Cover art Megadeth: »Megadeth« (Tradecraft, BLKIIBLK Records)
Cover art Megadeth: »Megadeth« (Tradecraft, BLKIIBLK Records)

Megadeth: Kränkung, Konsens und Verhärtung

Nach über vier Jahrzehnten zwischen Thrash Metal, militärischen Bilderwelten und reaktionären Ressentiments verkündet Dave Mustaine das bevorstehende Ende von Megadeth. Harmonisch ist an dieser Band nur ihr Abgang.

Die Geschichte von Dave Mustaine ist die Legende einer Kränkung, die über Jahrzehnte fortwirkt. Als der kalifornische Gitarrist ein frühes Line-up von Metallica noch vor den Aufnahmen zum ersten Album »Kill ’Em All« (1983) verlassen muss, ist er tief verletzt. Er reagiert trotzig und gründet Megadeth: immer etwas härter, immer etwas verschrobener als Metallica. Die Band verkörpert eine ruppige Männlichkeit der 1980er, zwischen Stretchjeans und Abwehrgesten. Der Sound der Band ist eigenständig, nicht zuletzt durch Mustaines Gitarrenspiel – rastlos und nervös, zugleich aggressiv und präzise. Stilistische Entwicklungen der Band verlaufen dennoch auffällig eng am Pfad der ewigen Konkurrenz Metallica. Der krächzende Gesang von Mustaine, der oftmals wie ausgespuckt klingt, ist die Achillesferse der Band – oder ein Markenzeichen, je nach Perspektive.

Vom Trotz zu Platin

Die ersten Alben von Megadeth genießen unter Metal-Fans jedenfalls einen makellosen Ruf: »Killing is My Business…« (1985) als ungestümes Debüt, »Peace Sells… But Who’s Buying?« (1986) als originelle Verdichtung und »Rust in Peace« (1990) als technisch glänzender Thrash-Metal-Klassiker. Der ewige Geheimtipp bleibt »So Far, So Good… So What!« (1988), auf dem die Band ungewohnt atmosphärisch klingt und zugleich ihre Punk-Wurzeln ausstellt. Mit dem Video zu einem Sex-Pistols-Cover zeigt sich die Gruppe bereits deutlich Mainstream- und MTV-kompatibel. Verschont von den häufigen Besetzungswechseln dieser Jahre bleibt lediglich Bassist Dave Ellefson, mit dem sich Mustaine erst 2021 endgültig überwirft.

Engagiert werden von Mustaine stets Mitmusiker, die einen hohen spielerischen Standard erfüllen. Megadeth klingen dadurch technischer, in ihren besten Momenten aber auch experimentierfreudiger als viele vergleichbare Bands dieser Zeit. Stromlinienförmiger wird die Musik, als Mustaine den Sound im Anschluss an Metallicas Welterfolg mit dem selbstbetitelten »Black Album« (1991) für Stadien und Arenen öffnet: Megadeth sollen abermals mithalten. »Countdown to Extinction« (1992) und »Youthanasia« (1994) klingen mit ihren Hardrock-Verweisen formal gezähmt, aber harmonisch nach wie vor eigensinnig – klassische Songstrukturen mit schief sitzenden Riffs. Belohnt wird dieser Kurs mit Gold- und Platin-Auszeichnungen, die Band tritt in der »Late Show« von David Letterman auf.

Politischer Kommentator

So kolossal wie Metallica werden Megadeth damit nicht, doch der Durchbruch ist geschafft. Im Anschluss an diese Phase, die unter Fans umstritten bleibt, verliert die Band an Format und Momentum. Mustaines Punk-Metal-Projekt MD.45 mit dem Fear-Sänger Lee Ving erregt kaum Interesse. Der Versuch von Megadeth, mit dem Hockey-Song »Crush ’Em« (1999) das Radio und die Welt der Sport-Events zu erobern, gilt als unangenehmes Kapitel der Bandgeschichte. Eine neue musikalische Idee fehlt daraufhin. Mehrfach wiederholt Mustaine den Wechsel zwischen Pop-Metal und musikalischen Bekenntnissen zum Stil der frühen Jahre. Medial präsent ist gegenüber der Musik zunehmend er selbst – als politischer Kommentator, der irritiert.

Als die nukleare Aufrüstung die politische Imagination der 1980er prägt, werden Megadeth zunächst als kritische Stimme wahrgenommen. Das Maskottchen »Vic Rattlehead« bewegt sich auf Cover- und T-Shirt-Motiven satirisch durch militärische Fantasiewelten und damals populäre UFO-Verschwörungen – gestaltet von Grafiker Ed Repka, dessen Arbeit einen beträchtlichen Anteil am Branding der Band hat. Später fällt Mustaine hingegen durch reaktionäre Äußerungen auf, die wiederholt xenophobe Ressentiments bedienen. Im Gespräch mit Alex Jones fühlt er sich sichtlich wohl – »Info Wars«, das könnte glatt ein Songtitel von Megadeth sein. Was oft als ideologischer Bruch gedeutet wird, kann ebenso als Kontinuum gelesen werden: Die rebellische Pose – gegen Autorität, gegen das Establishment – bleibt bestehen. Lediglich der politische Bezugspunkt wird verschoben. Mit dieser Entwicklung steht Mustaine in seiner Szene und seiner Generation keineswegs allein.

Abschied als Konsens

Als Mustaine im vergangenen Jahr das Ende von Megadeth ankündigt, liegen schwere gesundheitliche Einbußen hinter ihm. Nicht mehr nur Spartenmedien zeigen sich dem Vermächtnis der Band wohlgesonnen – unabhängig von der jeweiligen politischen Färbung: So wird Mustaines Lebenswerk sogar mit einem prominenten Feature in der »New York Times« gewürdigt. Zudem wird im aktuellen Promo-Zyklus wieder einmal das Verhältnis zu Metallica thematisiert – ganz zeitgemäß als Beziehungsarbeit. Die Erzählung von der alten Fehde besitzt eine funktionale Qualität. Schon viele Male zuvor hatte sie zuverlässig Aufmerksamkeit erzeugt. Ein neuer Longplayer, als »letztes Album« vermarktet, ist selbstbetitelt und zeigt das Bandmaskottchen auf dem Cover. Das sind vollkommen risikofreie, aber wirkungsvolle Bekenntnisse zur eigenen Identität.

Solche finden sich ebenso auf der musikalischen Seite: »Megadeth« ist weitgehend routiniert – kontrollierte Aggression, Bandgeschichte zum Anfassen. So klingt »I Don’t Care«, als hätte ein KI-Tool eine Parodie auf den rotzigen Witz der 1980er geliefert. Andere Songs erinnern an den technisch versierten, aber deutlich gezähmten Sound von »Youthanasia«. Das ist nicht aufregend, aber affirmativ: Unter Fans sämtlicher Schaffensphasen wird das neue Material wohl für Konsens sorgen – und um diesen geht es zum Abschluss einer Karriere, die stets von Mustaines Urkränkung angetrieben wurde: jedes Riff eine Selbstvergewisserung. Nachhaltig in Erinnerung bleiben wird das prägende Frühwerk eines Musikers, der nie ganz mit sich selbst – und erst recht nicht mit der Welt – im Reinen war.

Megadeth: »Megadeth« (Tradecraft, BLKIIBLK Records)
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