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Polly Jean Harvey, die kenn‘ ich schon lange, du meine Güte! Schon seit sie 1991 mit verrotzter Nase von der Schaffarm ihrer Eltern nach London kam und gleich mal zwei furiose Platten hinlegte. Aber London war wohl nicht ganz ihr Ding, sie brüllte »Lick my lips, I’m on fire«, schminkte sich wie ein Vamp und war kurz davor, eine »Joan Crawford auf Acid« zu werden. Aber dann zog sie wieder zurück nach Dorset an der westenglischen Küste und erfand sich mit »To Bring You My Love« neu, düsterer und entspannter zugleich. Ein Welterfolg war die Belohnung. Dann machte sie mit John Parish das krachig-experimentelle »Dance Hall At Louse Point«, und wer Polly schon im Mainstream gesehen hatte, verfluchte sie dafür. So wechselhaft ging es dann weiter. Man wusste nicht so recht, wo sie jetzt wieder hin will. Elegische Rocksongs, treibende Hymnen oder versponnener Bluesrockkrach? Zwischendurch jammte sie auch mit Josh Homme. Oha! Auf »Uh Huh Her« verriet sie uns, wie sie ihr Metier betreibt: »Wenn du mit einem Song Probleme hast, schmei&szlig den Teil weg, den du am meisten magst«. Im Ernst? Im Ernst! Auf »Whitechalk« verzichtete sie ganz auf ihr Lieblingsgerät, die Gitarre und »Let England Shake«, das aktuelle, in einer Kirche aufgenommene Album, pendelt (nicht zuletzt aufgrund der eigenwilligen Instrumentierung) zwischen überdrehtem weird folk (allerdings eher britischer Prägung) und den für Polly so typischen, fragilen Songstrukturen. Inhaltlich folgt die CD einer nicht ganz unprätentiösen Antikriegslyrik, die sich auch in den ersten Weltkrieg oder nach Bosnien verirrt. Ein Fest für Feuilletonisten also. Klingt das jetzt so, als wäre das neue Album nicht gut? Gebt mir noch eine Sekunde. Rezensionen sind undankbar, wenn es um ein Lebenswerk geht. Stets muss man das neueste Teil abfeiern oder verdammen, im schlimmsten Fall sogar gegen frühere Gro&szligtaten ausspielen. »Jetzt ist sie wieder witzig, innovativ, jetzt ist sie wieder da«! Als könnte man die 42-jährige Polly noch irgendwelchen Teens andrehen. Nein, sie ist nicht wieder da, sie war nie weg. »Let England Shake« mag überraschender, nuancenreicher sein, letztendlich ist es ein weiteres stimmiges Puzzleteil in einem 20 Jahre umspannenden Werk, das sich längst in die Annalen der modernen Rockgeschichte eingeschrieben hat. Geht nicht hin und hört euch diese CD alleine an, geht hin und entdeckt diese wunderbare, widersprüchliche, manchmal nervige, manchmal beglückende Musikerin. Und lernt es zu lieben, dass Polly nur das macht, was ihr entspricht, nicht das, was uns gefallen könnte.

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