Oz Almog & Shantel

»Kosher Nostra (Jewish Gangsters Greatest Hits)«

Essay/Indigo

Unter dem Titel »Kosher Nostra. Jüdische Gangsters in Amerika 1890-1980« zeigte der Künstler und Kurator Oz Almog im Wiener Jüdischen Museum 2004/2005 eine Ausstellung zu einem bis dato beinahe sträflichst vernachlässigten Thema. Zwar zeigten Filme wie »Es war einmal in Amerika«, »Der Pate«, »Bugsy«, »Casino«, »Gangs of New York« oder TV-Serien die »The Sopranos« oder »Boardwalk Empire« schon immer mehr oder weniger die Verbindungen zwischen Cosa Nostra und Kosher Nostra, doch au&szliger Namen wie Bugsy Siegel oder Dutch Schultz (der in der Popkultur vor allem durch ein Buch von William Burroughs bekannt wurde) drang fast nichts durch. D. h., es musste schon eifrig selber nachgeforscht werden um Hyman Roth (aus »Der Pate II«) als den Lucky Luciano-Kumpel Meyer Lansky oder Herman ??Hersh?? Rabki (aus »The Sopranos«) als den ebenso legendären wie berüchtigten Musik-Produzenten Morris Levy zu identifizieren. So lag es nach all den Mobster/Mafia/Good Fellas-Sampler der letzten Jahre mit hauptsächlich italo-amerikanischer Musik (bzw. mit jener, die die »Good Fellas« nicht nur in den Filmen von Martin Scorsese gerne gehört haben), wohl auch auf der Hand, sich mal die Jukebox-Bestückungen in den Clubs der Kosher Nostra genauer anzusehen. Was Shantel dabei in einer knapp fünfjährigen Suche zusammengetragen hat, ist weit mehr als nur Gangsta-Swing. Viel eher reiht sich der Sampler zwischen dem 2002 erschienenen Pflichtkauf »From Avenue A To The Great White Way: Yiddish & American Popular Songs 1914-1950« (Columbia/Legacy) und Jack Gottliebs bahnbrechender Studie »Funny, It Doesn’t Sound Jewish: How Yiddish Songs and Synagogue Melodies Influenced Tin Pan Alley, Broadway and Hollywood« (2004) ein. Zum Glück ohne Verdoppelungen (was auch bedeutet, dass es hier noch weit mehr zu entdecken gibt). ?? Wir hören Musik aus Chicago, Detroit, New York (und später Las Vegas), die im sehr umfangreichen Booklet als Art »Parallelgesellschaft« zum puritanischen Amerika vorgestellt wird. Denn während sich die Puritaner ihr Gotteswohl nicht durch den Besitz von Musikclubs, Revuetheater, Spielkasinos, Plattenlabels oder Filmfirmen dem Teufel übergeben wollten, hatten (katholische) Italiener und aus jüdischen (meist osteuropäischen) Gemeinden stammende Einwanderer so gut wie keine Bedenken die Neue Welt auch mit einer neuen Art von Entertainment zu versorgen. Dabei trafen mehrere Sachen zusammen. Gewisse tonale wie harmonische Ähnlichkeiten zwischen jiddischer Klezmer-Musik und dem Blues ebenso wie gemeinsame Diasporaerfahrungen zwischen den jüdischen Einwanderern und der afroamerikanischen Bevölkerung. Der Rassismus gegenüber den Schwarzen hatte in der US-Gesellschaft sein antisemitisches Äquivalent. Swing entstand genau aus diesen Verhältnissen heraus. Es waren jüdische Hipster, die sich nach Harlem wagten um Leute wie Cab Calloway oder Slim Gaillard zu sehen, die ihrerseits in ihren »Vout«-Gesängen jiddische Idiome verwendeten. Und es waren Bandleader wie Benny Goodman oder Artie Shaw, die ihrerseits als erste schwarze Musiker in ihre Combos aufnahmen. So verwundert es auch nicht, dass viele jiddische Lieder später zu Jazz- und Swingsongs wurden, wo sich dann Klezmer-Klarinetten und Blues-Trompeten gegenseitig umspielten. Popmusik wäre ohne all dem nicht denkbar. Umso wichtiger diese Veröffentlichung, die jenseits etwaiger Exotismen, sehr gut zeigt, wie die Vorfahren der »Heebie Jeebies« die Popmusik des 20. Jahrhunderts prägten. Lustig aber auch, dass sich hier die Cosa und die Kosher Nostra ausgerechnet bei Connie Francis treffen. Singt die als Concetta Rosa Maria Franconero geborene Sängerin hier das Lied vom »Papa« in Jiddisch, so finden wir sie auf dem Mobster-Sampler »Eh, Paisano« (Rhino Records, 1997) wie sie das von Heintje zerstörte, hier jedoch dem Paten mehr als angemessene »Mama« melodramatisch in Italienisch intoniert. Wir freuen uns auf Volume 2, hoffen auf keine blöden Remixe (bitte nicht vershanteln) und ziehen natürlich den synkopischen Wahnsinn von Wilmoth Houdini’s »Black But Sweet« der daraus destillierten »Bucovina«-Hymne von Shantel immer gerne vor.