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Lip Cream

»Kill Ugly Pop!«

Relapse

Japcore vom Feinsten! Relapse Records ist es geglückt, die gesamte Diskografie einer japanischen Hardcore-Punk-Legende auf insgesamt sechs Tonträgern remastered wiederzuveröffentlichen. Lip Cream aus Tokio waren von 1984 bis 1990 aktiv, veröffentlichten vier (Mini-)Alben, EPs und etliche Compilation-Songs. Ihr vor 40 Jahren erschienenes Debütalbum mit der musikalischen Kampfansage »Kill Ugly Pop!« ziert seinerseits ein Pop-artig buntes Cover mit den Köpfen von Minoru (Bass), Naoki (Gitarre), Jha-Jha (Vocals) und Pill (Drums). Lip Cream und ihre Peers der japanischen Hardcore-Szene waren ein typisch glokales Phänomen – wenn auch im tiefsten Underground angesiedelt. Selbst von den derberen anglophonen Punk-Spielarten beeinflusst, mixten sie eigene Elemente in ihren Sound, begeisterten und beeinflussten damit ihrerseits Bands in Europa und den USA. Passenderweise supporteten Lip Cream 1985 die Prügelknaben Chaos UK, die als erste englische Punk-Band in Japan tourten. Jha-Jhas heiseres Shouting vermischte bevorzugt japanische Texte mit englischen Wortfetzen. Und das gefiel wiederum Leuten wie John Zorn, der Lip Cream in der Special-Thanks-Liste seines Albums »Spy Vs. Spy« anführte und ein »New York London Tokyo Hardcore Triangle« beschwor. Im »Maximum Rock’n’Roll«, dem in San Francisco ansässigen Zentralorgan des weltweit sich vernetzenden Hardcores, rezensierte ein gewisser Brian Schroeder alles, was sich nach Geschwindigkeitsübertretung anhörte. Schroeder, besser bekannt als ikonischer Zeichner unter seinem Pseudonym Pushead, frönte selbst mit seiner Band Septic Death (Jha-Jha trägt ein Band-Shirt im untenstehenden Video) der Core-Beschleunigung. Mit seinem kurzlebigen Label Pusmort besorgte er die ersten Übersee-Releases japanischer Bands wie Execute, Gastunk und eben Lip Cream. Die waren zwar weder so exzentrisch-obskur wie die berüchtigten GISM (denen eine Nähe zur Yakuza nachgesagt wurde), noch so rasend überdreht wie der Proto-Grindcore von S.O.B. Dennoch machen die remasterten Aufnahmen deutlich, wie gut Lip Cream zu den ebenfalls nach wie vor hörenswerten Hardcore-Sensationen der zweiten Hälfte der 1980er passen: Poison Idea, Final Conflict, Heresy, Ripcord etc. Unter den wiederveröffentlichten Songs finden sich auch Lip Creams Beiträge zur Compilation »A Farewell to Arms«; drei alternative Aufnahmen von »Kill Ugly Pop!«-Songs. Ursprünglich 1986 auf ihrem japanischen Stamm-Label Selfish erschienen, kam die Scheibe 1988 auch auf Nuclear Blast Records heraus. Genau, beim deutschen Metal-Multi, der mal klein als Hardcore-Label mit Lizenzveröffentlichungen begonnen hatte. Und nun sind es die Death-Metal-Spezis von Relapse, denen in Kooperation mit Minoru und Jha-Jha dieses Hardcore-History-Projekt gelungen ist. Leider sind Naoki 2021 und Pill (der unter anderem auch mit Keiji Haino als Head Rush spielte) 2024 verstorben. Den Wiederveröffentlichungen liegen zum Teil englische Übersetzungen bei, allerdings sind selbst einige Songtitel nur in japanischer Schrift reproduziert. Über manche Titel darf man schon schmunzeln. Ist etwa der »Fareless Drunker« doch ein »Fearless Drunk«? Aber das schmälert den hochenergetischen Gesamteindruck in keinster Weise. Wer keinen Hörmarathon mit allen sechs Releases am Stück absolvieren möchte, sollte neben »Kill Ugly Pop!« zumindest ins letzte Album »SIN« reinhören. Es klingt in der Tat noch so, wie der Titel seines dritten Tracks lautet: »Fresh«!

Home / Rezensionen

Text
Peter Kaiser

Veröffentlichung
02.02.2026

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