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Kode9

Zyklen von Innovation und Stagnation wiederholen sich vor allem in der elektronischen Musik alle paar Jahre. Viele erfolgreiche Produzenten oder DJs wiederholen sich bis an ihr Lebensende, wenige überschreiten Grenzen wie z.B. Richard H. Kirk oder A Guy Called Gerald. Steve Goodman aka Kode9 ist wahrscheinlich auch so einer. Das interessante daran ist, dass es musikalische Genres sind, die ihre eigenen Medien (Piratensender) verwenden. Denn offizielle Medien waren vorerst ausgeschlossen.
Kode9 kommt ursprünglich aus Glasgow, der düsteren Industrie-Stadt in Schottland, in der es häufig regnet, was ihn sicher beeinflusste. Als er noch in Glasgow lebte kam er am Wochenende oft nach London, um den Metalheadz-Club zu besuchen. 1994–97 hörte er dort alle Stile von Ragga, Jungle bis Metalheadz-Stuff und war davon sehr inspiriert. Hervorzuheben ist, dass die meisten Dubstep-Leute durch die Jungle-Szene geprägt wurden. Viele waren damals zwischen zehn und 15 Jahre alt, aber egal ob sie über Tapes oder das Radio dazugekommen sind, irgendwie ist es in ihren Genen verblieben.

Hyperdub
Als Kode9 dann nach London zog, eröffnete er erst mal die Hyperdub-Website, die später zu seinem Label wurde. Dort interviewte er Leute aus der Drum’n’Bass-Szene genauso, wie HipHop-Produzenten oder Jan Jelinek bis hinauf zu Dizzie Rascal oder Wiley. 2004 startete er das Label und hatte daraufhin keine Zeit mehr für die Website. Durch seine journalistische Tätigkeit wurde er mit der Website zu einem Treffpunkt von Gleichgesinnten, die sich mit Bass-Culture insgesamt auseinandergesetzt haben. Damit gab es auch fundierte Backgroundinformationen zu den Stilen, die sonst nirgends zu finden waren. Währenddessen fing Kode9 auch an bei RinseFM zu arbeiten und spielte dort zuerst viele Jingles, weil er als Schotte in East London nicht unbedingt sprechen wollte.
Big Apple in Croydon war jener Plattenladen, der zum Mittelpunkt von Dubstep wurde. DJ Hatcha war einer der ersten Dubstep-DJs in der Szene. Irgendwie fungierte der Shop als Anlaufstelle für die ganze Dubstep-Gemeinde.
Grime und Dubstep kommen ja beide aus dem UK Garage. Grime betont eher die MC-Seite, während Dubstep von Steve Gurley, El-B, Zed Bias also von der bassbetonten Seite entstammt. Die Station RinseFM hielt die beiden Szenen irgendwie zusammen. Beide Szenen sind jetzt eher getrennt – nur wenige versuchen beides. Z. B. Plastician. Kode9 kommt auch eher vom Dubstep, versucht sich aber hin und wieder im Grime.
Kode9 betont auch immer, dass Dubstep-Clubnächte meist total dunkel sind und sich alles um Vibrationen dreht. Sehr minimal und reduziert ist die Devise. Dubstep funktioniert eigentlich nur, wenn der ganze Platz vibriert.
Kode9 arbeitet oft mit Spaceape, der eine Art Vokalist (nicht MC) ist, zusammen.
Ihre erste gemeinsame Arbeit war »Sign Of The Time« (Spaceapes Lieblingssong). Der Track entstand bereits sehr früh ca. 2002/2003 und die Rezipienten verbanden es mit technoidem Berliner Dub (Basic Channel, Rhythm & Sound) oder den Devil Mixes bei Wiley und Co. Via »Death Garage« und einigen Releases auf Tempa kam es dann zur Gründung des Hyperdub-Labels.

Slow Motion Dance
Dubstep ist auch eine Konterreaktion zur Entwicklung im Drum’n’Bass. 140 BPM ist immerhin schon etwas gemütlicher als 170 und manche Stücke sind eher Halfstep, fühlen sich also noch langsamer an. Der Subbass ist stärker als im Grime, und im Halfstep ist es der Bass, der den Track vorantreibt und nicht die Drums.
Kode9 ist ein intensiver Beobachter der Szene, veröffentlicht auch akademische Beiträge und publiziert in verschiedensten Magazinen wie »XLR8« usw. Er warnte auch bereits davor, dass Dubstep nicht in eine Bassmonotonie (»Bass Fundamentalism«) verfallen darf und Fehler wie im Drum’n’Bass sich wiederholen könnten. Seine Zusammenarbeit mit Spaceape ist auch ein Votum für den vokalen Aspekt in einer meist instrumentalen Musikrichtung. Unser Dubstep-Festival sollte auch zeigen, dass zumindest derzeit die Variabilität des Genres und diverse Mutationen durchaus noch vorhanden sind.

Ekaros (Budapest)
Der 21-Jährige steht für die New Generation of Dubstep und produziert in diesem Genre bereits seit 2005. Er ist bekannt dafür die dunkelsten und tiefsten Abgründe in diesem Stil auszuloten. Seine erste EP »Exhumating Ikaros« auf Black Hole Recordings fühlt sich an wie ein atmosphärischer Horrortrip. Ein anderer Track, »Atoms«, findet sich auf der »Vengeful Ghosts«-EP auf Combat Recordings.

Jay-S (Wien)
Drum’n’Bass war der erste Stil, den Jays-S bevorzugte, aber im Jahr 1999 fing er an UK Garage aufzulegen und bald wurde das sein Lieblingsgenre. Obwohl damals der sanftere Sound des Pop Garage (2Step) in aller Munde war, war er mehr am Sound der Ghost Crew interessiert. Dieser Sound inspirierte eine ganze Generation der Producer, und innerhalb weniger Jahre mutierte er zu dem, was wir heutzutage Dubstep nennen. Daher kann man in Sets vom DJ Jay-S Platten aus jeder Phase der Evolution vom Dubstep hören. Schließlich waren seine Sets schon immer für alle Styles offen und er war Jahrelang als Promoter der UK Garage Partys in Wien aktiv. Zusätzlich zum DJing ist er Redakteur für UK Garage und Reggae bei Play.FM.

Dubstep – Worldwide Bass Culture
Ein Programmpunkt der Wiener Festwochen-Reihe Into The City
Opening Night: Sa., 12. Mai, 21 Uhr, WUK, Währingerstr. 59, 1090 Wien

Kode9 + The Spaceape (Live-Set)
Ekaros (Live-Set)
Jay-S (DJ)

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Text
Hans Kulisch

Veröffentlichung
07.05.2007

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