien: Turia+Kant 2007).

Link: www.iwm.at