Mitski © cmphoto.at Concert Photography

Kontrollierte Ekstase und irritierende Turnübungen

Die aus Japan stammende Wahl-New-Yorkerin Mitski Miyawaki, die sich als Musikerin einfach nur Mitski nennt, hat am 13. August das Wiener Flex beehrt. In der sehr gut gefüllten Halle konnten die Zuhörer*innen der Manifestation eines schon länger deutlich gewordenen Veränderungsprozesses beiwohnen.

Ein Konzert ist immer auch eine Bestandsaufnahme des eigenen künstlerischen Schaffens. Nur wenige Musiker*innen trauen sich aber, ihren gegenwärtigen Ästhetikstandpunkt schonungslos auszustellen und darzustellen. Mitski tut das hingegen glücklicherweise auf radikale Weise. Ihr aktuelles Album »Be the Cowboy« legte den Grundstein für die nunmehrige Live-Neuinszenierung der Künstlerin Mitski. Das Album wird von langjährigen Anhänger*innen zumeist als poppiger bezeichnet, definitiv aber als melodiöser und zweifellos als songorientierter. Das stimmt zwar, trifft aber nicht den Kern des Konzeptes. Die Platte ist vor allem stimmzentrierter, kontrollierter und präziser als die Albumvorgänger.

Zurückhaltung und Präzision
Versteht man diesen Ansatz, dann erschließt sich auch die Ausrichtung des Konzertabends am Dienstag, dem 13. August 2019 im Wiener Flex. Kein einziges Mal greift Mitski selbst zu Gitarre oder Bass, im Gegensatz zu früheren Konzerten. Die Zeiten, in denen sie wütend in die Tonabnehmer ihrer Gitarre schrie und damit infernalische Geräusche erzeugte, sind damit wohl vorerst Geschichte. Stattdessen widmet sie sich primär ihrer Stimme und der Kontrolle über ebendiese. Das führt dazu, dass sie sich stimmlich zurücknimmt, fast ein wenig schüchtern, zumindest aber introvertiert und leicht entrückt wirkend.

Die Melodien entgleiten ihr dadurch in keinem Moment, die Töne sitzen messerscharf und die Mitski-Inszenierung funktioniert durchgehend bei dem nur etwa 60 Minuten langen Konzert auf beeindruckende Art und Weise. Die Songkleinode, obwohl manchmal durch die verwaschenen Gitarren an 1990er-Alternative-Sounds erinnernd, im Detail doch komplex, dringen glasklar aus den Flex-Boxen. Live erschließt sich zudem das auf Platte oftmals fragmentarisch anmutende Songwriting als hochmotiviert und exakt so gemeint. Jeder Akkord passt, die Texte kreisen etwa um zeitlose Themen wie Liebe, Verzweiflung und Einsamkeit.

Bewegungslust und Entertainment
Dazu vollzieht Mitski seltsam anmutende Bewegungen, die manchmal Turnübungen gleichen. Sie turnt unter anderem auf Tisch und Stuhl und strampelt mit den Beinen. Auch hier ist allerdings kein Kontrollverlust auszumachen. Die Bewegungsabläufe scheinen wohlüberlegt und der jeweiligen Songpassage bestens angepasst zu sein. Eine wie von der Tarantel gestochen über die Bühne kugelnde Mitski bekommt man an diesem Abend nicht geboten. Gut möglich somit, dass ihren Bewegungen auf der Bühne ihr zukünftiges Hauptaugenmerk gilt. Derzeit starrt sie aber noch manchmal etwas ungläubig auf ihre Hände und Beine, ganz so als würde ihr erst jetzt richtig bewusst, dass diese auch Teil des Mitski-Gesamterlebnisses sind und in absehbarer Zeit noch mehr sein könnten. Dann, und davon gibt es an diesem Abend mehr als nur einen Vorgeschmack, wäre Mitski eine perfekte Rundum-Entertainerin.

In kühnen Träumen ließe sich Mitski als eine Art Indie-Beyoncé imaginieren, die absolut alles im Griff hat und auch nicht das kleinste Detail ihrer Musik und Bühnenshow dem Zufall überlässt. Die Substanz und das Talent dafür hat Mitski. Es ist lediglich fraglich, ob sie diesen für sie vorgezeichneten Weg gehen möchte – oder ob sie sich doch weiterhin mit kleineren Hallen zufriedengibt und auf eine gewisse Indie-Schludrigkeit dann lieber doch nicht verzichten möchte.

Link: http://mitski.com/