In den Rückspiegel gehört

Aktuelle 1970er-Soul/Funk-Wiedergänger

Parlet
»Invasion Of The Booty Snatchers«

Von George Clinton 1979 produziertes P-Funk-Trio im Stil der Brides Of Funkenstein. Eine Spezial-Mission mit, u.a. Bootsy Collins (nicht nur am Bass) und Synth-Wizard Bernie Worrell, um der »Bootylessness« von Disco und den »Computers« mit P-Funk-Disco-Jams wie »Riding High«, »No Rump To The Bump« oder »Booty Snatchers« eine Art kosmisch berauschten R & B (Rhythm & Booty) entgegenzuhalten. Klarerweise ideologisch verwirrender handgestrickter Prä-Electro. Allein wie Worrells Moog den »Booty« ins Computerzeitalter hinüberretten will ist sagenhaft. Gelungen ist es ihm bekanntlich. Nur wer sagt, dass ausgerechnet P-Funk widerspruchsfrei sein soll? Von wegen »Pure, uncut Funk«.

James Brown
»The Original Disco Man«

Produzierte die Maschinen-Kritik von P-Funk Grundlagen in Sachen Black Electronica/Electric Funk/Electro, so kam James Browns 1979er Anti-Disco-Funk für Diskotheken nicht wirklich über den Skurrilitäten-Status hinaus. Zwar ging es beiden um ähnliche Anliegen in ihrem Kampf gegen Disco als »beige music« (Nelson George), bei der afrikanische Elemente als Gimmicks und weniger als Identifikationsangebote dienten (wie bei Funk und Soul), weiße Acts plötzlich auch in den »Black Charts« vorstießen und Disco als Synonym für alles, was Weiße unter »Black Music« verstanden/dafür hielten, verwendet wurde. Nur befindet sich James Brown hier dermaßen in einem falschen Film (auch weil P-Funk qua seiner queeren/campen Elemente ebenfalls als Bi-Funk zu lesen ist und somit discokompatibel ist, selbiges bei James Brown jedoch nie und nimmer möglich ist), dass hier eigentlich in Anlehnung an B-Movies von B-Funk gesprochen werden müsste. Als Samplingquelle ist so was natürlich diskursiv as fuck!!!

Edwin Birdsong
»Super Natural«

Um 1973 war »Fusion« ja das ganz große Ding. Verstanden als grundsätzliches Missverständnis einer offiziellen Harmonisierung von Jazz und Rock zur Zeugung ehelicher Nachkommen wurde das Modell Kleinfamilie plus Einfamilienhaus in die Musik übertragen und als progressivste Neuerung neben der Jazz/Rock meets Classic-Ideologie (Modell Kleinfamilie plus Kleinfamilienschloss) gepriesen. Was dabei nicht selten auf der Strecke blieb, war sowohl der Funk wie das Songwritertum. Was jedoch herauskommen kann, wenn beides beachtet wird, zeigt diese, auch schon mal als Mahavishnu Orchestra plus Sly & The Family Stone beschriebene Musik des späteren Partners von Roy Ayers (»Running Away«, »Freaky Deaky«). Birdsong transformiert dabei nicht nur Hendrix gleichsam in einen Keyboarder (aufgenommen wurde im Electric Ladyland mit Hendrix-Producer Eddie Kramer), er denkt dessen sonische (Sound-)Visionen auch weiter, verknüpft sie mit den losen Enden ähnlich gepolter »Grenzgänger« wie The Chamber Brothers, Al Kooper, Paul Butterfield und (logisch!) Stevie Wonder. Allein Tracks wie »Rising Sign« oder »Any Color« lassen mit ihrem »Sixties-Psychedelic-Living Colour-Black Rock Coalition-Funk« die eigenen Spätfolgen schon überdeutlich erahnen. Blöd nur, dass Birdsong vor allem von Rockisten wie Lenny Kravitz als Trampolin verwendet wurde und sich Jamiroquai immer dann hier versteckte, wenn wieder einmal ein Stevie Wonder-Plagiatsbescheid im Postkasten war. Ansonsten eine Retro-Entdeckung des Jahres!

Roy Ayers Ubiquity
»A Tear To A Smile«

Gegründet 1970, wurde Roy Ayers Ubiquity sogleich von Jazz-Puristen gehasst. Der strafrechtlich relevante Tatbestand in den Ohren diverser Jazz-Faschisten war dabei nichts weniger als die Verwendung jeder Menge WahWah-/Fuzz-Effekte für alle nur möglichen Instrumente. Von anderen wurde die Band hingegen gleich neben Miles Davis, Herbie Hancock und Herbie Mann (auf dessen Klassiker »Memphis Underground« Ayers auch zu hören ist) gestellt. Dabei klingt der afronautische Soul-Funk des 1975er Universal (Black) Consciousness-Klassikaners »2000 Black« eigentlich überraschend smooth. Wird tiefer getaucht, etwa in den von Edwin Birdsong mitkomponierten Southern Astral-Funk von »The Old One Two (Move To The Groove)«, steigert sich zwar die Sophistication ins Unendliche, dafür werden aber auch jede Menge Blaupausen für spätere 4Hero-Glanztaten hörbar.

Bohannon
»Summertime Groove«

Die Entstehung der Disco aus dem Geiste aufgeheizter und überhitzter Street Corner-Rhythm & Blues-Gesänge. Bohannon, 1978 längst ein Star, lässt mit »Let’s Start The Dance« und dem Prä-Disco-Gangsta-Rap »Me And The Gang« Nu Yorikanische Karibik- und Latino-Rhythmen als New Orleanser Second Line-Beats auf- und gegeneinander Party machen und schreibt mit »I Wonder Why« in herzergreifendster Doo Wop-Tradition eine der wohl schönsten Disco-Balladen ever. Das ist absolutes Delfonics »Didn’t I (Blow Your Mind This Time)«-Terrain und Bohannon spaziert hier durch, als wäre er der »Duke Of Earl« aus Gene Chandlers 1961er Hit!

Caroline Crawford
»Nice And Soulful«

1979 hatte Bohannon ein wahrlich glückliches Händchen. Vor allem, weil er die schon auf »Summertime Groove« für markante Akzente sorgende Stimme von Caroline Crawford hier gleich eine ganze LP lang zu Gehör brachte. Wobei Dancefloor-Shaker wie »Can’t Hold Me Back« oder der unvergleichliche Smasher »The Strut« fast noch mehr Asphalt-Funk im Tank haben als Bohannons Solo-Kreationen. Dafür gibt es mit »Love Me Baby Or Leave Me Alone« und »The Cream Of Live« erneut zwei Weltballaden, in denen Funk aus dem Geist von Soul als Weiterführung von Doo Wop entsteht (Jerry Bulter & Impressions machten ja vor und auch nach dem Eintritt eines gewissen Curtis Mayfield nichts anderes). Oder sagen wir es einfach so: Bei solchen Platten wundert es einen wirklich, wie der Begriff Rhythm & Blues überhaupt zu einer Art Schimpfwort werden konnte.

Bar-Kays
»Propositions«

1982 waren die Macher von »Son Of Shaft« in Sachen Memphis-Soul ja eigentlich out. Was »Propositions« eigentlich noch unglaublicher macht. Wird hier doch auf Grundlage fettester Funk-Grooves der New Orleanser Second Line-Rhythmus-Schule (The Meters) sowie unter Hinzunahme von P-Funk geerdeten Moog-Synthesizer-Clonks& Bleeps eine Art Proto-Electro vorgeführt, der bei Tracks wie »Tripping Out«, »Busted«, »Do It (Let Me See You Shake)« oder »She Talks To Me With Her Body« zeitgleiche (und bekanntere) Konkurrenten wie Cameo (»Word Up! « – diese Liga wird hier gespielt) und Prince locker überholt. Höllenfeuerheiße Scheiße. Eigentlich genau jener G-Funk, den Snoop Doggy Dog qua genügend Selbstironie (und mit Hilfe der Neptunes) heute machen könnte.

Kool & The Gang
»Spirit Of The Boogie«
»Something Special«

1975 waren Kool & The Gang schon zum Großteil Mitglieder der Nation Of Islam (einige erhielten ihre neuen Namen sogar direkt von Wallace Muhammad, dem Sohn von NOI-Gründer Elijah Muhammad). Dementsprechend gilt »Spirit Of The Boogie« auch als ihr wohl »radikalstes« Werk. 1000mal durch Millionen Sampler gejagt, klingt ihr afrozentristischer und dabei gleichsam universalistisch-cosmopolitischer Space-Boogie zwischen nautischem Afro-Jazz und spirituellem Tribal-Funk jedoch immer noch so aufregend und wie von einer anderen Welt (einem »Black Planet«) kommend, dass es einen auch gar nicht so sehr verwundert, wenn hier wortwörtlich Sun Ra (»We are scientists of sound«) zitiert wird und der Moog zu astralen Reisen nach Afrika aufbricht. Im selben Geist wurde 1976 auch »Open Sesam« eingespielt, jene Nummer, die Kool & The Gang nicht nur auf den Soundtrack von »Saturday Night Fever«, sondern auch in die Disco-Charts bringen sollte. Fünf Jahre später war der Geist des Boogie zwar noch in den Köpfen, zusammen mit Eumir Deodato als Produzenten ging es auf »Something Special« jedoch straight in die Disco. Herausgekommen sind dabei mit dem Disco-Shuffle-Funk-Klassikaner »Take My Heart (You Can Have It If You Want It)« und der Tanzbodenbefeuerung »Get Down On It« zwei der wohl besten Disco/Funk-Nummer ever. Von »Steppin‘ Out« und »Be My Lady« wollen wir erst gar nicht reden! Wieder so ein Fall für die Neptunes/N.E.R.D.-Basisforschungsgruppe! Und damit sind beide CDs gemeint!

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