Julianna Barwick

»Nepenthe«

Dead Oceans

Musik ist uns heute geläufig als eine Zeitkunst, aber sie ist dies nicht ausschließlich oder zwangsläufig. Au contraire: Musik ist auch Raumkunst. Und das war lange vielleicht sogar primär. Julianna Barwicks letztes Album trug seinen Titel darum – Zufall oder Reflexion – ganz zu Recht: »The Magic Place«. Denn Musik als Raumkunst schafft solche Räume, ist ein architektonisches Mittel, das gebaute Räume erst durch Klang zu erlebten Räumen macht. Natürlich rede ich von den Kirchen der Romanik und Gotik und einer Musik, die polyphon ist – noch nicht eine Abfolge entzifferbarer kompositorischer Elemente, die reiner Klang ist, verführerisches Netz. Die romanischen Kirchen sind ganz auf den Klang hin gebaut, auf den Effekt hin, den Hall und nachhallender Bass auf den Körper der Gläubigen hat. Nicht das Gebäude der Kirche selbst ist das irdische Äquivalent des Neuen Jerusalems, sondern die Gemeinde in der Kirche – im Ritus, der sich im Klingen und Nachklingen konstituiert. Nicht bloß wird das Brot zu Fleisch, sondern auch die Kirche bereits das Reich Gottes. Diese Qualität der Musik – die wir, wenn ihre Spuren in moderner Popmusik sichtbar werden, zumeist und zu unrecht als »sakral« deuten, weil ihre »Sakralität« keine zwangsläufige ist – ist im 16. und 17. Jahrhundert verlorengegangen. Verloren zugunsten dessen, was der Vorläufer der Popmusik ist. Zugunsten einer Musik, die vom Raum abgekoppelt ist und vielmehr Zeit bespielt, eine bestimmte Länge hat, Anfang und Ende. Verloren gehen kann man darin, anders als in Barwicks Musik, nicht; sie führt schon selbst wieder aus sich heraus. Barwick ist sicher nicht Pérotin, ihre Musik ist ganz eindeutig Popmusik, aber eine, die ihre räumlichen, körperlichen Qualitäten in den Vordergrund rückt. Kein Verstehen steht der Wirkung der vielschichtigen Tonalitäten ihres Gesangs im Weg. Keine Re-Territorialisierung durch dumpfe Wiederholung von Strophe und Refrain, sondern das Wogen von An- und Abschwellen. Man müsste schon zu kurz denken, würde man in dieses Sein von Sound ein bestimmtes Gefühl, Melancholie oder Euphorie hineindeuten wollen. Verwandtschaft in der jüngeren Popgeschichte: Für »Nepenthe« arbeitete Barwick mit dem Produzenten Alex Somers (Alex & Jonsí), nahm im Sundlaugin-Studio von Sigur Rós auf, gemeinsam mit dem Streichquartett Amiina und Menschen von Múm. Es aber gleich als »Island-Album« abzutun, würde ihm nicht gerecht. Zu sehr ist es die Quintessenz all dessen, was dieser Sound jemals hätte sein können. Barwick macht nichts anders als die genannten, hat aber jenes Je Ne Sais Quoi, das manche Musik eben zu etwas Besonderem macht. Details hervorzuheben wäre sinnlos: Dies ist nicht nur das Beste, was der verloren geglaubte Island-Sound in den letzten zehn Jahren hervorgebracht hat (vielleicht, weil Barwick eben New Yorkerin ist), sondern auch eines der wenigen Alben dieser Tage, die jeden Raum, in dem es erklingen wird, in einen anderen verwandeln werden. Raumkunst, nicht Zeitkunst. Ein Kunstwerk!