CineCollective © Ina Aydogan

Lustvoll und nicht spaßbefreit

Von 28. Juni bis 19. Juli 2019 findet am Karlsplatz erstmalig das Film- und Freiluft-Sommerkino »Kaleidoskop« statt. Inwiefern dieses das Ergebnis eines Kollektivs ist und was das bewirkt, erfahren wir im Interview mit den vier Kuratorinnen. Ein Gespräch über Diversität, Interventionen und den Karlsplatz.

Beim »Kaleidoskop« Filmfest handelt es sich um ein von der Stadt Wien gefördertes, öffentliches und vor allem gratis zugängliches Projekt, das in diesem Jahr erstmalig vom Film- und Kino-Kollektiv »CineCollective« veranstaltet wird. Dieses stellt ein vierköpfiges Kuratorinnen-Team, welches sich aus Djamila Grandits, Doris Posch, Lisa Mai und Marie-Christine Hartig zusammensetzt. Im Gespräch erzählen sie, wie Kino und gesellschaftliche Veränderung zusammen und neu gedacht werden müssen.

skug: Ich würde mit einer ganz banalen Frage anfangen: Wie seid ihr zusammengekommen und aus welchen Kontexten kommt ihr alle?
Lisa Mai: Ich kuratiere und leite seit 10 Jahren das Open Air Kurzfilmfestival »dotdotdot«, das wir im Volkskundemuseum machen dürfen. Im Rahmen dieses Festivals haben sich in den verschiedensten Konstellationen schon Zusammenarbeiten ergeben. Zum Beispiel mit Marie-Christine, die eine der künstlerischen Leiterinnen von »ethnocineca« ist. Wir haben schon öfter zusammen kuratiert und bestimmte Schwerpunkte gestaltet. Und es war wirklich eine tolle Zusammenarbeit. Doris ist dann 2017 dazugestoßen, als wir einen ungeraden Jubiläumsschwerpunkt hatten, in dessen Rahmen wir ein Dreier-Co-Vermittlerinnen-Team aufgebaut haben, wo wir überlegt haben, wie man diese Abende eben vermittlungstechnisch gestalten und moderieren kann. Das sind zwei Beispiele, wie wir miteinander vernetzt sind.
Marie-Christine Hartig: Wir haben immer wieder mit dem Gedanken gespielt, dass es doch irgendwie spannend wäre, einmal was gemeinsam zu machen. Was die Ausschreibung der Stadt Wien betrifft, war für uns der Karlsplatz grundsätzlich auch als dieser neuralgische Knotenpunkt wichtig, der mitten in der Stadt liegt und auch politische Verantwortung hat.
Doris Posch: Djamila und ich haben davor schon Projekte zu diesem Vermittlungsgedanken gemacht, wie etwa: In welcher Form kann man Filme in welchen Settings zu einem Publikum bringen? Im Zuge dieses langjährigen Liebäugelns in unterschiedlichen Settings machte es einfach Sinn, »Kaleidoskop« am Karlsplatz umzusetzen, auch weil es bei freiem Eintritt stattfinden kann. Es gibt vom Anziehungspunkt her für den Karlsplatz ganz unterschiedliche Zielgruppen, die davon angesprochen werden können, und Open Air ist ohnehin genial.

Also ihr habt quasi einfach die Chance ergriffen?
Djamila Grandits: Im Zuge der Gründung vom »CineCollective« wollten wir Filmkultur und kuratorische Praxis verbinden. Dabei war für uns alle die Frage wichtig: Was kommt da zusammen? Wir alle, aus der Festivalarbeit kommend mit unterschiedlichen Backgrounds von Kurzfilm über Dokumentarfilm und auch ethnographischem Kino – wie entsteht da ein Mehrwert? Und der Karlsplatz ist für uns auch ein kollektiver Ort und so einen Ort kollektiv zu gestalten, war unser Grundanliegen.

Welche Strömungen sind da von wem gekommen? Oder ist es der Effekt des Kollektivs gerade der, dass das nicht mehr zu trennen ist?
MCH: Es ist nicht nur die Essenz des Kollektivs, dass es nicht mehr zu trennen ist, sondern auch der Grund, warum wir uns gefunden haben und gerne zusammenarbeiten. Wir sprechen eine Sprache und sind trotzdem alle unterschiedlich. Wir sind vier starke Frauen, die in den unterschiedlichsten Bereichen Schwerpunkte setzen. Wir ergänzen uns irrsinnig schön. Wir geben uns Raum für unsere Gedanken. Das Arbeiten innerhalb des Kollektivs funktioniert sehr harmonisch.
DP: Dieses Zusammentragen, Zusammendenken und gemeinsame Praktizieren als Kollektiv, das war für uns relevant. Das hängt auch stark mit unserem Anfangsgedanken zusammen: Was ist denn ein Kaleidoskop? Was bringt das mit sich? Zuerst haben wir das eher filmisch gedacht: Dass wir Filme zusammendenken wollen als Kaleidoskop. Aber eigentlich spiegelt sich der Kaleidoskop-Gedanke auch in unserer Arbeit wider. Von daher ist es auch schön, dass es etliche Ebenen gibt, wo diese Überlappungen, unterschiedliche Sichtweisen insgesamt dann ein Ganzes ergeben, eine Einheit, die erneut viele weitere Anknüpfpunkte möglich macht. Dabei finde ich es auch wichtig, zu betonen, dass das Kollektiv als Stärke zu denken ist und nicht, weil man als Einzelne zu schwach wäre und das Kollektiv braucht.
DG: Das sind Ideenimpulse, die sich weiterspielen: Es werden die Dinge gemeinsam fertig gedacht. Du bringst etwas rein und es spielt sich wie ein Ball weiter und es entstehen ganz andere Assoziationsketten.

Festivalbanner »Kaleidoskop« © CineCollective

Und das wäre auch meine Frage gewesen. Jetzt habt ihr mich – wie soll ich sagen – fast schon mit Input überfordert.
LM: Deine ursprüngliche Frage war danach, was jede mitgebracht hat. Wir bei »dotdotdot« kümmern uns um barrierefreie Zugänge. Durch das Kollektiv gab es dann wahnsinnig viel Input, was etwa Sprachenvielfalt betrifft, weil wir uns ja mit einem Projekt im öffentlichen Raum bewegen, das wirklich für die Bewohner*innen und Besucher*innen der Stadt sein soll. Und die Bewohner*innen sind vielleicht gerade erst angekommen und verstehen nicht fließend Deutsch. Deswegen war es uns wichtig, dass wir zumindest gleichberechtigt deutsch und englisch Programm anbieten wollen, wo dann als dritte Sprache auch die Gebärdensprache dazukommt.
DP: Nicht zu vergessen: die Vielsprachlichkeit der Filme selbst. Wir zeigen die Filme in Originalversion, das heißt, die Vielsprachigkeit oder Mehrsprachigkeit ist auch in den Filmen zu sehen.
MC: Ich habe über die Anfänge von Kaleidoskop nachgedacht. Abgesehen von dem, was wir mitbringen konnten, war es auch so, dass wir alle in diesem Projekt Chancen sahen, Dinge umzusetzen, die wir in unseren anderen Projekten nicht machen können. Zum Beispiel habe ich mir am Anfang gedacht: Endlich einmal Spielfilme zeigen!
LM: Beziehungsweise, dass wir den barrierefreien Zugang, den wir bei Kurzfilmen ausprobiert haben, jetzt bei Spielfilmen im öffentlichen Raum mit freiem Eintritt anwenden können. Ich freue mich überhaupt sehr, dass wir ein Projekt mit freiem Eintritt machen können, weil dies ansonsten meistens nicht möglich ist, nachdem wir mit Subventionen und Sponsor*innengeldern nicht auskommen. Jetzt haben wir den Luxus, dass Fördergeber*innen da sind, die sich wünschen, dass etwas bei freiem Eintritt im öffentlichen Raum stattfinden kann. Das finden wir ziemlich genial.
MCH: Was eine tolle Herausforderung war, war die Vermittlungsprogramme in den Intros anders zu denken und sagen zu können: Wir probieren Dinge aus, schauen was gut funktioniert, was den Leuten Spaß macht, was uns gemeinsam mit dem Publikum Spaß macht. Wie ist es möglich neue Perspektiven zu eröffnen, neue Impulse zu setzen durch die Vermittlung?
DG: Du wolltest uns eine Frage stellen?

Nein, nein, nein! Ich finde das gerade hervorragend, um ehrlich zu sein. Weil während wir da so übers Kollektiv reden, sehe ich jetzt gerade live, wie dieses Kollektiv denkt! Ich könnte jetzt auch einfach gar nichts mehr sagen und euch einfach euch gegenseitig interviewen lassen. Das ist einfach nur ein Beweis, dass das, was ihr beschreibt, funktioniert.
DG: Jetzt aber endlich konkret zum Intro-Programm!

Ja genau, das wäre die nächste Frage gewesen …
DP: Also! Konkrete Eckdaten: Jeder Abend startet um 21:00 Uhr und das Filmprogramm beginnt nach der Dämmerung um 21:30 Uhr. In dieser halben Stunde werden Stimmungen, die im Film vorkommen, aufgegriffen und mittels unterschiedlicher Formate Themenschwerpunkte gesetzt, also ein Hinführen, miteinander Korrespondieren und in Resonanz Treten mit dem Filmprogramm für den jeweiligen Abend. Und das passiert durch künstlerische Interventionen, durchaus auch interaktiv mit dem Publikum oder auch durch musikalische Performances. Das ist auch das, was du vorher angesprochen hast: Wie positioniert sich das Kollektiv? Wie wird unsere kollektive Arbeit am Karlsplatz sichtbar? Dafür ist eben auch Film als Medium medienübergreifend,  formatübergreifend zu denken.
LM: Die Inhalte sind auch in unserem Leben verankert. Man kann durch sie ganz konkrete Anknüpfungspunkte finden! Wir haben 22 Filme – also eigentlich 31 Filme, alle Vorfilme und Musikvideos miteingerechnet – aus 20 verschiedenen Produktionsländern. Aber eigentlich könnten sich die Geschichten, die da erzählt werden, auch in unserer Nachbar*innenschaft abspielen. Wir schauen einfach, wie die Menschen in Wien – Künstler*innen, Aktivist*innen etc. – zu den unterschiedlichsten Themen arbeiten. Wir wollen zeigen, wie unsere Stadt als eine leiwande, vielfältige Stadt zu begreifen ist.
DG: Wobei es uns auch ganz wichtig ist, Lesarten vorzuschlagen und zu Übersetzungsprozessen zu machen. Nicht einfach simpel zu sagen: Das ist ein französischer Film, also lasse ich eine Person aus der französischen Community als Vorprogramm auftreten. Wir wollen durch das Vorprogramm vielmehr Gedanken evozieren: Welche Elemente, welche gesellschaftspolitischen Momente oder welche Themen – und das kann auch in dem Fall auch witzig oder abstrus sein – kommen da vor? Und wie kann man dann die Brücke zu Wien und den Dingen, die hier passieren, schlagen?

Also quasi in den Zuschauer*innen Denkprozesse anregen?
DP: Hinterfragung auslösen: Wieso haben sie gerade das ausgesucht und nicht das, was für mich vielleicht offensichtlich gewesen wäre?
DG: Das könnte auch auf deine vorige Frage zurückgreifend interessant sein, weil es einfach für uns sehr viel um die Prämissen am Karlsplatz ging. Dabei geht es auch um politische Verantwortung. Es ist ein Festival im öffentlichen Raum, das von der Stadt subventioniert ist, es ist die Idee, möglichst viele Leute damit anzusprechen. Viele Projekte, die wir machen, sind schon auch nischig in ihrer Art und Weise. Manche mehr, manche weniger. Deshalb wollen wir auch sagen: Wir schaffen einen neuen Spagat zwischen Dingen, die ganz, ganz viele Leute ansprechen, ohne irgendwie unpolitisch zu werden. Einerseits nicht in eine mainstreamige Geschichte reinzufallen und andererseits nicht mit pädagogischem Zeigefinger aufzutreten, von wegen: Wir wollen euch jetzt zeigen, wie Film funktioniert.

Ich finde es spannend, dass diese Idee Karlsplatz als neuralgischer Knotenpunkt aufgegriffen wurde. Worin besteht dieser neuralgische Knotenpunkt?
DG: Der Karlsplatz ist ein super zentraler Ort, er ist ein klassischer Verkehrsknotenpunkt. Der Karlsplatz ist einer der größten Plätze in der Stadt, der zentral ist und ganz viele Nutzungsformen hat. Es gibt das Niederlassen und dort Verweilen, das Durchfahren mit dem Radl und das Umsteigen in der U-Bahn-Station. Dann gibt es natürlich auch die historische Geschichte mit den monumentalen Bauwerken oder aber die Technische Universität und auch eine Schule. Am Karlsplatz gibt es Leute, die dort schlafen, weil sie nirgendwo sonst schlafen können. Auch hat der Platz diese lange Brennpunkt Karlsplatz Geschichte, wo es auch darum ging, die Themen Sucht und Drogenkonsum unsichtbar machen zu wollen, woanders hinzushiften. Das impliziert auch die Frage: Was macht das mit einer Stadt? Wie geht die Stadt mit Problemen und Konflikten um? Geht es um Unsichtbarmachung oder geht es auch darum, diese Dinge zu integrieren und die vielfältigen Nutzungsformen auch zu akzeptieren? Gibt es da vielleicht doch ein Miteinander? Der Karlsplatz hat die großen Kulturinstitutionen und gleichzeitig aber auch einfach nur das Abhängen und Sein-Können und ist trotzdem auch ein sehr touristischer Ort. Und neuralgisch, daher, weil sich ja dort alles bündelt, sich verkehrstechnisch so viel kreuzt und auch von dort in alle Richtungen der Stadt erstreckt.
MCH: Es ist aber auch ein vielschichtig kultureller Ort mit vielen unterschiedlichen Veranstaltungen. Das Künstlerhaus, das brut, der Musikverein, die Kunsthalle, das Wien Museum – das sind ja alles ganz unterschiedliche kulturelle Institutionen, die dort ansässig sind.
DP: Das greifen wir auch auf in unserem Programm. Wir treten in Kollaboration mit einigen von diesen bereits dort verorteten Kulturinstitutionen. Zum einen haben wir durch die Intros an vier Abenden eine große Kollaboration mit dem Wien Museum, mit der Ausstellung »Takeover«, die Raum gibt für Street Art, Urban Cultures, Skateboard Cultures. An zwei Abenden gibt es auch eine Kollaboration mit einer weiteren Ausstellung in der Kunsthalle, nämlich »Hysterical Mining«, die auf Technologieschwerpunkte setzt, und dabei zeigen, wie Gender mitverhandelt oder eben auch nicht mitverhandelt wird.

Djamila Grandits, Doris Posch, Lisa Mai und Marie-Christine Hartig (v. l. n. r.) © Ina Aydogan

Also auch auf dieser Ebene ganz kollektiv! Was mich prinzipiell interessieren würde, weil es den großen Hype Open-Air-Kino jetzt noch nicht seit allzu langer Zeit gibt oder er zumindest in den letzten zehn Jahren sehr geboomt hat: Wie soll sich euer Festival von anderen Open Air Kinos unterscheiden und welche Resonanz erhofft ihr euch auch davon?
LM: Es ist einmal grundsätzlich als Einladung formuliert. Das ist eben unser Luxus im Vergleich zu anderen Open Airs, die Tickets verkaufen müssen. Es ist eine Einladung, aber auch ein Experiment: Du kannst kommen und dich darauf einlassen. Deswegen gibt es sehr viele Dinge, die um die Filme passieren: die Stimmungen und Gespräche. Wir kommunizieren alles sehr offen, weil es gibt solche furchtbaren Schlagwörter wie »Partizipation«, die man fast schon immer im Konzepttext drinnen stehen haben muss, weil sonst kein Projekt mehr in irgendeiner Form eine Berechtigung hätte, schwarz auf weiß. Diese Einladung muss halt auch wirklich auf vielen Leveln, was das Konzept und auch die Produktion betrifft, gut durchdacht werden. Weil wie kann man einladend sein? Wie kann man jetzt möglichst Barrieren und Schwellen ausräumen oder gar keine entstehen lassen? Wir müssen nicht nach einem 0815-Kulturkonzept starten, wo jetzt schon einmal grundsätzlich Sprachbarrieren etc. drinnen sind. Wir hatten den Luxus, das neu zu denken.
DG: Da geht auch ganz viel um eine politische Grundhaltung, die durch uns vier zusammenkommt und nicht darum, politische Inhalte per se durchzupeitschen. Wir versuchen zu vermeiden, diskriminierende Inhalte zu reproduzieren, indem wir eine Selbstverständlichkeit dafür haben und nicht versuchen, eine Repräsentationspolitik zu fahren. Und trotzdem versuchen wir einfach unterhaltsames, gutes Sommerkino zu machen. Ich glaube auch, dass es einfach das ist: Wir sind vier Kuratorinnen, die mit unterschiedlichen Sensibilitäten, Geschmäckern etc. alles in einen Topf geschmissen und gemeinsam ausverhandelt haben, um so dieses Programm entstehen zu lassen. Und inwiefern es sich vom Vorgängerprojekt (Anm. »Kino unter Sternen«) abgrenzt? Das Vorgängerprojekt hat viel österreichischen Film gefeatured, was wir bedingt auch weiter tun. Wir wollten es aber durch viele internationale Positionen ergänzen. Wir haben uns viel mit dem Thema vielfältige Stadtkulturen auseinandergesetzt …
DP: … und wollen das auch grenzüberschreitend wahrnehmen. Eben nicht irgendwelche national boundaries reproduzieren. Was dieses Sommerkino aber auch unterscheidet, ist, dass es den Luxus gibt, bei Schlechtwetter eine Ausweich-Location anzubieten, das Stadtkino.
DG: Wir haben zwar nie irgendwelche Quoten vereinbart, aber wenn man sich das Programm anschaut, dann ist auch der Anteil von filmschaffenden Frauen sehr groß. Das ist auch ein Beispiel für diese Selbstverständlichkeit, von der wir sprechen.

Ich finde es großartig, dass du diesen Unterschied vorher gemacht hast: Inhalte pushen versus eine Haltung haben und durch die Idee selbst diese Haltung zu tragen, anstatt etwas ausdrücken zu wollen.
DG: Das ist auch das, was wir mit diesem nicht-pädagogischen Zeigefinger gemeint haben.
MCH: … Ebenso meint es auch die Selbstverständlichkeit, dass wir mit unterschiedlichen Lebensrealitäten und gesellschaftspolitischen Gegebenheiten einfach umgehen und nicht immer darauf hinweisen müssen, dass die Vielfalt in der Stadt aufgrund von dem oder dem gegeben ist.
DP: Insofern zielt unser Projekt »Kaleidoskop« auf Aktualität ab. Aktuell nicht nur in den Themenfindungen oder in den Themen, die wir ansprechen, sondern auch in den Filmproduktionen. Es sind auch etliche junge Filmschaffende dabei, das heißt neben Regisseurinnen-Positionen auch First Features, Erstlingswerke. Ebenso Produktionen, die keinen regulären Kinostart hatten. Um zu zeigen: That’s what’s happening!
MCH: Wir hatten aber auch nie die Intention, uns abzugrenzen.

Die Frage war ja auch sehr plakativ, von wegen: Wieso seid ihr cooler als die anderen?
DG: Naja sind wir und sind wir auch nicht. Es geht schon auch darum, zu zeigen: eine Stadt wie Wien erfordert ein ergänzendes Kulturangebot. Es haben andere Sommerkinos ganz andere Qualitäten oder ganz andere Gegebenheiten. Deswegen glaube ich, dass der Raum ein großes Thema ist. Wenn Lisa zum Beispiel im Garten vom Volkskundemuseum eine Intimität schaffen kann, die am Karlsplatz einfach nicht zu schaffen ist oder wenn das Museumsquartier einfach schon mit künstlerischen Prädispositionen und großen architektonischen Mauern arbeiten kann, dann kannst du dort auch anders Programm vermitteln und andere Filme zeigen als da, wo wir uns bewegen. Deswegen geht es auch darum, wie man Räume schafft und auch, wie diese Räume nebeneinander gut koexistieren! Es ist wichtig, dass alles nebeneinander gut existieren kann, und nicht alle versuchen, das Gleiche zu machen.
DP: Diese Offenheit des Platzes, die sozusagen die Fühler ausstreckt in unterschiedliche Richtungen, das ist auch ein Kaleidoskop.
MCH: … zu fragen: Was braucht es noch in der Stadt?
LM: Und uns sind auch unterschiedliche Dinge abgegangen und diese unterschiedlichen Dinge, die uns gefehlt haben, sind zusammengeflossen und haben jetzt die erste Ausgabe von Kaleidoskop ergeben.

Wow! Ihr nehmt mir meine Fragen die ganze Zeit vorweg – und ich finde es toll! Ich glaube, ich muss bei der Verschriftlichung Zwischenblenden einfügen, die anmerken: Hier wäre meine nächste Frage gewesen, aber sie wurde sowieso mitgedacht. Jetzt wollte ich nämlich grad fragen: Bei einer Idee, die so einen ereignishaften Charakter hat – wie kann sich die in der Zukunft transformieren?
LM: Nach dieser ersten Ausgabe von Kaleidoskop werden wir realisieren, wo noch Bedarf ist und was wir ausbauen können. Zum Beispiel zum Thema Barrierefrei: Da gibt es noch so viel zu tun und es gibt keine Subventionen dafür! Das kann man nur lösen, indem man gute Partner*innenschaften macht, mit Leuten, die für dieselbe Sache kämpfen. Dieses Jahr gibt es einmal »nur« die barriereFREItage, die aber nur einen ersten Schritt darstellen! Das kann vielleicht in den nächsten Jahren durch andere Schwerpunkte ersetzt oder ergänzt werden.
DG: Aber auch in den filmischen Formaten: Es gibt noch viele Genres, die man ausprobieren und ergänzen kann.
DP: Wir haben uns dafür entschieden, dass das Programm für sich spricht. Deswegen gibt es auch diese Tags, diese Schlagwörter, die wir im Programm anwenden. Und aus kuratorischer Sicht gäbe es da noch etliche weitere Tags, die wir gerne am Karlsplatz sehen wollen. Heuer gibt es mal 15 Tags, unter anderem #hitzeflimmern, #beats, #nachtaktiv oder #superpowers.

Eröffnungsfilm »Alifu, the Prince/ss« von Wang Yu-Lin © Creative Media Production

Da muss ich jetzt einmal einhaken – was genau ist unter diesen Tags zu verstehen?
DG: Es gibt beim Filmfest keine thematischen Schwerpunkte im Sinne von: Es gibt jetzt vier Filme zum Thema Nacht und fünf Filme zum Thema Arbeit etc. Vielmehr ist das Programm cross-referenziell. Die Themen der Filme kreuzen und überlappen sich eben auch kaleidoskopisch. Die Tags sind eine Beschlagwortung. Ein Film kann bis zu fünf Schlagwörter haben, die sich mit anderen Filmen kreuzen können, wodurch wieder eine Verschränkung und ein Ineinandergreifen entsteht. Die Filme sprechen miteinander, sind aber nicht klar einem Thema zugeordnet. Es ist ein anderer Weg, sich durch das Programm zu tasten.
MCH: Es kann sein, dass in den nächsten Jahren manche Tags bleiben werden, manche Tags dazukommen. Vielleicht gibt es einige, die einfach bleiben werden, weil sie für die Arbeit, die wir tun, und das Statement, das wir setzen wollen, wichtig bleiben.
DG: Es ist ein Symptom oder Zeichen für ein entgrenztes Denken, dass es nicht abgeschlossene Formen hinstellt, sondern aufzeigen will, wie das Denken ineinandergreift und wie einzelne Arbeiten ineinandergreifen. Wir haben dieses Projekt im Zeitraum von sechs Monaten komplett neu gedacht und gestaltet und dementsprechend sind irrsinnig viele Ideen da, die in dieser kurzen Zeit einfach noch nicht umsetzbar waren. Ich glaube, dass sich damit über einen etwas längeren Zeitraum ganz viel aufbauen kann. Quasi aus sich heraus. Und die andere Sache ist, dass wir »CineCollective« auch noch abseits vom »Kaleidoskop«-Projekt gegründet haben und durchaus offen dafür sind, Kuratorinnen bei anderen Veranstaltungen und Formaten zu sein. Dieses wertvolle Zusammenspiel, lässt sich auch noch anders ausspielen.

Habt ihr vielleicht noch ein Schlusswort?
LM: Es unterscheidet uns vielleicht nicht von anderen Festivals, aber zeichnet uns besonders aus: Wir sind und das Ganze ist grundsätzlich neugierig. Wir sind extrem neugierig, Sachen zu erfahren, zu lernen und …
DG: … und deswegen sollen die anderen auch neugierig sein, vorbeikommen, am besten jeden Abend!
LM: Es ist definitiv ein Filmfest für neugierige Menschen und wer noch nicht neugierig ist, der oder die wird es bestimmt werden und neue Dinge über die Welt erfahren wollen.
DG: Es ist lustvoll und nicht spaßbefreit!

Lustvoll und nicht spaßbefreit! Das nehme ich als gutes Schlusswort. Ich danke euch sehr für das Gespräch.
Alle: Wir danken dir.

Link: http://kaleidoskop.film/