Motorpsycho

»The All Is One«

Stickman Records

Einer Expertenmeinung zufolge ist das erste Wort des Universums – entgegen der landläufigen Auffassung, das erste Wort sei der sogenannte Urlaut »Om« – »MMM«. Denn genau dieser Laut ist gleichzeitig derjenige Laut, der sich tief aus dem Bauch heraus entwickelt und sich seinen Weg am Herz vorbei bahnt, hin nach oben raus, wenn man die Musik von Motorpsycho hört. Scheiße, Corona, kein total verschwitztes, dreistündiges Motorpsycho-Überkonzert dieses Jahr. Aber zum Glück veröffentlichen sie ja regelmäßig und so auch wieder jetzt. Und der Vorteil von physischen Veröffentlichungen: Man kann sie kaufen und besitzen und nur für sich allein schier unendlich oft hören – was bei »The All Is One«, der dritten und finalen Veröffentlichung des Dreiergespanns neben »The Tower« (2017) und »The Crucible« (2019), definitiv der Fall sein wird. Wie gewohnt geben die drei Herren wie schon in den letzten etwa zehn Alben der letzten ca. zehn Jahre ihre famose Mischung aus – Achtung – irgendwo situiert zwischen dem Jam-Band-Sound von Grateful Dead und dem treibenden Sound von Dinosaur Jr. »The All is One« beginnt mit dem Titeltrack und es wirkt nicht bloß wie der Abschluss der zuvor genannten Trilogie. Zugleich sprudeln dem*der firmen Hörer*in Gänsehaut und Melancholie erweckende Erinnerungen an die Oberfläche, z. B. an alte Alben wie »Timothy’s Monster« oder die Leichtigkeit von »Phanerothyme«, an diese zahlreichen Ohrwürmer, die sich selbst nach dem tausendsten Hörgang nicht abnutzen. Und diesmal, trotz des immer wieder ausufernden Prog-Rock-Aufbaus, des übergeordneten »Konzepts«, gibt es hier wieder einzelne Nummern, die für sich stehen und die man sich sehr gut bei Vollblast in den Korpus forcen kann. So kitschig das klingt, Motorpsycho steht für den konstanten Ausstoß von Endorphinen. »The Same Old Rock (One Must Imagine, Sisyphus Happy)« – instant classic. Wer seit »Black Hole/Blank Canvas« und »No Evil« wieder nach einem Überohrwurm lechzte, der wird ihn hier spätestens mit »The Magpie« finden. Es scheint, die Herren von Motorpsycho haben sich hier wieder stark einfachen, eingängigen Gitarrenmelodien zugewandt, das Schlagzeug ballert wie gewohnt kraftvoll und gibt dem Ganzen die nötige Power. Der Gesang – zum Dahinschmelzen. Wie kann man nur so schön singen? Der Sound vom Album ist wie gewohnt superb. Alte Bekannte wie u. a. Reine Fiske und Lars Horntveth von Jaga Jazzist sind wieder dabei und besonders offensichtlich wird die Auswahl der Helfer in den ausufernden Progressive-Nummern. »N.O.X. I – V« mit viel Streicher- und Chorhintermalung. Sphärische Soli. Gejamme in typischer Qualität. Nach diesem Monster von Songkonstrukt wird es etwas ruhiger. Nach der herzzerreißenden Ballade »The Dowser« schließt das Album mit dem optimistischen »Like Chrome«. Fein. Ach ja. Es ist ein Doppelalbum. Für »Prog-Rock« eine angenehme Überraschung: Es nervt keine Sekunde.