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London Sinfonietta im Birtwistle-Fahrwasser, Wien Modern im Wiener Konzerthaus, 31. 10. 2011

Es ist aber immerhin – anders als im Pop – ein Vergleich, bei dem Üsterreich keinesfalls den Kürzeren zieht. Die britische Klassik, das mag ein wenig überraschend kommen, hat sich eher an den insulären Eigenheiten der Briten orientiert. Das bedeutet: Musikalische Innovationen wurden nur spärlich im-  bzw. exportiert. Das geht zurück bis ins 15. Jahrhundert und führte im 20. Jahrhundert gar zur bösen Unterstellung, England sei ein »Land ohne Musik«. (Wer jetzt Oasis sagt, kriegt eine gescheuert.) Tatsache ist: Welchen modernen britischen Komponisten kennt man denn schon au&szliger Benjamin Britten? 

Benjamin, Bedford, Holt, Adès, Birtwistle
Eine gute Gelegenheit, sich kundig zu machen, war der 31. Oktober im Konzerthaus. Bei ihrer einzigen Aufführung im Rahmen von Wien Modern brachte die renommierte London Sinfonietta unter Franck Ollu fünf britische Komponisten zur Aufführung, George Benjamin, Luke Bedford (der junge Mann war anwesend), Simon Holt, Thomas Adès und Harrison Birtwhistle, der als »Held« der modernen britischen Musik, jedenfalls aber als einer ihrer bedeutendsten Komponisten gilt. Ob der Abend als Leistungsschau gedacht war, steht aber zu bezweifeln, dafür bewegten sich die fünf Komponisten zu offensichtlich im Fahrwasser von Birtwistle. Und gerade in der modernen Klassik sind es die Nuancen, die den Unterschied machen. Und ein unnachgiebiger Gestaltungswille wohl auch, der dem allzu redundant wirkenden Klangsspektrum der (Post-)Atonalität wirklich individuelle Werke abringt. Warum etwa muss nach fast jedem disharmonischen Soundcluster (und so einen gibt es immer!) ein statischer Violinenton stehen bleiben? Warum muss jeder halbwegs akzentuierte Rhythmus immer abgehackt bzw. ach so komplex daherkommen? Und warum zur Hölle muss jeder Anflug von Polystilistik unter Zwang vermieden werden, wo man doch ohnehin ein episodisch-assoziatives Kompositionsverständnis pflegt. (Insiderprobleme sind das, gelle. 😉
Die vier vorgestellten Komponisten neben Birtwistle bewiesen an diesem Abend nur eingeschränkt diese so wichtigen Personalstiltugenden. Die witzigste Konzeption hatte »Man Shoots Strangers From Skyscrapers« des damals (2002) blutjungen Luke Bedford. Die Komposition ist der episodischen Erzählstruktur des Buñuelfilms »Das Gespenst der Freiheit« nachempfunden, wo die Kamera stets einer offenbar unbedeutenden Figur in die nächste Episode folgt. So entwickelte sich die Komposition mitunter blo&szlig aus Details des eben verstrichenen Takts weiter. Das Resultat klang trotzdem eher nach Hitchcock bzw. Bernard Hermann, denn nach Buñuel. Und das Kompositionsprinzip selbst ?? wir sagten es schon: Schlag nach bei Birtwistle.

Werkschau ohne Zukunftsmusik
Die angenehmste ?berraschung des Abends war »Lilith« von Simon Holt, ein fast schon entspannt zu nennendes, ebenfalls sich assoziativ wandelndes Stück, das der Komponist selbst als unausweichliches Puzzle bezeichnete. »Silbury Air« von Harrison Birtwistle hingegen war das anspruchsvollste Stück des Abends, allerdings, wie es für einen Komponisten vom Schlage eines Birtwistle auch zu erwarten ist, auch das dankbarste. Die komplexe, rhythmisch vielgestaltige Komposition belohnte die ZuhörerInnen mit einem furios zurückgenommenen Finale. Die »Living Toys« von Thomas Adès hingegen fügten dem Abend kaum eine neue Komponente hinzu – au&szliger vielleicht der Frage, was sich wohl der Percussionist an so einem Abend denkt, nachdem er zuvor schon Pingpongbälle in Wassergläser oder Zeitungsseiten zerrei&szligen durfte, nun aber gestärkte Hemden als Schlaginstrument verwenden darf oder gar ein paar kesse Flamenco-Rhythmen in eine Komposition einstreuen darf, die nun überhaupt nichts Hei&szligblütiges verströmt. Aber vielleicht braucht auch er ganz einfach nur das Geld ?? Jedenfalls, es war kein Abend, an dem wir die Zukunft der Musik der Westlichen Welt gehört haben, aber als Werkschau war es äu&szligerst verdienstvoll. Und nicht zuletzt durfte man einem erstklassigen Ensemble bei der Arbeit zusehen.

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Text
Curt Cuisine

Veröffentlichung
05.11.2011

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