Jóhann Jóhannson & Yair Elazar Glotman

»Last And First Men«

Deutsche Grammophon/Universal

Im Nachruf auf Jóhann Jóhannson würdigte ich bereits das erste Album des isländischen Komponisten in einer fabelhaften remasterten Version und nun erscheint mit »Last And First Men« ein gefangennehmendes posthumes Werk. Vollendet wurde es von seinem Co-Produzenten Yair Elazar Glotman, einem in Berlin lebenden Kontrabassspieler und Komponisten elektroakustischer Musik, der bis zum überraschenden Tod von Jóhann Jóhannson am 9. Februar 2018 am Score für den Thriller »Mandy« mitarbeitete. Doch hier geht es um nichts weniger als ein Requiem für die Menschheit, basierend einerseits auf Olaf Stapledons Debütroman »Last And First Man«, einer Geschichte über das Sonnensystem, andererseits auf brutalistischen Beton- bzw. Stahlmahnmalen in Jugoslawien, die Marschall Tito selbst kommissionierte, um die Einheit der südslawischen Völker zu symbolisieren, und die Jan Kempenaers in seinem Fotoband »Spomeniks« festhielt. Mit dem norwegischen Filmemacher Sturla Brandth Grøvlen bereiste Jóhannson ein Monat lang den postjugoslawischen Balkan und kombiniert die an Opus Magnen von Stanley Kubrick, Andrej Tarkowski und Béla Tarr erinnernde Monumental-Cinematografie mit der von Tilda Swinton gesprochenen traurigen Erzählung. Die exorbitant alienartig gefilmten Denkmäler gehen auf der beigelegten Blue-Ray-Disc mit dem Sound eine meisterhafte Liaison ein, jedoch will ich mich nicht auf die Wirkung des Gesamtkunstwerkes, das wie aus der Zeit gefallen wirkt, konzentrieren, um den kürzeren Rahmen eines Reviews nicht zu sprengen.

Allein der Soundtrack, für sich gehört, ist von fragiler, roher, organischer Natur. Hier kommt das Harmonium von Jóhannson ebenso zur Geltung wie Glotmans dunkel schwärender, gestrichener Kontrabass. Düster-getragenes An- und Abschwellen, mit zum Licht emporkragenden Streicherelegien. Das zieht enorm in den Bann und bei Zuhilfenahme des informativen Booklets wird klar, Jóhann Jóhannson war ein Getriebener, der nicht anders konnte und Bürden auf sich nahm, um große Werke zu schaffen. Auf Track 4 sind die Streicher schluchzender denn je gebürstet, auf Track 8 dann himmlisch dräuende Vokalisen, die ein bisschen an Góreckis »Symphonie der Klagelieder« erinnern, doch säkularisierter einen Heiligenschein aufweisen, gespickt mit repetitiven Minimalmusik-Andeutungen. Wunderschön, schwingt sich in Track 9 zu einer mächtigen Elegie auf und dann plötzlich ein dumpfer Klavierakkord, der elendig lang aushallt. Track 10 beginnt mit dieser einzigartigen Frauenstimme und mündet in so etwas wie ein langsam ausrinnendes Fadeout, sehr leise Passagen. Dieses Wehmut-Motiv kehrt immer wieder, wie auch ein stets als Counterpart folgendes Streicher-Bass-Grummeln, und ist die Essenz dieses herausragenden Werks, das gegen Ende mit manchem Aufbrausen aus scheinbarer Lethargie gerissen wird. Die brutalistischen Denkmäler rotten vor sich hin, die Nationalstaaten Ex-Jugoslawiens kümmern sich nicht um das, wofür sie standen. Wider den Nationalismus. Zwar waren die »Spomeniks« vom Staat bestellt, doch untrüglich die Würde des Menschen einmahnend. Wie die Betonblume von Bogdan Bogdanović im ehemaligen Ustascha-KZ Jasenovac.