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»Nanook of the North«

Der gängigen Filmgeschichtsschreibung nach gilt »Nanook of the North« als einer jener Streifen, der das Genre des Dokumentarfilms konstituierte. Der amerikanische Kartograf und Abenteurer Robert J. Flaherty hatte ihn 1922 mit recht beachtlichem Respons präsentiert. Bereits »Nanook« legte Problematiken des dokumentarischen Films blo&szlig, da es von Anfang an massiv um Authentizität und Rezeption ging. Diskurse, mit denen sich auch elektronische Musik praktisch seit Beginn an konfrontiert sieht. Zwar ist sie wegen ihrer Klangbezogenheit bestens geeignet, narrative Sound-Landschaften zu entwerfen. Genau diese Eigenschaft führte jedoch oft dazu, von der »Künstlichkeit« dieser Musik zu sprechen.

Stummfilme & Electronica

Es wird zu einer immer gängigeren Praxis, Stummfilme und Electronica miteinander kurzzuschlie&szligen. Wahrscheinlich macht das allein schon deswegen den meisten Sinn, weil sich beide Gattungen hinsichtlich ihrer medialen Genese in einem experimentellen Frühstadium befinden. Wer wei&szlig schon, wie viele Musikscores es von »Panzerkreuzer Potemkin«, »Nosferatu« oder gar »Metropolis« gibt? Bei Letzterem sei auf den Soundtrack von Jeff Mills von 2000 hingewiesen, der daraus eine wahre Techno-Oper machte. Fenneszs Musikbearbeitung dockt genau an jene Themenfelder an, mit denen der 1989 in die »National Film Registry« aufgenommene Streifen immer schon aufgeladen war: Nämlich eine »Geschichte« zu erzählen. Wie »Moana, A Romance of The Golden Age« (1926) und »Man of Aran« (1934) zeigte schon »Nanook« mit filmdramaturgischen Mitteln eine gesellschaftliche Gruppe und ihr Leben innerhalb einer bedrohlichen Natur.

Der Wiener Medientheoretiker Frank Hartmann weist in seinem Artikel »Instant Awareness« (im Sammelband »Soundcultures«; 2003) bezugnehmend auf McLuhan darauf hin, dass das »Sichtbarwerden von Sound an den Grenzen des Mediums« passiert. Hei&szligt: Wenn der Wiener Elektroniker Christian Fennesz und der japanische Experimentaljazzer Otomo Yoshihide zusammen mit Eva Reiter (Viola da Gamba) und dem Streichtrio des Klangforum Wien einen Soundtrack für »Nanook« zwischen symphonisch und abstrakt produzieren, nähert man sich damit Flahertys Intention wahrscheinlich eher als durch eine rein orchestrale Vertonung. Denn Electronica überführt die Musik in einen Soundscape, bei dem die akustische Ebene – ebenso wie die Kamera im Film – zum teilnehmenden Beobachter umfunktioniert wird. Somit ist die ethnografische Filmstudie durch die auf der Tonspur verwendete Technologie (Laptop, verfremdete Gitarren, Plattenspieler) nicht mehr geografisch determiniert. Man könnte diesem Ansatz, ähnlich wie es bei »Nanook« oft passierte, globalisierende und kolonisierende Tendenzen vorwerfen, deren Attraktivität sich aus der »Exotik des Anderen« speist. Während der Film von fremden Welten kündet, lässt er uns durch seine Musik in den Deleuze’schen Materie-Strom eintauchen. Die erzählerischen Qualitäten des elektronischen Soundscapes treten zutage, wenn das Knattern des Projektors, das Krachen von Eisplatten oder die Kälte der Schneestürme zu hören sind. Während »Nanook« als romantisierend und prä-modern daherkommt, werden wir vom abstrakten musikalischen Status quo wieder versöhnt, der quasi dokumentarisch ein auditives Setting der Polarregion entwirft.

Wahrheit, nicht Wirklichkeit

Bereits um 1910 war Flaherty in den Norden Kanadas gereist und hatte in den folgenden zehn Jahren die meiste Zeit bei den Inuits im Osten der Hudson Bucht verbracht. Er hatte 1916 durch vorangegangene Experimente beschlossen, allein und mit dem gesamten Equipment vor Ort einen Film über die Lebensweise der Inuit-Familie von Nanook zu machen. Dafür nahm er neben einer Newman-Sinclair 35mm-Kamera auch Geräte für Belichtung und Schnitt mit. Am Abend wurde das während des Tags gefilmte Material zusammen mit der Familie gesichtet. Es passierte oft, dass Einstellungen nachgedreht wurden. Die Inuit hatten zur Zeit von Flahertys Film nachweislich Gewehre, aber eine Walrossjagd machte sich mit Spie&szligen einfach besser. Bekannt ist auch jene Szene, in der Nanook versucht, eine erlegte Robbe aufs Eis zu hieven, er sich dabei aber einen schmunzlerischen Wettkampf mit dem Filmassistenten liefert, der am anderen Ende des Seils zieht. Hier lässt sich Eisenstein zitieren, der 1925 gemeint hatte, dass es »in einem guten Film um Wahrheit, nicht um Wirklichkeit« gehe.

Genau diese Wahrheit versuchte Flaherty im ersten amerikanischen Doku-Langfilm einzufangen, für ihn war Authentizität im heutigen Sinn nicht relevant: Wie in den Intro-Tafeln ersichtlich, wollte er das harte aber glückliche Leben der Inuit darstellen. »Nanook« als Zeitdokument gesehen reflektiert auch gut die Stimmung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als Menschenschauen abgehalten wurden und der Topos vom »edlen Wilden« noch Bestand hatte. Heutzutage kann man Flaherty den Vorwurf machen, mit »Nanook« den filmischen Archetypus vom »edlen Wilden« für das europäische und amerikanische Publikum perpetuiert zu haben. Man muss dem Film aber zugute halten, dass es sich dabei um praktisch das erste Filmdokument über das Habitat der nordkanadischen Inuit handelt. Sicher spielte die exotische Welt Nanooks eine entscheidende Rolle für die Popularität des Films: Eine bekannte Eisfirma benannte eines ihrer Produkte nach ihm, als der Jäger und Clanvorstand 1924 starb, berichteten sogar Tokioter Zeitungen darüber, und Frank Zappa inspirierte der Film zum Song »Eskimo Boy«.

For one thing, each kind of perception bears a fundamentally different relationship to motion and stasis, since sound, contrary to sight, presupposes movement from the outset. In a film image that contains movement many other things in the frame may remain fixed. But sound by its very nature necessarily implies a displacement or agitation, however minimal.

Michel Chion

Fennesz, der u.a. auch als Komponist für die Early-Cinema-Collagen »Film ist« (2002) von Gustav Deutsch und Hanna Schimek verantwortlich zeichnete, lässt den Zuhörer bei »Nanook« in Klangwelten eintauchen, die nicht so eisig sind wie die Filmlandschaften, dafür im Deleuze’schen Sinn mindestens so kristallin: Polaroids oder »displacements« von den exotischen Flecken der Soundlandkarten.
Flahertys »Nanook of the North« wird am 30. April im Gro&szligen Saal des Konzerthauses als Auftragsarbeit des Wiener Mozartjahrs 2006 und der Wiener Konzerthausgesellschaft aufgeführt.

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Text
Heinrich Deisl

Veröffentlichung
18.04.2008

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