Transport

»Milchreise«

Ana Ott

Mit gutem Grund kann man davon sprechen, dass die Musik auf einem Tonträger bloß den fragmentarischen Anhalts- und vorläufigen Endpunkt einer Vielzahl von über die Veröffentlichung hinausgehenden sozialen Erfahrungen repräsentiert. In einem Album kondensieren: die Suche nach Bandmitgliedern, proben und auftreten, sich streiten und wieder vertragen, sich besaufen und wieder ausnüchtern, sich konzentrieren und wieder entspannen, arbeiten gehen (weil von Musik kann man nicht leben) und wieder proben und auftreten und was weiß ich nicht noch alles – kurz: das Leben der Menschen, die dazu beitragen, dass man am Ende zusammen etwas auf die Reihe gekriegt hat, hier ein Album. So ein Guckloch in einen Szene-Kosmos ist »Milchreise«, ein Signal nach außen: Hier geht was! Wo genau? In Mülheim an der Ruhr. Wo? Zwischen Duisburg und Essen, wo Helge Schneider und Bohren & Der Club Of Gore sich »Gute Nacht« sagen, da arbeiten auch Transport – zusammen mit ihren Freunden vom Label Ana Ott, die sich mehr als nur Mühe geben, mit bislang ausnahmslos erwähnenswerten Veröffentlichungen Aufmerksamkeit zu erregen. Die haben sie auch verdient. Ein sympathischer Haufen Mitt- und Endzwanziger, die eher nicht studieren und vielleicht auch sonst (im bürgerlichen Sinn) noch nichts gelernt haben und folglich (erstmal) nix werden, weil sie – erfreulicher Weise! – anderen Blödsinn im Kopf haben. Einige von ihnen grüßen recht freundlich von der Innenseite des Klappcovers herunter und irgendwann einmal wird das Foto Anlass geben, sich kurz vor der Rente, die zum Leben nicht reichen wird, melancholisch über die Plattenhülle zu beugen, um über die eigene, längst vergangene Jugend zu sinnieren. Soweit ist es aber noch nicht! Zunächst gilt es, nach Mülheim zu gucken, was sich dort hoffentlich in Zukunft weiter entwickeln wird! Und – um endlich zur Musik zu kommen – für den Moment liegt »Milchreise« von Transport zur Begutachtung vor, ein gut vierzigminütiges, instrumentales Album, live aufgenommen und im nicht vorhandenen Studio editiert und aufgemöbelt. Das Trio, bestehend aus Niklas Wandt, Nils Herzogenrath und Edis Ludwig, bedient Schlagzeug, Bass und diverse elektronische Spielereien, um ausufernde musikalische Trips ins Offene zu unternehmen. Das erinnert stark an krautige Vorväter und -mütter, vor allem an Ash Ra Tempels Debüt oder Amon Düül II zu Zeiten von »Phallus Dei«, aber auch an zeitgenössische Projekte wie die Ana Ott Labelkollegen France oder die saarländischen Datashock, deren Vorliebe für absurd-alberne Songtitel sicherlich auch Transport bei der Benennung von Titeln wie »Tanz um den Melkeimer« beeinflusst hat. Aber dieser vermeintliche (und erfreuliche) Unernst lenkt nicht davon ab, dass Transport es mit ihrer Musik ernst meinen und ihre Zuhörer_innen herausfordern wollen. »Milchreise« verfügt über keinerlei Pop-Appeal, und das ist gut so. Die Platte konfrontiert ihr Gegenüber vor der Stereoanlage mit Quasi-Afro-Jazz (»Gesang der Weichplastikkinder«) oder ausufernden psychedelischen Jams (»Das Antlitz im Rauche einer neuen Welt«) – gerne geht auch beides ineinander über (»Tanz um den Melkeimer«). In der Summe ließe sich das Treiben auf »Milchreise« als eine Art bruitistische Ritualmusik beschreiben: laut, lärmig, ausufernd, freudvoll und lebensbejahend. Ein Ausschnitt aus dem Leben vieler, der, wie erwähnt, die Frage aufwirft, wie und wohin es weitergeht, denn die »Milchreise« ist ja für die an ihr beteiligten Menschen schon wieder vorbei!