Ceramic Dog © Ebru Yildiz

»I’ve got the right to scream like an idiot!«

Mit dem neuen Album der US-amerikanischen Band Ceramic Dog reagieren die drei Musiker auf allerorts spürbare politische Spannungen sowie Rassismus und setzen diesen ein interkulturelles musikalisches Statement entgegen.

Ceramic Dog geben seit 2008 im Fünf-Jahres-Takt ein neues Album heraus. Ihr neuestes ist, wie nicht anders zu erwarten, genau das Ergebnis, das man sich aus diesen exotischen Zutaten erwartet. Jedes der drei Bandmitglieder ist auf seine Art Ausnahme: Marc Ribot, Gitarren-Hero mit völlig ausuferndem Katalog, der regelmäßig mit meisterhaften Aufnahmen in Erscheinung tritt (u. a. mit Tom Waits, Evan Lurie), die er mit seinem eigensinnigen und von afro-kubanischer Musikkultur beeinflussten Spiel vergoldet – z. B. bei den Secret Chiefs 3, einer experimentellen Rockband mit Tzadik-Sound, deren Mitglieder auch Ches Smith und Shahzad Ismaily sind. Drummer Ches Smith (Xiu Xiu, Carla Bozulich, Mary Halvorson) ist bekannt für sein grooviges, leichtfüßiges Spiel und den trockenen Sound. Und der ebenfalls überall seine (Produzenten-)Hände und Stimme im Spiel habende Shahzad Ismaily (Carla Kihlstedt, Colin Stetson, Anna von Hauswolff, Matana Roberts, Yoko Ono, Bonnie »Prince« Billy) könnte, da er kaum ein Instrument nicht beherrscht (und nebenbei auch einen Masterabschluss in Biochemie hat), eigentlich fast alles in Eigenregie starten. Jaja, so viele Namen, die hier genannt werden. Das macht es bei diesen drei Künstlern aber aus. Man möchte weinen, so reichhaltig und vielfältig ist dieses Gericht. Man schmeckt das alles heraus auf »YRU Still Here?«

Schon im Booklet springt einem der Spruch »Fuck La Migra!« entgegen. »La Migra« wird der politische Arm der US-Polizei unter Trump genannt, der vor allem seinen Hass an Flüchtlingen aus Mexiko auslässt. In einem kurzen aber aussagekräftigen Text machen die Urheber ihrem Unmut, ihrer Wut gegenüber den rassistischen und menschenfeindlichen Zuständen in den USA Luft und widmen das Album der Thematik des Widerstands. In elf energiegeladenen Songs, ob dreiminütiger, heftiger Protestgesang, gewohnt ausufernder Rock oder Laid-back-Track zum Mitwippen, beweisen die drei ihre Expertise. Was Ribot, Smith und Ismaily anpacken, macht Laune, weil man ihnen den Spaß und die Spielfreude anmerkt und weil die Unterschiede so gut zueinander passen. Mexiko trifft auf Pakistan (Ismaily singt Urdu), Islam trifft auf Judentum in »Muslim Jewish Resistance« (Marc Ribot ist jüdischer Herkunft) und straighter Rock vermischt sich mit traditioneller Musik und siehe da – es klappt wunderbar. Niemand muss weinen – außer vielleicht Freudentränen. Da mag man auch hier und da ein Auge zudrücken, wenn die politische Aussage die musikalische ein wenig übertönt. Geschenkt, gewollt und gekonnt.

Wie der Zufall so will, spielen Ceramic Dog am 24. April in der Sargfabrik in Wien. Hin! https://www.sargfabrik.at/Home/Programm-Detail/concert-id/39676