Mose

»Puls«

Galileo Music

Cinemascope-Bilder werden evoziert und damit wird die Scheibe »Puls« der Band Mose als Soundtrack über eine Welt, die noch ein beschaulicher Flecken Erde ist, gewürdigt. Die lange Nachhallzeit der in der Kapelle St. Arbogast (situiert in einer Talsenke der Marktgemeinde Götzis) getätigten Recordingsverweist nicht nur auf einen heiligen Ort, sondern nebenbei bemerkt auch auf ein Bundesland, das aus heutiger Sicht der Wasserköpfe aus Wien verkehrt getauft wurde. Weil die sich von Gott eingesetzt wähnenden Habsburger-Fürsten aus der Schweiz (die Stammburg befindet sich im Kanton Aargau) kamen und daher den Arlberg vor sich hatten! Die Schaltkreise im Hirn verorten als Ausgangssender den Musikladen Feldkirch. Locker überwand die Vinylfracht das Gebirgsmassiv, wo das Ländle dahinter doch eigentlich Nacharlberg heißen sollte. Nach einer Distanz, so lang wie bis zur ukrainischen Grenze, wird die Platte aus dem Karton genommen und sogleich erfreut mensch sich an den auf Reduktion setzenden Schallwellen, die am Schluss, der hier für den Rezensentenauch den Anfang markiert, als »Fin del Mundo« ausfaden. Tja, es ist nicht immer die ganze Band zugange und an der Grenze zu Mexiko riecht es gar wundersam nach Americana, die sich bei oberflächlicher Wahrnehmung ein Album lang mit Post Rock paart. Verwirrenderweise (das Gedächtnis funktioniert nacharlbergisch) legt der vorletzte Track eine falsche Fährte: Volles Rohr ist auf diesem Album einmalig und hört dann auf »taub«. Tja, in diesem abstrahierten Working Blues verbirgt sich bei grummelndem Bass und mächtigem Schlagwerk so etwas wie Schwermutsschmerz, zunächst mit angezerrten Melodica- und Hammondorgeltönen, die Assoziationen zu einer Harmonika wecken und das ausladende Trompetenspiel kontrastieren. Yes, das meines Erachtens am meisten für die melancholische Grundstimmung verantwortliche Leadinstrument bläst Herbert Walser-Breuß, der selten auch zur Tuba greift, wunderschön. Somit ist der auch im von Nikolaus Harnoncourt gegründeten Concentus Musicus tätige Trompeter mittlerweile, auf dem bereits zehnten Longplayer, ein unentbehrlicher Soundfaktor. Auch wenn »Puls« hauptsächlich instrumental pulsiert, wird doch hin und wieder gesungen, wobei dann die Stimmverfremdung an den bayerischen G.rag (Landlergschwister, Hochzeitskapelle etc.) erinnert. Am Ende sage ich noch gern die weiteren Bandmitglieder samt Instrumentarium an, weil jede Klitzekleinigkeit doch seine Wichtigkeit im cinematischen Weniger-ist-mehr-Soundkosmos hat: Thomas Keckeis Gitarre, Gesang, Harmonika, Ukulele. Thomas Kuschny Gitarre, Banjo, Tasten, Snare, Effekte. Markus Marte Perkussion, Tasten, Stimme, Kalimba, Effekte. Karl Müllner Bass, Glockenspiel. Niemand ist hier ein Loser und somit freut es ganz besonders, dass das Vorarlberger Quintett, das einst auch für einen Salon-skug-Gig aufspielte, auf zwei Tracks den Wiener Slang-Ausdruck »Deschek« in die Vorarlberger Klanghistorie eingehen lässt. Zurück in Feldkirch, sei noch das letzte Geheimnis um die Combo gelüftet: Mose bezieht sich nicht auf eine biblische Urgestalt, sondern auf »Moses supposes«, einen alten englischen Nonsense-Reim, der im Musical-Film »Singin in the Rain« (1952) erklingt