Das neue Mayhem-Album hat Altbekanntes zu bieten. Als erst siebtes Studioalbum in der über vierzigjährigen Bandgeschichte ließe sich »Liturgy of Death« kurz und bündig als »De Mysteriis Dom Sathanas 2026« charakterisieren. Dass man sich wie (beinahe?) alle (Metal-)Größen bei Veröffentlichungen neueren Datums an den eigenen Genre-Klassikern orientiert, dürfte nicht überraschen. Allerdings gehören Mayhem zu jenen Ausnahmebands, zu deren Klassikern nicht nur das besagte satanistische Mysterienspiel von 1993 zählt, das den True Norwegian Black Metal stilprägend mitdefinierte. Mayhem haben auch das experimentierfreudige Meisterwerk »Grand Declaration of War« (2000) in ihrer Diskografie. Vor einem Vierteljahrhundert wirkte ihre »große Kriegserklärung« kompromisslos kompliziert und riskant progressiv. Sie galt musikalisch weniger all den anderen Metal- und Pop-Kulturen, zu denen sich Black Metal als misanthropischer Gegenentwurf ins Verhältnis gesetzt hatte. Das Album war vor allem ein Bruch mit den eigenen engstirnigen Genrekonventionen. Damit hatten Mayhem Türen zu Klangräumen aufgestoßen, die auch von ihnen selbst auf den folgenden Alben nur selten betreten wurden. Ihre alten Weggefährten von Ulver erwiesen sich auf Dauer risikofreudiger, ließen allerdings den Metal auch mal ganz hinter sich. Abseits von Mayhem ging Attila Csihar, Sänger auf »De Mysteriis«, nicht aber auf »Grand Declaration«, immer wieder spannende Kollaborationen ein: von Sunn O))) über Gravetemple bis Hiedelem mit Schlagzeuger Balázs Pándi. Csihars bewährtes Vokalspektrum reicht bekanntlich von eigenwilligem Knurren und Fauchen bis zu opernhaftem Klargesang. Dementsprechend dynamisch-dramatisch, auch mal mit einem Anflug von Komik, artikuliert er auf »Liturgy of Death« seine aktuellen lyrischen Ergüsse zu Tod und Teufel. Das Gitarren-Duo Ghul und Teloch, immerhin auch schon seit 2011 dabei, komponierte die acht neuen Stücke. Die Mayhem-Urgesteine Necrobutcher am Bass und Hellhammer am Schlagzeug liefern verlässlich taktgenaue Präzisionsarbeit ab. Stabiles Line-up mit solidem Songwriting auf handwerklich höchstem Niveau ihrer schwarzmetallischen Schmiedekunst also. Und im direkten Hörvergleich mit dem schon über sechs Jahre zurückliegenden Vorgängeralbum »Daemon« wirkt »Liturgy of Death«, so frisch veröffentlicht, noch fokussierter, atmosphärisch dichter. Wer auf Traditionskost steht, wird mit den 49 Minuten Todeslitanei in etwa so gut bedient wie Kreator-Fans mit deren aktuellem Werk »Krushers of the World«. Bloß Überraschungen sollte man sich keine erwarten. Denn selbst das Tribal-Drumming am Ende des Albums weckt eher Assoziationen mit Sepulturas »Roots«, das auch schon sein dreißigjähriges Jubiläum feiert. Weil ich dem von Mayhems Sound geprägten Black Metal nach wie vor ein musikalisch noch nicht ausgeschöpftes Potenzial zutraue, bleiben Mayhem hinter meinen leisen Erwartungen zurück, die ich bezüglich anderer altgedienter Bands schon lange nicht mehr habe. Auf ihrer Tour mit Marduk und Immolation werden sie sich in Wien der Aufgabe stellen müssen, dem Festsaal in einem Einkaufszentrum ein wenig morbide Atmosphäre angedeihen zu lassen: am 19. Februar 2026 live in der Simm City.
Mayhem
»Liturgy of Death«
Century Media
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