Leprous

»Pitfalls«

Inside Out Music

Wenn Männer leiden, dann gibt es kein Außerhalb des Leidens. Auf diese Weise betrachtet ist »Pitfalls« von Leprous eine überaus männliche Platte. Einar Solberg, Frontmann und Hauptsongschreiber auf diesem Album, schmachtet sich jedenfalls durch die Songs, die allesamt poppiger ausgefallen sind als bisher bei der norwegischen Progressive-Band üblich, und schraubt dabei seine eindrucksvolle Stimme in Tonhöhen, die bisher noch kaum ein Mann gesehen oder gar getroffen hat. Dafür gibt es kunstimmanente ebenso wie biographische Gründe. Leprous, immer schon eher freigeistige Progressive-Rockband ohne Scheuklappen, haben sich über die Jahre stetig weiter in melodiegetränkte Gefilde vorgewagt und dafür etwaige Genre-Klischees kontinuierlich in den Hintergrund treten lassen. Dass das aktuelle Album deshalb weniger progressiv oder komplex oder gar ein Solberg-Solo-Album sein soll, wie von so manchen »Pitfalls«-Kritiker*innen in letzter Zeit geäußert, trifft dennoch nicht wirklich zu. Die Prioritäten haben sich auf »Pitfalls« aber nunmehr endgültig und höchstwahrscheinlich irreversibel verschoben. Die Stimme und die Gesangsmelodien stehen nicht mehr im Dienst der instrumentalen Komplexität, sondern die Instrumente und deren Ton- und Musikerzeugung ordnen sich der Stimme und den Melodien unter und unterstreichen diese virtuos aber nicht muckerhaft. Zudem geht man dezenter, aber nach wie vor hochmusikalisch ans Werk. Statt alles mit Tönen zuzupflastern, herrscht hier, im Gegensatz zu manchen Genre-Genoss*innen, oft auch mal noble Zurückhaltung vor. Ausschlaggebender Punkt dieses letzten Schrittes in Richtung »Pop« mag die Depression von Solberg gewesen sein. Um ebenjene dreht sich jedenfalls textlich so gut wie alles auf dieser Platte. Furcht, schreckliche Kindheitserlebnisse, dunkle Zeiten, you name it. Dass »Pitfalls« dennoch keine Platte geworden ist, in der sich Solberg und seine Bandkollegen in Selbstmitleid suhlen, macht die Größe dieser Aufnahme aus. Vielmehr geht es hier um Katharsis. Leid und Depression sind omnipräsent, aber am Ende steht quasi das Licht und die Hoffnung. Um das Jammertal auf musikalischer Ebene zu durchqueren, ziehen Leprous wirklich alle Register: Ausgefallene, aber stets nachvollziehbare Harmonien, extravagant arrangierte Chorpassagen, vertrackte Rhythmen, mehr Synthesizer-Sounds als jemals zuvor und vor allem Melodieläufe, die einen bis in den Schlaf verfolgen. Dass sich diese Melodien dennoch nicht abnutzen, sondern immer wieder aufs Neue glänzen und faszinieren, gehört ebenfalls zu den Qualitäten dieses Werks. Zugegeben: Eine Vorliebe für Pathos kann nicht schaden. Zudem solle man sich für Grauzonen interessieren, denn »Pitfalls« bewegt sich zwischen allen Stühlen. Es ist keine Popplatte, nicht wirklich eine Progressive-Rock-Geschichte und schon gar nicht Rockmusik im herkömmlichen Sinne. Es ist das Album einer Band, die sich von Zwängen, Genre-Vorschriften und Erwartungshaltungen fast vollständig befreit hat. Damit hat sie einen ganz eigenen Sound gefunden, der mit der eigenen Bandgeschichte zwar nicht vollständig bricht, aber diese transzendiert. Das Album ist ein Solitär, der Bezüge kappt, auch zu sonstigen Einflüssen. Ein Erlebnis!