Klassikaner

Lange historische Traditionen, hohes musikalisches Niveau und ästhetische Werte bedingen, dass auch außerhalb der westlichen Hemissphäre eine klassische Musik besteht. Die kompetent edierte Reihe »Klassik International« (Emarcy Classics/Universal) veranschaulicht das auf sechs CDs, die mehr Neugierde für fremde, nichtsdestotrotz hochentwickelte Musikkulturen wecken will.

So bietet selbst das Europa gewidmete Album teils Unbekanntes. Etwa ukrainische Vokalpolyphonie vom Chor Kalena, jüdische Chormusik der Hasidic Cappella aus Moskau oder Kompositionen für irische Harfe und schottische Dudelsäcke. Die CD »Türkei/Arabien« schenkt einen Song von Feiruz, Improvisationen auf Tanbur, Qanum und irakischer Ud etc. Nordindische Kunstmusik, japanische und koreanische Hofmusik, alte Musik für Ch’in-Zither oder Pipa klingen, lässt man sich darauf ein, gar nicht fremd. Und auch der Kontinent Afrika birgt ausgefeilte Musiksprachen in hoher Vielfalt. Sich festlegen war schwierig, jedoch künden alle Aufnahmen, u.a. von Xylophonensembles aus Westafrika oder Musik für die madegassische Valiha-Laute, von sorgfältiger Auswahl. Klassische Musik aus genannten Weltgegenden hat einen steten, langen Fluss und wer diesen genießen will, kann dabei gleich in den ausführlichen Booklets mehr Verständnis für diese für westliche Notation ungeeigneten Klänge entwickeln.
MEREDITH MONK, die Grande Dame – Björk singt bei gegenwärtigen Livesets ihr »Gotham Lullaby« und Godard wie die Coen-Brüder erfreuten mit Soundtracks – unter den Vokalistinnen ist im November 60 geworden. Mit ihrem siebenköpfigen Vokalensemble und drei Musikern (pi, synth, viola, violin, perc, melodica, cl) reflektiert die Amerikanerin über das menschliche Verlangen nach »Mercy« (ECM New Series/Lotus). Und lässt auf dem für CD neu adaptierten, auf einer Multimediaperformance beruhenden Material, erneut Emotionen spüren. Die Seufzer und meist wortlosen Gesänge verkörpern viele Stimmungen, von klagendem Schmerz bis zu würdevoller Erhabenheit. Während es Monk eher um das Individuum geht, geht es LUCIANO BERIO um das Prinzip Masse versus Einzelne(r). In »Coro« (20/21/DG/Universal) rühren die Worte der Sologesänge aus verschiedenen folkloristischen Volksdichtungen bzw. die Sätze der gewaltigen 40-stimmigen Massengesänge aus der Dichtung eines Individuums. Pablo Nerudas »Kommt und seht das Blut auf den Straßen« kehrt als scheinbar ohnmächtiger Refrain mehrmals wieder und insgesamt verzahnen sich die neben Instrumentalisten verteilten Vokalisten wundersam mit grellen orchestralen Akkorden. Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester & -Chor haben unter dem Dirigat Berios dessen vielschichtige Verschränkungen aus 1975/76 für den WDR als aufwühlendes Meisterwerk dargebracht.
OLIVIER MESSIAENS »Des Canyons Aux ??toiles« (DG/Universal) ist mehr die Bewunderung für die Natur zuzuschreiben. Gar der Mount Messiaen im Süden von Utah wurde nach dem französischen Komponisten benannt und in »Aus den Schluchten zu den Sternen« vermag das Orchestre Philharmonique de Radio France unter Myung-Whun Chung all die Klangfarben aufzubieten, die charakteristisch für Messiaen sind: Neben einer religiösen, geologischen und astronomischen Dimension hat das Werk wiederum eine ornithologische. Gleich 82 Vogelstimmen werden von Instrumenten imitiert und zu den Exoten gehören auch eine Windmaschine und das Géophon, eine den Klang der Wüste nachstellende Sandmaschine. In diesen universalistisch irsisierenden Klängen dürfen dann noch Pianist Roger Muraro und Hornist Jean-Jacques Justafré als Solisten brillieren.
Nachgereicht seien noch klassische und derart angehauchte Einspielungen: GIDEON LEWENSOHN notierte das Titelstück »Odradek«, ein im Prolog einen raffinierten Querbezug zu Kancheli und Lutoslawski herstellendes Streichquartett, langatmig interpretiert vom Auryn Quartett. Der Israeli ergeht sich für Klavier in noch ärgeren Hommagen, wofür die Pianisten Alexander Lonquich und Ora Totem Nelken aber nichts können. Posaunist YVES ROBERT entwickelt auf »In Touch« mit Cellist Vincent Courtois und Drummer Cyril Atef eine imaginäre Kammerbarockmusik, in der Jazz-Traditionen durchscheinen. Und ROBIN WILLIAMSON vertont auf »Skirting The River Road« Songs und Settings von Walt Whitman, William Blake und Henry Vaughan, was mit einem Kammerfolkquintett, dem Mat Maneri angehört, zu prächtigen wie berührenden Überführungen von Poetik ins Beinahe-Liedfach führt.
Alle: ECM/Lotus.