Jens Friebe © Max Zerrahn

Nicht alles, was höher ist als breit, ist ein Phallus

Endlich neues Material von Jens Friebe: Vier (!) Jahre nach dem wunderschönen »Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus« erscheint im Herbst das neue Album »Fuck Penetration« auf Staatsakt. Und auch dieses ist sehr gut.

»Fuck Penetration« beginnt äußerst vielversprechend mit der – erstmals bei Jens Friebe – auf Englisch vorgetragenen Ballade »Worthless«. Doch wie schon auf dem Vorgänger »Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus« ist die rote Linie, die sich durch das Album zieht, dieses verschroben Queere, kabarettistisch Poppige, das die verschiedensten Formen annehmen kann. Vom Balladesken bis zum Disco-Sound, von traurig-melancholisch bis einfach nur recht albern – das alles wird hier abgesteckt. Über Liebe zu singen ist ein altes Geschäft, vielleicht sogar das älteste Geschäft der Welt, aber nicht unbedingt altbacken – es kommt halt darauf an, wie man damit umgeht. Anstatt bloß über Befindlichkeiten zu singen, behandelt Friebe seine Themen so, dass es dann im Ganzen unweigerlich auch »politisch« wird, immer mit einem Prischen Metaphorik und mit einer gewaltigen Messerspitze Humor. So auch bei den LGBTQ-Themen, die er in seinen Songs anspricht. Auf »Special People Club« zeigt er, wie das mit viel Fun funktioniert – ohne dröge und moralisierend zu klingen. Auf »Tränen eines Hundes« gibt er das Mikro an die Jodlerin (!) Doreen Kutzke, die schlagert seltsame Texte hinaus, was so wunderlich ist, dass einem gar nicht auffällt, was für ein Potpourri an Einflüssen und Richtungen sich hier versammelt. Auch, als Jens Friebe gemeinsam mit Linus Volkmann »Es leben die Drogen« darbietet: »Logische Schlussfolgerung!« Auf dem Cover von »Fuck Penetration« ist im unteren Teil ein phallusartiges Gebäude, die Moskauer Universität, als edler Stich dargestellt, mit einem streng angeordneten Garten im Hinterhof, der in einen grünen Wald mündet, der den oberen Teil abgrenzt. Darüber: Eine Schiffsflotte auf sanfter See, die von einem eindrucksvollen Feuerwerk umtost wird, das den Himmel erhellt. Dass es sich mit der Wahrheit nicht immer so verhält, wie es auf den ersten Blick erscheint, erzählte Friebe, der zu diesem Zeitpunkt im kretischen Sturm verweilte, skug im Kurzinterview.

skug: In der Ballade »Worthless« so wie in »Only Because You’re Jealous Doesn’t Mean You’re In Love« behandelst du den Themenkomplex Liebe – Kummer – Hass mit Humor und gibst ihm gleichzeitig eine politische Komponente. Ist das deine Art, mit selbst erlebten Widersprüchen umzugehen?
Friebe: In »Worthless« verwandelt sich Geld aus Angst in Bilder und Häuser und Freunde in Feinde. Das ist zunächst mal eine wirksame rhetorische Figur. Der Schritt zur politischen Deutung ist natürlich nicht so groß. Kapitalismus macht Angst und die Angst vergiftet unser Leben bis in die intimsten Verhältnisse. »Jealous« ist gar nicht so politisch, finde ich, oder zumindest in wesentlich verwickelterer Weise. Es ist auch nicht sehr persönlich im Sinne von akut autobiografisch, ist eher so was, was jeder aus erster oder zweiter Hand irgendwie kennt. Ganz humorlos kann ich nicht schreiben, ich versuche, es nicht zu übertreiben, damit man mich nicht für einen in erster Linie humoristischen Texter hält, was einem in Deutschland leicht mal passiert.

Der überwiegende Disco-Sound und die Tanzbarkeit z. B. des Titeltracks »Fuck Penetration« stehen im Gegensatz zu den gesellschaftskritischen und oft melancholischen Texten. Muss der Tanzflur wieder politisiert werden?
»Fuck Penetration« ist musikalisch fröhlich, weil es dem Text entspricht. Es geht darum, sich gegenseitig Freude zu machen, ohne sich von Tradition und Pornografie sagen zu lassen, wie genau das aussieht. Muss der Tanzflur politisiert werden? Muss nicht. Kann aber. Oder, was vielleicht noch besser geht: Tanzstücke einfach zu Protestliedern umwidmen, wie es mit »Dancing in the street« oder »Pow« gemacht wurde.

Die Symbolik des Covers von »Fuck Penetration« ist doch eindeutig. Die Moskauer Universität als Phallussymbol. Und doch: ein Feuerwerk im Himmel. Ist das Chaos des Orgasmus noch immer eine Chance zur Befreiung vom Patriarchat?
Haha. Da sieht man, wie schwierig das ist, mit der Eindeutigkeit. Für mich ist zum Beispiel nicht alles, was höher als breit ist, ein Phallussymbol, und die Symbolik eindeutig eine andere. Der Kupferstich verweist auf die Renaissance und die Universität auf die sowjetische Revolution, zwei Momente in der Geschichte also, in denen sich ein Pathos der Möglichkeit ausdrückt, die Welt nach menschlichen Bedürfnissen zu gestalten. Dazu gehören die Feier, das Feuerwerk und bitteschön der Orgasmus. Das Chaos bitteschön nicht.

Obwohl du auch auf Englisch singst, steht der internationale Durchbruch leider noch aus. Was bedeutet für dich das Singen auf Deutsch/Englisch?
He, die Platte, auf der ich erstmals englisch singe, ist noch gar nicht draußen. Gönn mir doch die zwei Monate süße Hoffnung auf Durchbruch. Auf Englisch klingt das Prosaische poetischer und andersrum. Und man traut sich mehr mit der Stimme rumzuspinnen. Das Deutsche hat mehr Härte und Schwere, was nervig aber auch nützlich sein kann, je nachdem, was man vorhat.

Jens Friebe: »Fuck Penetration« (Staatsakt)