Seun Kuti & Egypt 80 auf dem Rudolstadt-Festival 2019 © Schorle/Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Ohne Kapital keine Kapitalist*innen

Seun Kuti, der Sohn des Afrobeat-Priesters Fela Kuti, will die sozialistische Partei Movement of the People neu gründen, die einst sein Vater ins Leben gerufen hatte. Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, wäre dies zu wünschen – dem Rest der Welt ebenso.

Ein Afrobeat-Musiker gründet also eine Partei. Pop und Politik, da lachen ja die Hühner! Politik, so erfahren wir im ÖVP-Pensionist*innenclub, ist schließlich etwas Seriöses. Wohlerwogene Überlegungen führen zu vorsichtig formulierten Gesetzen, die dann klug umgesetzt werden. An dieser Stelle ist kein Huhn mehr auf der Stange. Nein, das ist alles viel zu lustig, wenn es nicht zugleich so schrecklich ernst wäre. Die Welt befindet sich aktuell in einer äußerst schwierigen Lage und der liegt auch ein mediales Problem zugrunde. Sozialistische Bewegungen wissen seit Anbeginn, dass sie für ihre Politik etwas benötigen, das man einst »Anschauung« nannte. Die Anschauung ist kein Begriff, sie hat nichts mit politologischen Seminaren zu tun, sondern mit erlebter Realität. Mit dem Schmerz und dem Glück des täglichen Lebens und den Folgerungen, die sich daraus ziehen lassen. Deswegen ist in der aktuellen Weltlage leider so wenig vom globalen Norden zu erwarten. Auch hier hat die Pandemie hart zugeschlagen, auch hier wird gestorben, auch hier verzweifeln die Menschen an ihrer Überforderung, auch hier quält der Kapitalismus und auch hier sind bereits die entsetzlichen Folgen des Klimawandels spürbar. Die Probleme erscheinen aber in einem medial wattierten Raum, der alles abfedert und durchaus Ähnlichkeit mit einer Gummizelle hat. Die Schreie werden erstickt und alles ist so weit beruhigt, dass ein ganzes Land während der Pandemie die Öffnung von Sesselliften diskutiert. Dies darf füglich Verblendungszusammenhang genannt werden und wer in diesem drinsteckt, ist gelähmt.

SARS ist das Problem
Seun Kutis nigerianische Lebensrealität wird nicht in Watte gepackt. Dazu haben die dortigen Machthaber nicht die finanziellen Mittel. Deshalb setzen sie auf Gewalt. Diese hat viele Gesichter. Letztes Jahr wollten Kuti und weitere Mitglieder von Egypt 80 ihren Bandleader Dave Obayendo ins Krankenhaus bringen. Sie wussten nicht, ob er Covid hat, Tests gab es keine. Das Krankenhaus verweigert die Aufnahme des Sterbenden. Mit dem Auto hetzten sie zum nächsten Spital, auf dem Weg dorthin starb Obayendo. Kein ungewöhnlicher Fall in Nigeria. Die Ressourcen, um ein zuverlässiges Gesundheitssystem zu errichten, fehlen – angeblich. Gleichzeitig wächst der Reichtum. Dieser wird aber einzig genutzt, um sich die Loyalität eines Mittelstandes zu erkaufen, der meint, er würde an den Gewinnen des Landes teilhaben. Seun Kuti machen solche Illusionen rasend. Seit 1978, also dem Jahr, in dem sein Vater die Partei Movement of the People (MOP) gegründet hatte, hat sich nichts getan. Die Infrastruktur wurde nicht verbessert, ein Wohlfahrtsstaat nie errichtet. Dennoch sprechen manche von »Fortschritt«. Was sie nicht wahrhaben wollen: Wie ein*e Kapitalist*in kann nur leben, wer Kapital hat. Die anderen müssen schuften und ihr mehr oder minder gering bemessener Wohlstand ist abhängig von der Gnade der Reichen.

Wenn es dann zu Krisen kommt, wird einfach reingeschlagen. In Nigeria gab es im letzten Jahr die größten Proteste seit Jahrzehnten. Bei den #EndSARS-Demonstrationen ging es aber nicht um das das SARS-Virus, sondern um eine Spezialeinheit der nigerianischen Polizei, die »Special Anti-Robbery Squad«. Diese ist für ihre Brutalität bekannt. Sie bietet der Bevölkerung keinen Schutz, sondern verbreitet Mord und Totschlag. Bei dem sogenannten »Lekki-Massaker« im Oktober 2020 starben nach offiziellen Angaben zwölf Menschen. Die Bilder von Sicherheitskräften, die wahllos in die fliehende Menge schossen, gingen um die Welt. Seun Kuti bezweifelt die Opferzahlen, in seinem eigenen Vorgarten stand ein Mann mit Schusswunde. Kuti wohnt nicht in Stadtteil Lekki und folgert deshalb, dass überall in Lagos auf Menschen geschossen wurde.

Die Proteste selbst waren Zeichen eines Aufbruchs, der vielen Menschen in Nigeria Mut gibt. Lokale Gruppen organisieren sich und bieten mit viel Einsatz und Solidarität die Gemeinschaft, die der nigerianische Staat ihnen verwehrt. Die Stimmung ist deshalb eigentümlich gut. Es riecht nach Aufbruch. Ganz konkret erleben die Bürger*innen, dass sie bestohlen und unterdrückt werden. Eine kleine Machtelite sichert sich mit Polizeigewalt gegen die Forderungen der Bevölkerung ab. Wie unbeweglich die Verhältnisse sind, belegt der Aberwitz, dass der jetzige nigerianische Präsident Muhammadu Buhari bereits in den 1980er-Jahren Militärdiktator in Nigeria war und Fela Kuti foltern ließ. Für Seun Kuti ist Politik somit etwas ziemlich Persönliches, er muss nur in der Familienchronik blättern, um zu sehen, wie Unterdrückung in Nigeria funktioniert. Die Neugründung der MOP folgt somit für den jungen Kuti einer gewissen Logik. Das erste Treffen sollte in Fela Kutis altem Club, dem »Afrika Shrine«, stattfinden. Die Polizei war schneller, das Gebäude wurde umstellt und es musste sich konspirativ an einem geheimen Ort versammelt werden.

Vielleicht geht es mit Musik
Seun Kuti ist hoffnungsfroh, was die neuen Bewegungen betrifft, und rechnet auch der MOP gute Chancen aus, eine breite Bewegung zu werden. Der Druck sei einfach zu groß geworden, die Ungerechtigkeit zu offensichtlich. Wichtig ist, dass die Menschen den Mut haben, sich wechselseitig zu unterstützen und sich gemeinsam die Lage bewusst zu machen. Kuti benutzt hier gerne ein altertümelndes Wort und spricht von »Klasse«. Nur ein Bewusstsein der eigenen Lebenswirklichkeit kann helfen, die Situation der eigenen Klasse zu verbessern und Ungerechtigkeit zu überwinden. Die Probleme sind global ähnlich: Polizeigewalt, Ausbeutung, Pandemie und Klimawandel. Sie sind ineinander verwoben und stützen die jeweils herrschenden Eliten. Wer brav auf das »Licht am Ende des Tunnels« wartet, stützt vermutlich die Repression. Denn gerade jetzt hieße es, soziale und gesellschaftliche Reformen fordern. Im globalen Norden tut sich wenig, in der Gummizelle ist es bequem und es werden die typischen Bumm-Bumm- und Balla-Balla-Fragen erörtert. »Wer steckt eigentlich hinter Covid???« Das typische Gummizellengefühl zeigt sich, das medial immer glauben macht, es würde noch etwas Ominöses »dahinterstecken«. So fühlt sich Welt ohne Anschauung an. Gleichzeitig können die Oligarch*innen vor der eigenen Nase nicht mehr erkannt werden.

Fela Kutis Antwort auf diese Misere, die er ziemlich gut durchschaut hatte, war eine ästhetische. Seine Verbindung von Funk-Jazz und Yoruba-Priestertum sollte einen Ausweg zeigen. Politischer Aktivismus, Diskussion und Bewusstseinsbildung brauchten seiner Ansicht nach als Basis eine Musik, die genau dies befördert. Der Agit-Prop schwingt das Tanzbein, gemeinsam hotten gegen Austerität. Eingedenk all der Widersprüche und Auslassungen, die die politische Ästhetik Fela Kutis hatte (es war beispielsweise eine reine Männerangelegenheit), das Aussitzen wird es irgendwann nicht mehr spielen. Angesichts der zigfachen Bedrohung aus Pandemien, Umweltkrise und enormer Spaltung der Gesellschaften in einerseits lächerlich Reiche und anderseits vergessene Ausgebeutete ist energischer Widerspruch unausweichlich. Seun Kuti macht den Soundtrack dazu. Selbst strebt er keine Ämter an, er sei schließlich Musiker. In vielen Gemeinde werden jetzt Ortsgruppen gegründet, für die neue Grassroots-Bewegung der MOP. »They have used threat but you can’t stop the will of the people.«