»Trigger Warnung« © Bildungsstätte Anne Frank/Felix Schmitt

Pull the trigger!

Die von Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel herausgegebene Anthologie »Trigger Warnung« versammelt aktuelle Beiträge zur unvermindert kontroversiell diskutierten »Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen«. Große Empfehlung!

Einen beträchtlichen Teil der Spannungen, Brisanzen und Emotionalitäten bezieht die oftmals verbissen geführte Debatte zu Identitätspolitik aus einem zugespitzt formulierten Missverhältnis. Auf der einen Seite haben wir es mit gesellschaftspolitisch mehrheitsfähigen rechts-rechtsextremen Positionen zu tun, deren konkrete Umsetzungen Menschenleben bedrohen und kosten; sei es durch Abschiebungen, unterlassene, schikanierte und kriminalisierte Seenotrettung oder auf der Straße. Aktuell manifestierte sich mörderischer Antisemitismus in Halle. Einige der von Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel (Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt/Main) herausgegebenen Beiträge in »Trigger Warnung« stehen unter dem Eindruck der rassistischen Kundgebungen und Hetzjagden auf »Nicht-Deutsche« in Chemnitz im Spätsommer 2018; erweitert um und diskutiert innerhalb von Themenfeldern und Dispositiven wie u. a. »Heimatschutz«/«Dahoamigkeit«, »Identitäres«, »toxische Männlichkeiten«, »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit«, Anti-Feminismus etc. Auf der anderen Seite scheinen sich die praktischen Errungenschaften von linker Eloquenz und diskriminierungsbewusster Politik in Seminaren mit Safe-Space-Anspruch, Clubnächten mit Awareness Teams und Unisextoiletten zu erschöpfen.

Generation Trigger
Einerseits also wirkmächtige rechte Feinde von außen, andererseits von innen die linken – was eigentlich? Doch noch Gegner*innen, die zuweilen unsolidarische Kritik üben? Oder auch schon feindliche Distinktionsgewinnler*innen, erigierte Hyper-PC-Zeigefinger, klugscheißende Anti-Social-Media-Trolle etc.? Droht, was gestern noch kontroversiell diskutiert werden konnte, heute bereits unversöhnlich gelebt zu werden – auf Kosten von Allianzen, die »vor allem gesellschaftlichen Minderheiten ein etwas besseres Leben im Falschen ermöglichten«? Spiegelt sich die autoritär-repressive Message Control einer rechten Politik der Unverhältnismäßigkeit in der Linken wider, wenn der verständliche »Wunsch nach einem diskriminierungsfreien Safe Space« dem lähmenden Bedürfnis weicht, »sich gar keinen kritischen Auseinandersetzungen stellen zu wollen«?

So stellt sich ja auch weniger die Frage »Safe Spaces: Ja oder Nein?« (und was sind Discos, Clubs etc. anderes), sondern es geht vielmehr darum, wie diese strukturiert sind. Wird »das Andere« durch quasi geschlossene Diskurs-Routen ausgesperrt und verdrängt, um dann – wie wir nicht nur von Lacan wissen – ganz wo anders wieder aufzutauchen, indem Safe Spaces gleich als eine Art Festung konzipiert sind? Oder handelt es sich um temporäre Rückzugsräume zum ungestörten, diskriminierungsfreien Austausch und Kräfte-Bündeln?

Wenn queer-anarchistische Positionen wie jene von Jack Halberstam von »the triggered generation« sprechen, dann geht es hierbei auch um Beobachtungen, die schon vor 20, 30 Jahren gemacht werden konnten, als sich das »P« in »PC« von »Political« zu »Puritan« verschoben hat. Angesichts von Vorwürfen, dass ausgerechnet Lou Reeds »Walk On The Wild Side« wie auch Filme von Warhol, Fassbinder, John Waters, Visconti, Jean Genet oder die Comics von Ralph König homo- und transphob seien, bringt Halberstam das ganze Dilemma auf bullybloggers.com sehr anschaulich auf den Punkt, wenn signifikante Teile der studentischen Jugend als »a messy, unappealing morass of weepy, hypo-allergic, psychosomatic, anti-sex, anti-fun, anti-porn, pro-drama, pro-processing post-political subjects« beschrieben werden.

Verortungen
In den einführenden Verortungen von »Trigger Warnung« erinnert der Psychologe Markus Brunner daran, dass der aus der Traumatherapie stammende Begriff »Trigger« diejenigen Reize bezeichnet, »die unwillkürlich die Erinnerung an ein zurückliegendes Trauma auslösen und dadurch Flashbacks hervorrufen können … Trigger-Warnungen hätten in diesem Kontext gerade nicht die Funktion, dem verstörenden Material auszuweichen, sondern im Gegenteil sollen sie es den Betroffenen gerade ermöglichen, sich mit diesem auseinanderzusetzen.«

Allerdings stellt sich ergänzend auch die mitunter sehr ernüchternde Frage, was denn in einem Klima, wo zwar überall mit »Angst« gedealt wird, das »Unheimliche« jedoch (auch weil es im radikalen freien Markt neoliberalere Prägung keinen Nutzen/Wert hat, wie Mark Fisher feststellt) verschwunden ist, überhaupt noch (an)getriggert werden kann? Sind nicht all die Ultra-Selbstbezüglichkeiten und selbstironischen Inszenierungen bei fast allen Blockbustern und TV-Serien der letzten Zeit eher ein Zeichen dafür, im Grunde gar nichts (out of control) antriggern zu wollen – außer dem diffusen Wunsch nach »more of the same« im »clever & outsmarting game«? In der Hoffnung, es bei all den Wiederholungen auch wieder mal mit Differenz(en) und Distinktionen zu tun zu bekommen?

Eine richtig verstandene Trigger-Warnung ist Bedingung der Möglichkeit für einen Ort, an dem sich eine emanzipatorische Linke, zu der sich die Herausgeber*innen unmissverständlich bekennen, auch selbst befragen und solidarische Kritik üben kann und muss: »Safe space enough« für eine konstruktive Streit- und Konfliktkultur jenseits von destruktiven, diskriminierenden Meinungsfrechheiten und personenbezogenen Diffamierungen. Berendsen, Cheema und Mendel dazu: »Die Beiträge erteilen schlichten Beiß- und Abwehrreflexen eine Absage und richten den Blick dorthin, wo es aus unserer Sicht zwickt und weh tut: wo Identitätspolitik sich in Symbolpolitik erschöpft. Wo Abgrenzungskämpfe zum Zweck narzisstischer Fingerübungen oder der Herausbildung einer postpubertären Cliquenidentität geführt werden.«

Ebenso entschieden wenden sich die Herausgeber*innen gegen das immer wieder gerne praktizierte Hierarchisieren von sozialen Verteilungs- bzw. Klassenfragen und kulturellen Anerkennungsfragen – von vermeintlichem Hauptwiderspruch Arbeit/Kapital und bloßen Nebenwidersprüchen bezüglich Ethnizität, Geschlecht, sexueller Orientierung etc. Bekanntlich trägt das mehr zu »Opferkonkurrenzen« und Fragmentierungen anstatt zu Solidarisierung und dem Bilden (zumindest) strategischer Allianzen bei. »Eine emanzipatorische Linke sollte im Kampf gegen Rechtspopulismus soziale und ökonomische Fragen nicht gegen Rassismus-, Antisemitismus- oder Sexismuskritik ausspielen. Durch einseitige Verengungen gewinnt man hier nichts – weder analytisch noch politisch.« Mit dieser Positionierung empfiehlt sich »Trigger Warnung« als im besten Sinne anschlussfähige Lektüre zu Lea Susemichel & Jens Kastners »Identitätspolitiken. Konzepte und Kritiken in Geschichte und Gegenwart der Linken« (Unrast 2018).

Weitere Verortungen
Wo stehen wir also »zwischen linker Solidarität und betroffenheitspolitischer Vereinzelung« im Gegensatz zu den rechten Wutbürger*innen, die ja auch durchwegs betroffenheitspolitisch argumentieren? Charlotte Busch konstatiert in ihrem Beitrag »Mimosen, Mimesis und Mimimi«: »Insbesondere hebt sich die linke Reflexion eigener Betroffenheit in ihrer differenzierten Analyse des Zusammenhangs zwischen Biografie und Machtverhältnissen vom mittlerweile beinahe Klischee gewordenen besorgten Bürger rechter Couleur ab. Dieser klagt zwar ebenso sein Leid, vermag jenes aber nicht auf dessen gesellschaftliche Ursachen zurückzuverfolgen, sondern versucht, sich ihm mit Vorliebe im Ressentiment gegen Fremdgruppen projektiv zu entledigen«. Kein Zufall, dass die Autorin auch auf Adorno Bezug nimmt.

Auf soziale Fragen werden in rechten Echokammern nationalistische, rassifizierende Antworten gegeben. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob der Rekurs auf ein/irgendein »Ich« (wie in linken Safe-Space-Echokammern üblich) überhaupt »links« ist, sofern das subjektiv Erlebte als Quelle (die eigene Biografie als unhintergehbares, authentisches »Wahrheitsereignis«) und nicht als Thema (zu Traumata führende Diskriminierungserfahrungen als Teil gesellschaftlicher Dispositive) verhandelt wird.

Busch und den Herausgeber*innen geht es nun weniger darum, die »mimosenhaften Betrauerung der eigenen Einzigartigkeit« (was sich eben auch als »postpubertäre Cliquenidentität« manifestieren kann) durchwegs zu dissen. Sie fragen viel eher danach, wie sich der neoliberale Sound von Eigenverantwortung und Selbstoptimierung auch qua Viktimisierung in allen Lebenslagen gerade und speziell in linken Milieus durchsetzen konnte. Wie konnte es von einem »Ich zweifle, also bin ich« zur »neoliberalen Innerlichkeit« des »Ich leide, also bin ich« kommen?

Die »Gefahr einer Psychologisierung und Therapeutisierung des Politischen«, im Gegensatz etwa zur u. a. von Deleuze/Guattari bis Mark Fisher anti-psychiatrisch gepolten »Politisierung psychischer Krankheiten«, bedeutet ja auch gleichsam den Rückzug auf »die stillen Örtchen« oder in diskurs-/friktionsfreie Wellness-Oasen. Nur ist dem entschieden entgegenzuhalten, »dass sich politische Kämpfe in der Regel nicht im Safe Space ausfechten lassen«.

Zudem erscheinen all diese Diskurse, verstanden als innerlinke Debatten, durchaus wie (geschichtsvergessene) Updates all jener 1980er/1990er-Diskussionen rund um die »Gefühlslinke«, die u. a. in Büchern wie »Das Wörterbuch des Gutmenschen. Zur Kritik der moralisch korrekten Schaumsprache« von Klaus Bittermann (Edition Tiamat 1994) schon mal ebenso heftig (und auch hier entlang von Moral versus Politik) ausgetragen worden sind.

Verstrickungen
Den Herausgeber*innen ist offensichtlich klar gewesen, dass ihr »Werben für mehr Fehlertoleranz in linken Zusammenhängen« mehr bedeutet, als dass sich die Autor*innen einer mehr oder weniger gendergerechten Sprache bedienen können – und eine Handvoll mäßig origineller Ausdrücke wie »linksliberale Aufschreieritis« und »permanent wachsende Buchstabenschlange« für LGBTIQplus-Akronyme geduldet wird. Die Art und Weise, wie die stilistisch und z. T. auch qualitativ heterogenen Beiträge versammelt wurden, ist bemerkenswert. Dabei vermittelt das Bekenntnis zu Dissens nicht nur einen äußerst lebendigen Eindruck der aktuellen Debatten. Sowohl diskursiv betroffenen als auch (noch) nicht involvierten Lesenden sollte sich genügend Raum für die je eigene Positionierung zu den vorgeworfenen Brocken eröffnen.

Die Fehlertoleranzschwelle wird in Gadi Taubs »Wenn die Wahrheit verboten ist« hart auf die Probe gestellt. Seine mit verführerischer Verve vorgetragene Polemik beruht auf pauschalisierenden Vorwürfen gegen »den Postmodernismus«, der »philosophischen Entwicklung, die sich der Verwehrung von Wahrheit, Realität und universellen Werten wie Menschenrechten widmet.« Das ist nicht nur oberflächlicher Unsinn, wie er schon vor beinahe 40 Jahren zumindest anfänglich von Habermas und Manfred Frank als grimmige Rezeption des so genannten »Neostrukturalismus« verbreitet wurde. Es ist auch ein Beispiel für die Art von Kritik, die »das Zeug hat, sich falsche Freund*innen und neue Feind*innen zu machen« – worauf die Herausgeber*innen in der Einleitung »illusionsbefreit« hinweisen.

Dass Taub v. a. Autor*innen der kritischen Gender und Postcolonial Studies aufs Korn nimmt, dürfte auch jenen gefallen, die an ihrer irren Nietzsche-Heidegger-Schmitt-R.Camus-Achse schmieden. Für mehr dazu sei an Philipp Felschs wunderbares Buch »Der lange Sommer der Theorie« (Fischer 2016) erinnert. Taubs Artikel zeigt zudem auch, wie solche Debatten auf weitaus niedrigerem Niveau dann im Netz (weiter)geführt werden. Gar nicht an so was wie Diskurs interessiert, picken sich rechte Internettrolle gleichsam jeden Nebensatz (oder eben Diskussionsbeitrag eines theoretischen »Work in progress«) aus Debatten/Diskussionen heraus und basteln sich daraus ein Skandalon linker Abscheulichkeiten. Als ginge es darum, den Boulevard oder das Privat-TV auch hier noch zu übertrumpfen.

»Trigger Warnung« © Bildungsstätte Anne Frank

Diskursschwundstufen
Wir haben es also nicht nur mit einer Situation zu tun, die dem ähnelt, wie es in den 1970ern gewesen wäre, wenn alle Protokolle aller K-Gruppen (via Twitter, Instagram, Tinder, Facebook etc.) öffentlich zugänglich gewesen wären (für Rechte wie für Linke und für den Mainstream/Boulevard). Wir haben auch noch zu berücksichtigen, dass es hierbei meist um die jeweiligen Schwundstufen von linken Diskursen geht; oder um das schon immer Problematische wie Antisemitismus, Nationalbolschewismus, Essentialismus, das Haupt-gegen-Nebenwidersprüche-Ausspielen, Moral statt Politik. Also quasi um Foucaults »Überwachen und Strafen«, gelesen und missverstanden als eine Art »Fifty Shades of Grey«. Nicht umsonst stürzen sich rechte Trolle mit Vorliebe auf die mitunter auch durchaus mal dummen, naiven wie auch (noch) unausgegorenen/wenig reflektierten Ausformulierungen linker Meinungen im Netz.

Anders sieht es mit Schwundstufen linker Diskurse aus, die gerade deshalb so gerne und oft und easy von rechts übernommen werden können, weil sie – wie August Bebel schon bzgl. des »Antisemitismus als Sozialismus der dummen Kerls« festgestellt hat – Kopfweh mit Bauchweh verwechseln und sich dann zwangsläufig im gleichen Befindlichkeitspool wiederfinden. Ebenso sei an Gramsci erinnert, der im Zusammenhang mit seiner Hegemonial-Theorie und der damit verbundenen Figur des*der »organischen Intellektuellen« schon in den 1930ern darauf aufmerksam gemacht hat, dass diese Figur auch von rechts (also als Faschist*in) auftauchen kann.

Im Sammelband selbst erfolgt eine pointierte Binnenkritik von Taubs Beitrag in Form eines kurzen »Twitter-Rants« von Ayesha Khan: »Natürlich kann man Saids, Butlers und Bhabhas Werke kritisch betrachten. Aber es geht nicht, dass dabei ihre Relevanz für post-koloniale & antirassistische Diskurse & daraus resultierende empowernde, aber auch emanzipatorische Praxis für betroffene Menschen völlig außer Acht gelassen wird.« Gut gebrüllt! Und was in den unendlichen Abfolgen von Postings, Mikrokommentaren etc. als minutiöse Momentaufnahmen oftmals wenig reflektierter Regungen fixiert bleibt, erfährt auf wenigen bedruckten Seiten doch auch eine andere Gewichtung.

Zudem geht es doch auch darum, wie mit Texten/Theorien umgegangen wird. Gerade bei Said, Butler und Bhabha gibt es ein Wuchern, welches auch ein Gegen-den-Strich-Lesen ermöglicht. Und das gehört wiederum mit zu den Diskursprägungen gerade in/seitens der Pop-Linken: Wieso diese Bücher nicht in dem Sinn »wie Platten« rezipieren, indem dabei auch immer die jeweiligen Entstehungskontexte sowie die Diskurs-/Bedeutungsverschiebungen mitreflektiert werden? Gedacht als foucaultsche »Werkzeugkisten« haben wir es hierbei ja auch nicht mit Ewigkeitsansprüchen, sondern mit Tools im Sinne von Stuart Hall zu tun, die sich im Idealfall permanent selbst und gegenseitig in Frage stellen, dekonstruieren und transformieren. Anders gesagt: Lieber mit Butler im Irrtum als mit Schmitt im Recht.

Wider die Beliebigkeit
Freilich dürfen begriffliche Transformationen nicht mit willkürlichen und beliebigen Moves verwechselt werden. Nicht abgestumpfte Tools, sondern begriffliche Schärfen lassen auch Dissens zu. Die Autor*innen machen klar, welche Begriffe für sie in Theorie und Praxis zentral sind, welche Aspekte es entschieden zu verteidigen gilt. Saba-Nur Cheema betont, dass Sensibilisierung für Rassismus diesen als strukturelle und institutionelle Benachteiligung identifizieren muss, die sich in der Schule, in der Arbeit, bei der Jobsuche, in Ämtern auch subtil manifestiert. Rassismus sollte nicht einseitig mit »schlechter Behandlung in interpersonellen Beziehungen« gleichgesetzt werden, wie sie es gemeinsam mit Meron Mendel in einem offenbar veritabel misslungenen Experiment eines Antirassismus-Theaters auf- und vorgeführt bekommen hat.

Und dass es bei Antisemitismus noch um etwas anderes als eine »Unterform von Rassismus« in der »Aufzählung von gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeiten« geht, kann in aktuellen Debatten keineswegs als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt werden: »Es geht auch darum, die Anfälligkeit für antisemitische Verschwörungstheorien und die Überidentifizierung mit der unterdrückten Palästinenserin zu hinterfragen.« Wobei gilt: »Über all diese Aspekte kann ordentlich und konstruktiv gestritten werden, es muss auch keinen Konsens geben, solange die Absage an Antisemitismus der Grundkonsens bleibt, denn Dissense müssen ausgehalten werden.«

Sama Maani wiederum kritisiert die Begriffe »Islamophobie« und »antimuslimischer Rassismus«, insofern diese »jene falsche Verknüpfung zwischen dem Islam und Individuen aus Ländern mit islamischer Bevölkerungsmehrheit« unkritisch verdecken. Das muss allerdings noch nicht bedeuten, sich Maanis Verabschiedung dieser Begriffe in allen Kontexten vorbehaltlos anzuschließen. Als passende Tools tauchen sie in Massimo Perinellis Beitrag »Critical Whiteness und das Ende antirassistischer Bewegung« auf: »Der antimuslimische Rassismus evozierte einen Riss durch die migrantischen Communities; Spanier*innen, Griech*innen, Italiener*innen, Portugies*innen standen plötzlich auf der einen, Menschen aus der Türkei, dem Maghreb, Syrien, Afghanistan oder dem Irak auf der anderen Seite. Aus den ehemaligen ›Kanaken‹ wurden nun plötzlich einerseits Europäer*innen und andererseits Muslime und Muslimas – prekarisierte Underclass blieben hingegen beide Seiten nach wie vor.«

Kühlen Kopf bewahren
Wen aufgrund der vielen angesprochenen Problematiken mit ihren so unterschiedlichen Konfliktlinien ein Kolumbus-Gefühl beschleichen sollte, darf sich an den (nur die 250 Seiten des Buches) abschließenden kämpferisch-fröhlichen »Zehn Punkten für den ultimativ richtigen Umgang mit Betroffenheiten, Identitäten und Allianzen« der Herausgeber*innen orientieren.

Auch im Interview mit Stefanie Lohaus und Hengameh Yaghoobifarah vom »Missy Magazine« (u. a. über die auch hier nicht gänzlich übersprungenen Fallstricke der Debatten um »Cultural Appropriation«) werden klare An- und Aussagen gemacht. Statements, die noch immer nicht zu Plattitüden herabgesunken sind, weil sie in hitzigen und von Eitelkeiten überfrachteten Debatten nur allzu leicht vergessen werden: »Viele sagen zum Beispiel, das Trans-Thema sei so akademisch. Dabei sind trans Personen nicht immer Akademiker*innen. Im Gegenteil, geoutete trans Personen haben oft keinen Zugang zum Arbeitsmarkt oder sind Working Class.« Oder: »Man sollte sich überlegen, wie man argumentiert, damit es nicht von rechts anzueignen ist. Das ist doch gar nicht so schwer. Man kann auch muslimische Männer dafür kritisieren, dass sie sexistisch sind, ohne es rassistisch zu machen.«

Wie sehr das Spannungsfeld Identitätspolitiken die Bemühungen um einen (diskriminierungs-)kritischen Popdiskurs strukturiert, davon wissen nicht nur die »Missy«-Schreiber*innen zu berichten. In »Doch hier spricht gerade nicht Kollegah, sondern Felix Antoine Blume« rollen Céline Wendelgaß und Tom David Uhlig nochmals die Echo-Farce und ihre Folgen auf.

Eva Berendsen knüpft an Klaus Walters Artikel »The Kids are Alt Right? Mediale Popstrategien der Neuen Rechten« an. Mit »rechtem Punk« bezieht sie sich auf Milo Yiannopoulos’ Provokationen, wonach »Daddy« Trump der neue Punk sei und ihn zu wählen das ultimative »Fuck you!« an Eltern, Lehrer*innen und die Gesellschaft im Allgemeinen bedeute. Dazu sei angemerkt, wer die frühen L.A.-Punks Fear mit ihrem zynischen Entsolidarisierungs-Schlager »I Don’t Care About You« (wieder)hört, der*dem wird das reaktionäre Potenzial eines puristischen »Fuck you!«, um das es Alt-right Proud Boys vordergründig geht, schlagartig einleuchten. Auch gab es immer schon gern in den offiziellen Ami-Punk-Chroniken Verdrängtes wie Punks für Reagan/Bush zwischen Oi-Gebolze und Country&Western-Heimatkitsch – da musste also nicht erst groß gesucht werden. Kluge Washingtonians wie Soulside hingegen lassen auf ihrer aktuellen Tour die Einsichten ihres passenderweise »Trigger« betitelten Debüts (Dischord 1987) wiedererklingen: »It’s hard not to get the wrong idea from safe and unsafe reflections.«

Zeit, sich den Pop zurückzuholen
Berendsen, Cheema und Mendel resümieren in Punkt Neun ihrer »Zehn Punkte« (durchaus im Sinne von Jack Halberstam): »Wir dürfen Sexyness nicht der Rechten überlassen. Allzu lang sollten wir uns nicht mir der narzisstischen Kränkung aufhalten, dass sich die Rechte erfolgreich der eigenen Konzepte von Provokation, Subversion und Spaßguerilla bedient. Allmählich dürften wir die Taktik ja auch durchschaut haben.« Oder wie es Leo Fischer im Beitrag »Macht euch schmutzig!« formuliert: Mehr »Lärm, Chaos, Klamauk, Subversion« wagen – auch weil die darin versteckte Sexyness etwas ist, was Rechten so wenig gelingen mag wie Off-Beats und Synkopen.

Deutlicher an Georg Seeßlens dezidiert linkem »Is This The End?« als an Jens Balzers liberal-solidarischer Utopie in »Pop und Populismus« orientiert, lautet der Appell: »Zeit, sich den Pop zurückzuholen.« Und das meint bzw. zielt auch auf die eigenen Reihen. Da Pop tendenziell (auch) häretisch ist (sich stets auch gegen jegliche Orthodoxie stellen kann), gibt es auch hier produktive Komplexitätszuwächse durch global-lokale Aneignungen aka »produktive Missverständnisse«. Nur eindimensional gesehen erscheint »Cultural Appropriation« ausschließlich als ausbeuterische Vereinnahmung und nicht auch als de- und umcodierende Aneignung zwecks Anerkennung, Austausch bzw. Ausweg aus essentialistischen identitären, rassistischen, sexistischen, ethnischen, kulturalistischen Zuschreibungen.

»Cultural Appropriation« im Zeitalter all dessen, was »Hypercultures« genannt wird, ist nicht mit jenen Diebstählen zu verwechseln, die die Popgeschichte durchziehen; exemplarisch etwa Led Zeppelins »Vergessen« all der afro-amerikanischen Quellen/Co-Autoren auf ihren ersten beiden Alben. Viel eher drehen sich dadurch all die Diskursschrauben von Pop als eines steten Neuausverhandelns von (nicht nur) Musik umso schneller und mannigfaltiger. Das Nicht-Identische, Ambivalente und Artifizielle/Gemachte offen in Szene gesetzt war auch das, was »Pop« schon in den 1950ern auch für die (dezidiert linke) »Independent Group« von so etwas wie »Folk« unterschieden hat. Auch mag es kein Zufall sein, dass gerade jüngere Autor*innen wie etwa Luise Meier bei ihrer »MRX Maschine« (Matthes & Seitz) auch 2018 noch auf Pop (und Marx und Afro-Futurismus und Queer-Feminismus) setzen. Und vielleicht dürfen wir in diesem Zusammenhang zuversichtlich nicken: In diesem Medium haben wir »den Pop« nie verloren.

Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel: »Trigger Warnung. Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen.« Verbrecher Verlag, Berlin 2019, Edition Bildungsstätte Anne Frank, 256 Seiten, 18,00 €

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