The Notwist © VOLUME.at/Mario Baumgartner

Leave me paralyzed

Bei ihrem Konzert in der Wiener Arena am Donnerstag, dem 4. April 2019 boten The Notwist viel »Neon Golden« mit allerlei stilistischen Exkursen.

The Notwist haben 2019 zwar kein neues Album, aber eine 30-jährige Geschichte vorzuweisen. Nach ihrer Gründung 1989 im oberbayerischen Weilheim machten sich die Brüder Markus und Micha Acher sowie Martin Messerschmidt als progressive Punkband einen Namen und spielten etwa als Support für Dinosaur Jr., während sie rund um ihren Herkunftsort für ein Aufblühen der Musikszene sorgten. Die im Fahrwasser von The Notwist entstandene Szene (deren meist irgendwie mit dem Notwist-Personal verflochtene Bands wie Lali Puna oder Katacombo allerdings langfristig keine große Bekanntheit erlangten) führte 1998 gar so weit, dass sich das englische Musikmagazin »The Wire« zu fragen wagte: »Is Weilheim the new Seattle?«

The Notwist © VOLUME.at/Mario Baumgartner

Vom Beginn als Punk-Trio über das Opus Magnum bis zum Umbruch
Einen Quantensprung in ihrer musikalischen Entwicklung machten The Notwist, als Martin Gretschmann festes Bandmitglied wurde. Erstmals wirkte Gretschmann, also known as Console oder Acid Pauli, am 1998 veröffentlichten Album »Shrink« mit. »Shrink« enthielt Komponenten, die bei The Notwist bisher kaum präsent waren, wie Jazz, dem die Acher-Brüder eigentlich schon lange nahestanden, und Electronica, für die eben Gretschmann verantwortlich war. In den kommenden Jahren widmeten sich die Bandmitglieder unter anderem verschiedenen Nebenprojekten (siehe: Weilheim-Szene) oder der Mitarbeit an Soundtracks (wie dem des Films »Absolute Giganten).

2002 schließlich, sechs Jahre nach »Shrink«, erschien »Neon Golden«, das weitläufig als ihr Opus Magnum gilt. The Notwist perfektionierten ihre ausgefeilte Fusion aus Indie-Rock und elektronischen Klangwelten, »Neon Golden« lotete einmal mehr Genregrenzen aus und wurde von der Musikfachpresse und in Feuilletons überschwänglich besprochen. Bald wurden Referenzen zu Radiohead hergestellt und The Notwist zu Vorreitern des sogenannten Indietronic auserkoren. Ganz wohl schienen sich die Achers und ihre Kollegen bei all der Lobpreisung oft nicht zu fühlen, aber ja, »Neon Golden« war ein Meilenstein. Besonders beeindruckend war – und ist bis heute – die Detailverliebtheit und Raffinesse der Kompositionen, die wie Pop-Songs und Sinfonien zugleich wirken. Wer sich ein Bild davon machen möchte, mit welcher Akribie The Notwist zu Werke gehen, sei die Dokumentation »On/Off the Record« von Jörg Adolph aus dem Jahr 2006 empfohlen.

The Notwist © VOLUME.at/Mario Baumgartner

Nach dem gleichfalls grandiosen »The Devil, You + Me« von 2009 kam es 2014/2015 zu einem zentralen Umbruch: Electro-Mastermind Martin Gretschmann verließ die Band. »Close to the Glass« war der letzte Output, an dem Gretschmann mitwirkte, und zugleich das bis dato letzte »konventionelle« Album der Band. Danach folgten »The Messier Objects«, eine tendenziell experimentelle Sammlung von 17 Instrumentalstücken, und »Superheroes, Ghostvillains + Stuff«, ein Live-Mitschnitt eines Konzerts in Leipzig. Mit diesem wurde all jenen, die noch nicht in den Genuss eines Notwist-Konzerts gekommen waren, eindrücklich bewiesen, wie erstklassig es der Band gelingt, ihren Facettenreichtum und Detailismus nicht nur auf Platte, sondern auch auf der Bühne umzusetzen.

The Notwist in der Arena Wien … und bald auch in der Grellen Forelle?
In der Wiener Arena bekam man am 4. April 2019 mal wieder die Gelegenheit, sich von der Qualität dieser Band zu überzeugen. Schade ist jedoch, dass das Set in so gut wie jeder Hinsicht »Superheroes, Ghostvillains + Stuff« glich, letztlich nur um ein paar Nummern verändert. Wenn man sich das Live-Album von 2016 also schon einmal angehört hatte, wusste man während des Konzerts recht genau darüber Bescheid, was als Nächstes passieren würde. Das schmälert allerdings nicht den kolossalen Eindruck, den The Notwist live hinterlassen.

The Notwist © VOLUME.at/Mario Baumgartner

Die Band macht zwischen den Stücken selten, und wenn, dann nur sehr knappe Unterbrechungen. Es scheint von der ersten bis zur letzten Sekunde alles im Fluss zu sein. Und dieser Fluss trägt bemerkenswert viele Strömungen und Strudel in sich. Grundsätzlich bilden »Neon Golden«-Nummern den Rahmen, diese kommen jedoch in einem für Liveauftritte maßgeschneiderten, imposanten Gewand daher. Das Konzert umfasst in fast zwei Stunden nahezu alles, was irgendwie mit den Kategorien alternativer Musik verbunden werden kann. Bei »This Room« glaubt man am Anfang und am Schluss Free Jazz präsentiert zu bekommen, mittendrin wird man schnurstracks in Experimental-Noise-Gefilde entführt, alles etwas entschleunigt von Markus Archers sanftem und melancholischem Gesang: »What are we going to do about this?«

Großes Spektakel ist auch »Pilot«, das zuerst unterschwellig in Richtung eines Dub-Remixes hüpft und nach dem zweiten Refrain zum Techno-Track morpht, mit dem The Notwist ebenso, etwas weiter den Donaukanal aufwärts, in der Grellen Forelle gut aufgehoben gewesen wären. Im nächsten Moment werden wiederum selten gehörte, ruhige Stücke wie »0–4« oder »Lineri« mit einem Fingerspitzengefühl dargeboten, als sei der ganze Abend ohnehin als ein Ambient-Pop-Konzert gedacht. Vergleichsweise konventionell performte Evergreens wie »Pick up the Phone« oder »Consequence« könnte man zwischen all dem fast ein bisschen fad finden, wenn diese nicht grundsätzlich schon so schön wären – und The Notwist lassen auch hier weder Hingabe noch Kunstfertigkeit missen.

The Notwist © VOLUME.at/Mario Baumgartner

Man erlebt es nicht so häufig, dass eine Band dermaßen mühelos und dennoch vollends überzeugend zwischen den Stilen und Atmosphären changiert und dadurch während eines Konzerts so vielfältige Gefühlslagen evoziert. The Notwist schaffen dies seit vielen Jahren und man hört ihnen immer wieder gern dabei zu.

Link: http://notwist.com/