Fotos: Stefan Joham © Belvedere, Wien

Noch nicht bereit fürs Punk-Museum

Die Fehlfarben kehren am 9. Mai 2017 nach fast vierzig Jahren zurück ins 21er Haus, jenen Ort, an dem sie angeblich 1980 ihren epochalen Durchbruch hatten. Der Sound war diesmal besser und der Verve kam im zweiten Teil.

»Kulturschock. Plötzlich wieder aufgefordert, eine Zeitreise zu machen«, schreibt Fehlfarben-Sänger Peter Hein zu Beginn seines Büchleins »Songtexte 1979-2009« und meint damit die Aufgabe, sich seiner eigenen Texte, seiner eigenen Gedanken von früher zu stellen und in Buchform zu rekapitulieren.

Als die Fehlfarben im Wiener 21er Haus, einem Museum für zeitgenössische Kunst, ihr 1980 erschienenes, stilbildendes Debütalbum »Monarchie und Alltag« performen, kommt die Aufforderung zur Zeitreise von der Band selbst: »Wer von euch war 1980 schon hier?«, ruft Gitarrist Thomas Schwebel, Gründungsmitglied der Band, der als Special Guest extra für dieses Konzert eingeflogen wurde, ins Publikum. Der Hintergrund: 1980 standen die Fehlfarben zum ersten Mal im Rahmen der Wiener Festwochen auf der Bühne des Museums. Videoaufnahmen von damals zeigen, wie sich ein Anhänger der Fehlfarben kurzerhand das Mikro schnappt und brüllt: »Der Scheiß-Mixer da hinten, der soll mal besser mixen! Das ist ein unheimlich mieser Sound!«

»Monarchie und Alltag«
Laut Pressetext soll durch die Live-Inszenierung von »Monarchie und Alltag« das Zeitgefühl der 1980er auf die Bühne gebracht werden. Dass das ein recht kühnes Unterfangen darstellt, ist bereits vor dem ersten Song klar. Während die Band vor dem Konzert in der in beruhigendes Blau getünchte und von Paul Kalkbrenners Weichspüler-Techno-Hymne »Sky and Sand« beschallten Lounge einen Snack zu sich nimmt, ist das Publikum dazu eingeladen, die gleichzeitig im 21er Haus befindliche Ausstellung von Daniel Richter zu besuchen. Richter gilt nicht nur als einer der relevantesten deutschen Maler der Gegenwart, sondern ist ein alter Buddy der Fehlfarben. Angesichts dieses Settings stellt sich die zentrale Frage: Ist die Musealisierung der Fehlfarben vollends abgeschlossen?

Die Aufführung von »Monarchie und Alltag« vermag dabei vielleicht allerhand nostalgische Gefühle zu wecken, jedoch den Eindruck, dass die Fehlfarben als eine Tribute-Band ihrer selbst auftreten, nicht ganz zu widerlegen. Hein und Co. liefern die Stücke eines nach dem anderen ab und widmen sich zwischendurch in kurzen Kommentaren der Rahmengeschichte des Abends, die besagt, dass man 1980 an diesem Ort Zeuge des Durchbruchs der Band werden konnte. Der Auftritt basiert ansonsten auf dem nicht ausgesprochenen, aber wohl unter den meisten Anwesenden einvernehmlichen Gedanken: Die Fehlfarben als Protagonisten einer der bedeutendsten popkulturellen Strömungen der BRD müssen hier und jetzt nichts mehr beweisen. Was irgendwie auch stimmt. Und so endet der weitestgehend unspektakuläre »Monarchie und Alltag«-Teil des Sets mit »Paul ist tot«, zu dem Hein – demonstrativ möchte man meinen – mit den Händen in der Jackentasche sachte über die Bühne wippt und selbige als erster der Band verlässt.

Der Schwung kommt mit den neuen Nummern
Zur zweiten Hälfte des Konzerts hat Hein seinen Anzug abgestreift: Fast symbolisch erscheint das Ablegen des feinen Zwirns – nun, da man mit »Monarchie und Alltag« das Business sozusagen erledigt hat, wirkt der Auftritt plötzlich deutlich dynamischer. Beinahe entsteht der Eindruck, dass eine andere Band die Bühne betreten habe, so viel Verve und Elan kommt einem auf einmal entgegen. Offeriert werden Songs der aktuelleren Alben »Glücksmaschinen« (2010)«, »Xenophobie« (2012) und »Ûber … Menschen« (2015), die inhaltlich zumeist nicht weniger schlecht an das Motiv der zivilisationskritischen Gegenwartsdiagnosen anschließen und musikalisch selbstredend etwas ausgeklügelter und vielgestaltiger als das Frühwerk klingen. Die Anwesenheit des seltenen Gastes Schwebel nutzt Hein schließlich, um mit ihm im Duett die alte S.Y.P.H.-Nummer »Industrie-Mädchen« als Zugabe zu spielen.

Eine weitere Zugabe ist »So hatten wir uns das nicht vorgestellt«, ein Titel der zwangsläufig gleichnishaft erscheinen mag, wenn man davon ausgeht, dass die Fehlfarben anno 1980 wirklich nicht schon daran dachten, bald vier Jahrzehnte später als eine Art Ausstellungsstück zu fungieren. Dass sie das nicht sein wollen, nimmt man der Band letztlich ab. Gleichfalls weiß, wer mit der Geschichte der Band und den Wegen ihrer Mitglieder vertraut ist, dass die Parole »Für immer Punk« für die Fehlfarben so nie Gültigkeit besaß. Viel zu breit war ihre Interpretation davon, was der Punk der späten 1970er bis heute alles sein kann. Viel zu avanciert war ihr Verständnis von Popkultur und Kunst, als dass man sich bloß als Sponti-Band labeln lassen hätte, die entweder möglichst schnell und möglichst laut drauf geht oder so lange Gitarren zerfetzt, bis es niemanden mehr interessiert.

Das Live-Konzept der Fehlfarben mischt heutzutage notwendiges Business mit einem gewissen Nostalgie-Faktor, um den »Knietief-im-Dispo«-Status abzuwenden. Bereichert wird das Ganze jedoch dadurch, dass man sich im künstlerischen Ausdruck nicht im Gestern verloren hat. Das wäre auch arg unpassend für eine Band, deren bekannteste Liedzeile »Es geht voran« lautet.

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Fotos: Stefan Joham © Belvedere, Wien