Impro-Weisheiten aus Japan

Dass improvisierte Musik nicht nur live, sondern auch auf Tonträgern hervorragend funktionieren kann, beweist das Label »Improvised Music from Japan« schon seit mittlerweile knapp zwanzig Katalogtiteln in durchgehend hoher Qualität und äußerst schicken Kartonverpackungen. Im Folgenden ein kurzer Überblick über die aktuellen Releases.

Beginnen wir mit einer Extraausgabe des von nun an jährlich erscheinenden, schlicht »Improvised Music from Japan« betitelten Magazins, welche sich vor allem mit jungen, noch relativ unbekannten Musikern auseinandersetzt und daher den Untertitel »Improv’s New Waves« trägt. Zwei randvolle CDs, bei denen der Fokus besonders auf die Nachwuchstalente aus dem Land der aufgehenden Sonne gesetzt wird, liegen bei und bieten einen guten Überblick, während das Magazin neben Kurzinfos zu den einzelnen Tracks noch Labelportraits, Interviews, sowie einschlägige Reviews in Englisch und Japanisch bereit hält.
Wie gewohnt von Tetuzi Akiyama und Toshimaru Nakamura zusammengestellt, markiert »Meeting at Off-Site Vol. 3« den Endpunkt einer Serie von Alben, welche Vorgänge konzerttechnischer Natur im Tokioer Off-Site dokumentieren. Zumindest einer der beiden ist auch in jeder der sechs Dreierformationen dabei, deren von Mai bis Oktober 2002 aufgenommene Konzerte hier ausschnittsweise nachgehört werden können. Das machen einem die durchwegs extrem zurückhaltenden, spärlich und strukturfrei instrumentierten Improvisationen allerdings nicht leicht; die meisten Nummern wirken zerfahren und konturlos, im schlechtesten Fall gehen sie mir schlicht und ergreifend auf die Nerven.
»Side Guitar« ist nicht nur der Titel von TOSHIMARU NAKAMURAs neuem Album, sondern ursprünglich auch eine, vor allem in Japan in den 60er und 70er Jahren gebräuchliche, Bezeichnung für Rhythmus- oder Begleitgitarren bzw. deren Spieler. Nakamura, der, so wollen es die Liner-Notes, selbst einst ein »side guitarist« werden wollte, lotet hier ausnahmsweise nicht die Tiefen (besser gesagt: Höhen) seines No-Input-Mixing Boards aus; stattdessen bedient er sich – Überraschung! – der Gitarre als Klangerzeuger. Das Ergebnis sind wunderschöne Drones, die naturgemäß voluminöser sind, als seine sonstigen Arbeiten, aber noch immer eine eindeutige Handschrift tragen. Das Album wird von sehr hellen, »reinen« Klängen beherrscht; einfache Rückkopplungen schwingen schnörkellos und hypnotisch im Raum, scheinen oft für einige Momente stehen zu bleiben, heben das Zeitgefühl aus und erhalten, wenn notwendig, ein leicht grobkörniges Finish. Ein großartiges Album von bestechender Klarheit, einziger Wermutstropfen sind die leisen (unbeabsichtigten) Geräusche im Hintergrund, die von den Effektpedalen zu stammen scheinen und sich bei der Verwendung von Kopfhörern als nachhaltig störend herausgestellt haben.
AKI ONDA belässt seine mittels Kassette aufgenommenen Field-Recordings auf »Bon Voyage!« am liebsten in ihrem Ursprungszustand, was vorliegende CD zu einer sehr direkten sinnlichen Erfahrung macht. Die Aufnahmen wurden so gut wie gar nicht nachbearbeitet, es geht hier wohl vor allem um sehr persönliche (Reise)Erinnerungen des Künstlers. Durch den ganz bewussten Verzicht auf jeglichen Abstraktionslevel beschränkt sich dessen Aufgabe hier vorrangig in der Selektion und Aneinanderreihung des vorhandenen Materials, auch wenn er teilweise simple dramaturgische Mittel wie einfache Wiederholungen und Schnitte einsetzt. Intensiv.
Very intense auch die bereits 1991 live in Japan aufgenommenen Improvisationen des Duos PETER BRÖTZMANN und SHOJI HANO, die nun erstmals unter dem Titel »Funny Rat« auf CD erhältlich sind. Unglaublich druckvoll und präzise auf den Punkt gebracht bietet Hanos trockenes Schlagzeugspiel mit vielen Rolls und wuchtigen Schlägen Brötzmanns höchst expressivem Treiben auf Bassklarinette, Tenorsax und Tarogato Paroli. Und auch das Duo mit HAN BENNINK an den Drums und KAZUO IMAI an akustischer und elektrischer Gitarre, das sich auf »Across the Desert« weitläufigen, etwas spröden Strukturen verschrieben hat, weiß durchaus mit Dynamik und Spielfreude zu begeistern und so fügen sich das souveräne Schlagzeugspiel mit den verwinkelten Schachzügen an den sechs Saiten zu einem durchaus stimmigen Ganzen zusammen. Auf »Loose Community« treffen OTOMO YOSHIHIDE, PARK JE CHUN und MI YEON auf so illustre Gäste wie Günter Müller, Tanaka Yumiko und Sachiko M und der Hörer auf breite, atmosphärische Klangschwaden mit einer Extraportion Suspense. Die einzelnen Instrumente beanspruchen viel Platz und Zeit und erst im letzten Drittel des Albums kommt es zu einer langsam fortschreitenden Verdichtung, perforiert ein aggressives Piano in immer kürzeren Intervallen den ruhig dahin fließenden Soundstrom, der anschwillt und schlussendlich in einem fulminanten Noise-Crescendo mündet. Jedoch: »All Music must conclude in silence.« – so steht am Ende dieser Rundschau auch die leiseste der Neuvorstellungen. Mit über siebzig Minuten kompletter Stille, die nur alle paar Minuten für wenige Sekunden von einem kurzen, klaren, oft noch lange nachhallenden Ton einer Gitarre oder einem Mini-Drone aus der Posaune unterbrochen wird, stellen RADU MALFATTI und TAKU SUGIMOTO mit der ersten Disc des Doppelalbums »Futatsu« wohl die meisten Hörer auf eine harte Geduldsprobe. Die erste der beiden Live-Aufnahmen der zweiten CD macht dies auch sehr deutlich, wenn nach ungefähr der Hälfte der Spieldauer die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums im Wiener rhiz eindeutig überschritten ist, was sich in den vielen angeregten Unterhaltungen widerspiegelt. Also lieber auf den Live-Genuss verzichten, das Stück selber kann nämlich, eine entsprechend ruhige Umgebung vorausgesetzt, ein durchaus meditatives Erlebnis sein.

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