Traditionsgemäß startet ein Review mit einer provokanten Ansage oder einer persönlichen Anekdote. Hier startet er mit einer Entschuldigung, denn als Mo Cess & Chrisfader 2021 ihr gemeinsames Debütalbum herausbrachten, wollte ich einen Review zu diesem großartigen Werk verfassen, aber irgendwie hab ich es verschlafen. Sie haben es zwar in meine Jahresliste geschafft, aber verdient hätten sie mehr. Diesmal aber soll alles anders werden. Große Vorfreude und eine Latte, die sehr hoch liegt, für das Nachfolgewerk. Gute vier Jahre nach »Klåmm« erscheint »Neie Ufer« und wie der Titel vermuten lässt, ist eine ganze Menge Wasser die Donau (oder den Inn) hinuntergeflossen. Und irgendwie sind wir alle älter geworden. Gleiches gilt auch für Mo Cess, dem man bereits auf dem ersten – titelgebend – Track anhört, dass er älter und auch reifer geworden ist. Ein Umstand, der sich auf dem Album wie dieser berühmte rote Faden durchziehen wird. Im ersten Teil des Albums – vom Introtrack bis zum Interlude – geht es um Vergangenes und Erinnerungen. War Mo Cess auf »Klåmm« noch der Jäger und hat versucht, der Fliegenplage mit dem »Fliagntatsch« Herr zu werden, so ist er auf »Neie Ufer« zum Fischer mutiert. Keine überhasteten Angriffe, sondern der Versuch, mit der Natur und dem Wasser eins zu werden. »Schnea von gestern« endet mit einem Audioclip von Idles’ Joe Talbot, in dem er über Liebe redet. Gefolgt vom »Interlude«, das weiterhin aus Audiosnippets und Scratches dieses Joe-Talbot-Interviews besteht, geht die Platte nun in den zweiten Teil über. Vorbei die Erinnerungen an länger vergangene Zeiten, hin zum Kampf mit dem eigenen Ich. Gesamt wirkt »Neie Ufer« sehr viel ruhiger als sein Vorgänger. Die Beats sind nochmal einige BPM langsamer, die Samples behutsamer ausgesucht, um das Ganze klangtechnisch zu einem Dauerbrenner zu machen. Gesampelt werden zu einem Großteil alte HipHop-Klassiker und vielleicht nicht so bekannte Songs. Von Beasty Boys bis zu Originoo Gunn Clappaz wird sich bei Oldschool-HipHop der 1990er bedient, bis hin zu The Pharcyde mit »Runnin’« erkennt der geübte HipHop-Head viele musikalische Teile des Albums wieder. Im Unterschied zu »Klåmm« gibt es aber auf »Neie Ufer« unterschiedlichere musikalische Einflüsse. Auf »Im Netz« samplen Mo Cess & Chrisfader die progressive Rockband Novalis und auch das fügt sich nahtlos in die Beats des Albums ein. Ganz geübte Hörer*innen werden auch die eine oder andere aktuelle Inspirationsquelle erkennen und irren sich nicht, wenn sie auf dem letzten Track eine Trompete bemerken, die schon Atmosphere für »Gods Bathroom Floor« verwendet haben. Überhaupt merkt man, dass viele der gesampelten Titel auch inhaltlich nicht weit von der neuen Verwendung entfernt sind. So wird in vielen Tracks auf die Hook verzichtet und statt dieser kommt ein Sample vor, das der Nummer das i-Tüpfelchen aufsetzt. Somit bekommt man als Hörer*in nicht nur vermittelt, wie sich Mo Cess gerade fühlt, sondern vielleicht auch sein musikalisches Gefühl zu diesem Zeitpunkt. Eine perfekte Art, Gefühle weiterzugeben, ohne dass man sie in Worte packen muss – oder in leere Hooks, die heute den Songs selten einen Mehrwert geben. Mo Cess schafft es auf dem Album, sich in neue Storyteller-Sphären zu erheben, und behauptet seinen Status als einer der Top 5 HipHop-Artists in Österreich. Auch wenn die Alben mit anderen Producern auf keinen Fall schlechter sind, so ist klar, dass die Kombination von Mo Cess am Mic und Chrisfader an den Beats die stärkste und zukunftsträchtigste ist. Auf dass wir nicht wieder über vier Jahre auf ein weiteres Album warten müssen. Live kann man Mo Cess & Chrisfader am 21. März 2026 sehen, wenn sie ihr Album im Weberknecht in Wien präsentieren.
Mo Cess & Chrisfader
»Neie Ufer«
Duzz Down San
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