Neurosis haben überraschend ihr erstes Album in beinahe zehn Jahren veröffentlicht. Die Welt brennt mehr denn je. Doch neu entflammt ist auch die Liebe zur musikalischen Katharsis, wie sie das Quintett aus Oakland ab den frühen 1990er-Jahren mit »Souls At Zero« und »Enemy Of The Sun« nachhaltig kultiviert hat. »The dissonance is deafening«, brüllen uns Neurosis im Intro-Chant »We Are Torn Wide Open« entgegen; noch bevor das erste, passend dissonante Riff von »Mirror Deep« ertönt. Und sie meinen es freilich so elementar, so existenziell wie nur irgendwie möglich. Ihre Kunst kommt von Müssen. Allerdings mussten sich Neurosis in den letzten Jahren mit höchst unerfreulichen Angelegenheiten auseinandersetzen. 2019 wurde Gründungsmitglied Scott Kelly nach Vorwürfen häuslicher Gewalt aus der Band geworfen. Eine konsequente und richtige Entscheidung, den Opfern, Kellys Ex-Frau mit Kindern, zu glauben. Kelly selbst gab erst 2022 öffentlich die Vorwürfe zu und verschwand daraufhin gänzlich von der Bildfläche. Musikalischen Ersatz fand das verbliebene Quartett um Steve von Till vor zwei Jahren in Aaron Turner – genau dem Aaron Turner, der einst selbst von Neurosis schwer beeindruckt Isis formierte und seit 2014 mit Sumac die (Post-)Metal-Welt beglückt. Hat da jemand was von »Neurisis« geflüstert? Turners positiver Einfluss auf den Entstehungsprozess des zwölften Studioalbums reichte jedenfalls über seinen Stimm- und Gitarrenbeitrag hinaus. Mit ihm hat für Neurosis ein neues Kapitel mit den alten Tugenden auf Doppelalbumlänge begonnen. Die erwartbare Wucht entfaltet sich mit frischem Sinn für Dynamik: heavy as fuck in den lauten und ebenso atmosphärisch verdichtet in den leiseren Passagen. Ebbe und Flut. Im achtminütigen »First Red Rays« schwappen Neurosis’ Gezeiten besonders gut in die Gehörgänge über, wenn knapp vor Halbzeit eine sonische Insel der Ruhe auftaucht. Und auch im über viertelstündigen Closer »Last Light« deutet erfreulicherweise alles darauf hin, dass es nicht Neurosis’ letztes Erstrahlen gewesen sein wird. Welcome back!
Neurosis
»An Undying Love For A Burning World«
Neurot Recordings
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