© Linde Waber

Immer ganz viel leben

Eine Vernetzungsspezialistin sowie ein Multi-Tasking-Talent in der Kunst, die sie produziert, vor allem aber eine Verfechterin der Lebensfreude ist Linde Waber. Im Gespräch erzählt uns die Künstlerin nicht nur von ihrer derzeitigen Lage, sondern auch davon, wie sie zu der geworden ist, die sie ist.

Wenn irgendwo von Linde Waber die Rede ist, dann meistens, weil sie jemanden kennt, der wieder jemanden kennt, der wiederum sie kennt. Als selbstbezeichnende Philanthropin ist die in diesem Monat 80 Jahre alt werdende Künstlerin ein Vernetzungspunkt für Menschen vieler übergreifender Bereiche der Kunst- und Kulturszene. Doch ebenso wie ihr Leben spiegelt ihr Werk diese Offenheit und Neugier wider. Nicht nur hat sie fast alles probiert, was an Bildarbeit möglich ist, sondern währenddessen auch fast die ganze Welt bereist. Aus ihrem Haus in Zwettl, wo sie momentan die ganze Familie beisammenhält, erzählt sie im Gespräch von ihren derzeitigen Ängsten aber genauso, wieso wir auch jetzt »ganz viel leben« sollten.

skug: Wie geht’s dir und was machst du zurzeit?
Linde Waber: Mir geht es an und für sich sehr gut, weil ich mein Geburtshaus in Zwettl mit einem riesigen Garten behalten habe und da jetzt bin. Und da ist jetzt auch die ganze Familie, weil wir uns Mitte März isoliert haben. Der Ausgangspunkt war eigentlich der: Ich habe zwei Kinder und ich habe ihnen gleich gesagt: Ich will meine Enkelkinder und meine Kinder sehen – Ich bin bald 80 und ich bestehe darauf, gerade wenn es aufgrund dieser Situation zu einer Lebensverkürzung kommt! Da hat sich meine Familie dann wirklich entschlossen und sich dann ganz schnell zusammen mit mir isoliert. Natürlich haben da die Umstände mitgeholfen: Die Schulen haben geschlossen und der Rest ist durch Homeoffice machbar. Dadurch sind wir jetzt neun Personen und drei Generationen in einem großen Haus. Leider bin ich aber keine Schriftstellerin, denn die Geschichten grad wären eher zum Schreiben als zum Malen. Zu meinem persönlichen Gefühl kommt aber noch dazu, dass ich, geboren 1940, ein Kriegskind bin – und das hat natürlich Folgen bei mir gehabt und hat es noch. Ich habe etwa totale Ängste, wenn ich ein Gesicht eines Menschen nicht sehe. Dadurch habe ich bereits Ängste gehabt, als muslimische Frauen mit dem Nikab in Wien herumgegangen sind – ich habe mich gefürchtet. Und es gibt von mir bereits einen Zyklus mit Nikabs wo ich die Gesichtsschleier auf Leinwände aufgeklebt und darum Geschichten erzählt hab’, also über Frauenrechte und so weiter. Ich bin natürlich sehr für die Emanzipation und wenn ich das Gesicht nicht sehe, krieg’ ich Ängste. Und jetzt natürlich diese ganze Maskerade … Genauso ist es für mich auch ein bissl ein Albtraum, dass man dieses Corona kriegt und dann von weiß eingehüllten, nicht als Menschen erkenntlichen Mumien nachher gepflegt wird. Also da ist es wohl wirklich besser, man stirbt wirklich sofort, das ist meine Einstellung. Durch diese Kriegserfahrung empfinde ich die jetzige Situation so, dass wir uns in einer absolut veränderten Welt bewegen. So wie es vor und nach dem Krieg gegeben hat, wird es vor und nach Corona geben. Und es warten eigentlich alle auf den sogenannten Erlöser, was wirklich der Impfstoff und das Medikament sind. Und vorher wird die Welt verändert bleiben. Ganz arg find’ ich natürlich diese Entmündigung der Alten und der Vorerkrankten. Da ist eine ganze riesige Gruppe von Menschen eigentlich entmündigt worden. Also das Alter hat für mich früher überhaupt nie eine Rolle gespielt. Ich bin gut beisammen für 80 und plötzlich hab’ ich mir denken müssen: Entsetzlich, jetzt bist du alt! Natürlich ist die Welt auch sehr demokratiefeindlich geworden, das ist selbstverständlich – aber ich find’ überhaupt, dass das, was wir heute haben, eine Gesundheitsdiktatur ist. Aber die ist jetzt nicht plötzlich wegen den Masken, dem Abstand und dem Corona, sondern die hat’s schon vorher gegeben. Die ist entsetzlich! Etwa beim Rauchverbot, das hat mich immer schon gestört – ich bin keine Raucherin, ich habe nie geraucht – aber das habe ich zuerst in Kanada erlebt, wie das dort so arg war: Dass die Menschen, wenn die Rauch gerochen haben, die anderen sofort vernadert haben. Also Alkohol ist schlecht, Nikotin ist verboten. Womöglich kein fettiges Essen, womöglich kein Zucker, womöglich kein … alles Mögliche nicht.

»Die eigenartige Stadt Motovun«, 1968, Farbholzschnitt © Linde Waber

Ich meine, gewisse Maßnahmen muss man ja durchaus auch als gut betrachten, weil nicht alle Menschen einsichtig genug sind, um zu sehen, dass da größere Gefahren sind. Aber natürlich, prinzipiell wird eher auf die »Angst durch Vollzug«-Technik gesetzt in Österreich als auf die freiwillige Einsicht der Menschen.
Die Gesundheitsdiktatur basiert eben auch auf der Angst. Man muss dazu sagen, dass ja Österreich eine enorm gute Zeit hatte seit 1945. Es ist ja immer alles besser geworden. Eigentlich habe ich den Eindruck, dass die ganzen EU-Länder zu den Gewinnern gehören, weil die ja doch relativ gute Gesundheitssysteme haben. Also Italien hatte halt eine sehr veraltete Bevölkerung, aber ist ja trotzdem in der EU: Die Länder sind am Gewinnen und die eigentlichen Verliererländer sind alle armen Länder. Also ob das jetzt Brasilien oder Ägypten oder Afrika überhaupt ist, die verlieren ja alle! Und heute ist es so, dass der Gegensatz zwischen Arm und Reich dermaßen herauskommt: Die Reichen sitzen ja alle privilegiert in ihren Häusern und Wohnungen – und ich mein’, ich gehör’ ja auch zu dieser Elite: Ich sitz’ in einem großen Garten und habe es eigentlich gut, aber die Armen, also da kommt jetzt ein Rattenschwanz an Folgen auf uns zu! Man muss ja doch auch sehen, dass z. B. die Frauen – das gilt jetzt nicht für Österreich, gilt nicht für die EU – in anderen Ländern sicher nichts zu lachen haben. In der Bildungsarbeit wird vor allem in Notsituationen dem Mann wieder einmal der Vorrang gegeben und die Frauen, die eh schon unterdrückt sind, werden nochmals dem Mann weichen müssen. Also die Emanzipation, die wird unter der ganzen Corona-Geschichte sowieso weltweit sehr leiden. Ich bin sehr viel gereist, ich war in China, in Japan, in Afrika, in Brasilien und ich bezieh’ mich jetzt auch hauptsächlich auf diese Länder, aber das sind die Verlierer, die Armen und darunter eben noch mehr, die Frauen. Natürlich war’s positiv, dass sich die Natur ein bissl erholt, aber dass dieses Recht auf Reisen jetzt einfach weggebrochen ist … Also die Entglobalisierung, die hat ja auch schreckliche Folgen!

Aber ich meine diese Reisebeschränkungen sind ja nur vorübergehend so wie sie sind.
Aber es wird nicht mehr so werden. Die Menschen werden immer die Angst im Hintergrund haben. Das Reisen wird nicht mehr so, wie’s war, also das ist vorbei. Nur sehe ich jetzt noch einen ganz, ganz großen Verlierer und das ist das, was mir die meiste Angst macht: die Kultur. Das ist der Verlierer Nummer Eins!

Zur Kultur wollte ich dich natürlich explizit fragen. Und zwar spezifisch zur bildenden Kunst. Wie wird es den bildenden Künstler*innen ergehen? Was ist das Verhalten, das jetzt an den Tag gelegt werden sollte?
Das ist einfach erzählt: Diese Freischaffenden, die alle schon vorher mit einem Existenzminimum gelebt haben und für die aber jetzt alles weg ist, für die ist das eine Total-Katastrophe. Das kann sich nicht so schnell erholen, das ist unmöglich. Ich mein’, es hat sicher niemand Lust, dann Bilder zu kaufen. Ich hab’ da neulich ein Interview gehört mit dem Konrad Paul Liessmann im Zentrum – und das finde ich so ganz typisch: Da sagt er, dass diese Atmosphäre, dass man jetzt in ein Theater geht – noch dazu hauptsächlich diese Altersgruppe, die ja den Großteil der Festspiele besetzt und die ja auch die Risikogruppe ist –, dass sich die jetzt dort das Spiel um den Tod ansehen, wo die Schauspieler den Tod und das Sterben auf der Bühne mimen, und aber gleichzeitig im Publikum mit der Gefahr der Corona-Ansteckung sitzt. Also, ich meine, das wird die Atmosphäre noch sehr lange prägen, bis ein Impfstoff wirklich da ist, dass da keine Lust und da keine Freude zum Hingehen kommen wird. Und eine große Gruppe, gerade die Älteren, die das Geld hätten, werden das nicht machen.

Was nicht machen?
Die werden nicht in die Theater und in die Festspiele strömen, weil dort die Gefahr der Ansteckung größer ist als woanders.

»Galgenberg« 1967, Farbholzschnitt © Linde Waber

Ich habe mich jetzt aber gefragt: Inwiefern könnte darauf reagiert werden? Inwiefern könnten sich bildende Künstler*innen zu der jetzigen Situation verhalten, um nicht komplett zu verschwinden?
Naja, ich meine, bildende Künstler*innen arbeiten ja … also ich habe immer für mich gearbeitet, das wird sich überhaupt nicht ändern, auf meine Arbeitsweise hat das ja überhaupt keinen Einfluss. Ich arbeite das, was für mich grad wichtig ist. Ich mach’ zurzeit überhaupt keine beschönigenden Bilder und das würde auch niemand ausstellen, aber selbst das ist mir auch völlig egal, denn ich habe mich nie danach gerichtet, was der Markt von mir wollte. Das wird die Künstler*innen nicht beeinflussen. Natürlich wird es Menschen geben, die irgendwie wieder versuchen werden, das aufzubrechen, aber insgesamt wird die Kultur zu den großen Verlierergruppen gehören. Da kommt dann noch sehr viel dazu, das hängt ja dann auch teilweise – auch Kultur im Großen – mit dem Tourismus zusammen und: Weißt du was so eigenartig ist? Dass es ganz neue Kriterien geben muss, und das sind ja ganz eigenartige Kriterien. Da muss sich ja jeder Künstler und jede Künstlerin drein fügen: Der Abstand, innen und außen, wenn’st z. B. draußen bist, hast du mehr Möglichkeiten. Dann dieses Berührungsfeindliche, da musst du dich auch dranhalten. Das wird die Kunst auch verändern und prägen. Ich glaub’ ein anderer Beruf, der jetzt überall schwer ist, ist der für die Politiker*innen. Die sind wirklich in keiner guten Situation. Ich mein’, die einen, wie in Ungarn und so weiter, da ist der Weg zum Diktator eh schon vollzogen, aber auch im Positiven … Dieses ganze Diskutieren über Herdenimmunität: Da ja die Politiker*innen auch nichts genau wissen, haben sie halt wirklich nur den Vergleich – man kann eigentlich nur sagen – zwischen Pest oder Cholera.

Klar, bei jeder Maßnahme kann man Kritik üben von irgendeiner Seite.
Du, und jetzt denke ich – ich habe die ganze Zeit drüber nachgedacht, ob irgendwas positiv sein könnte von dieser Krise, und da wird mir immer von der Entschleunigung erzählt. Ich mein’, ich hab’s ja auch, denn mir geht’s ja insofern jetzt gut in meiner Situation, nachdem ich wirklich glücklich bin, dass es dieses Haus gibt, in dem schon mal die Russen drinnen waren, das sogar einmal besetzt war. Das hat schon wahnsinnig viel erlebt. Also hier bin ich verbunden mit Nachkriegszeit und Kriegszeit und all dem, was sich in dem Haus abgespielt hat, also man könnte es als positiv zählen, dass sich vor allem die Natur erholen könnte.

Obwohl das ja auch nur ein momentaner Effekt ist und das Klima ja nicht durch kurzweilige Änderungen eine groß nachwirkenden Veränderung nach sich zieht.
Natürlich … Diese Klimakrise ist ja schon davor nicht in den Griff bekommen worden. Aber zurück zur Entschleunigung: Die ist nur bei denen präsent, die abgesichert sind. Die Telefonate mit meinen Kolleg*innen, die sind wirklich deprimierend, weil alle, die keine gesicherte Existenz haben – und das sind eigentlich 90 % der Künstler*innen, die ich kenne – die haben die Entschleunigung nicht positiv besetzt. Die sind verzweifelt darüber.

Die kriegen jetzt vielleicht einen Tausender, aber der ist auch schnell wieder weg.
Ich meine, das Einzige, was positiv überbleibt von allem, ist, dass man sich bei der nächsten Pandemie ein bissl besser auskennt …

Grad, weil du dir so schwer getan hast, etwas Positives zu finden: Wie muss man jetzt gesamtkulturell reagieren? Auf die Maßnahmen der Regierung? Dass die Kultur jetzt letztgestellt ist und es für die nächsten Jahre nicht wirklich rosig ausschaut?
Das wird bei den Künstler*innen nicht gelingen. Dadurch, dass viele mit diesem Existenzminimum herumkämpfen, dadurch dass sie Ängste haben, dass sie das bisschen an Honorierung erst recht nicht bekommen, wenn sie jetzt demonstrieren. Außerdem werden die Künstler*innen immer eine Gruppe von lauter Individualist*innen und Einzelgänger*innen sein. Also dieses Zusammenschließen der Künstler*innen hat noch nie jemanden erreicht. Ich bin jetzt schon so alt und hab das ja x-mal vorgeschlagen, x-mal versucht, aber es geht nicht, weil sich immer irgendwelche letztendlich dagegenstellen. Ich kann mich etwa erinnern: Ich bin ja Mitglied vom Künstlerhaus und hab’ einmal vorgeschlagen, dass die Künstler*innen da ja mehr Entscheidungsgewalt haben sollten, und das habe ich ihnen dann auch gesagt und dann hat ein Kollege gemeint: »Na ich werde doch da nicht mitgehen, da verdirb’ ich’s mir mit dem Haselsteiner«, der damals das Künstlerhaus gekauft hat. Du wirst nie eine Einheit der Künstler*innen haben.

Also du sprichst jetzt vorrangig von den bildenden Künstler*innen? In der bildenden Kunst ist man ja per se eher Alleinarbeiter*in, dieses Mindset prägt einen natürlich mit. Die IG Kultur/Aktionsradius Wien wäre aber ja so ein Zusammenschluss von Künstler*innen: Wie bist du da involviert?
Natürlich wäre es optimal, wenn das ginge, aber es hängt ja trotzdem immer von den Menschen ab, die das organisieren. Da muss immer ein besonders vernetzungsfähiger Mensch dabei sein. Das erlebe ich besonders, weil ich ja auch selbst mit Menschen arbeite und immer sehr vernetzt gehandelt habe. Und das macht ja z. B. auch der Aktionsradius und da gibt’s ja noch einige viele, die man erwähnen könnte. Es gab sogar Politiker*innen, die das gemacht haben, etwa der Kreisky, der ja mit allen Künstler*innen geredet hat! Also es wäre möglich, dass durch Politiker*innen eben genau das stattfinden könnte, denn das würde sicher für die Kultur etwas bewirken. Aber momentan ist das ja natürlich in Österreich, wie wir alle wissen, schlecht besetzt.

»Franzobel, Maxi Blaha – Die achte biblische Plage« aus dem Zyklus »Zeit im Bild« 2018/2019, Leinwandbild © Linde Waber

Eine jetzt weniger Corona-spezifische Frage, die allerdings als Weiterleitung der vorigen Frage gesehen werden kann: Du bist ja ein Wunder, wenn es darum geht, Menschen zu verknüpfen. Wie bist du zu diesem Verknüpfungspunkt von Künstler*innen aller Sparten geworden? Damit bist du ja geradezu die Anti-These der einsamen Malerin!
Das ist bei mir alles ein bissl anders gelaufen: Ich habe ja auch nie Künstlerin werden wollen. Nie Malerin. Ich hab’ da keine positive Besetzung gehabt als Kind. Ich komm direkt vom Land und war sowas wie eine echte Landpomeranze. Aber meine Mutter hat meine Zeichnungen auf die Akademie gebracht und da hat man ihr gesagt, dass ich sehr begabt bin. Dann hab’ ich dort die Aufnahmsprüfung gemacht und bin aufgenommen worden. Aber dann hab’ ich mich bei meiner Mutter beklagt, weil’s mir gar nicht gefallen hat. Ich habe zwei Jahre wirklich nur gelitten auf der Akademie. Aber irgendwo bin ich durch reine Zufälligkeiten mit einem Diplom ausgestiegen: Ich habe ja die Grafikklasse besucht, wo ich den Melcher gehabt hab’ – das ist ein ungewöhnlicher Pädagoge gewesen, der hat alle anderen Mädchen und Student*innen eher beschimpft, aber mich mögen. Ich hatte ja auch kein Selbstvertrauen für die Malerei, aber bin da trotzdem irgendwie gut weggekommen. Eigentlich wollte ich ja ein Doktorat in Kunstgeschichte machen, aber der Prof. Schmidt hat mir gesagt: »Wenn ich Sie so anschau’, dann werden‘s doch heiraten und Kinder kriegen, warum wollen Sie ein Doktorat?« Da war ich gekränkt und hab’ das Vorhaben aufgegeben. Na, jedenfalls war ich dann schlussendlich akademischer Maler, damals gab’s nämlich noch keine Malerinnen, da hab’ ich ein männliches Diplom bekommen. Aber danach war ich monatelang unterwegs und irgendwo bei diesem monatelangen Unterwegssein habe ich angefangen, zu aquarellieren, und das hat mich dann nicht losgelassen, und als ich dann wieder zurück nach Wien bin, hab’ ich ganz kurz Kunsterziehung ausgeübt, also ich war ganz kurz Lehrerin, hab’ dann aber den Melcher gebeten, ob ich nicht bei ihm sitzen und arbeiten darf, also wieder auf der Akademie. Der hat das erlaubt und da habe ich angefangen, ernsthaft an meinen Farbholzschnitten zu arbeiten. Dann kam ein Verehrer und hat mir eine erste Ausstellung angeboten. Also ich bin irgendwie in die Karriere hineingeboxt worden. Allerdings habe ich mich immer für Menschen interessiert. Ich hatte sehr viel Freundschaften, bin sehr viel herumgefahren, war sehr weltoffen und eigentlich glaub’ ich sogar, dass ich Menschen an und für sich liebe. Ich hab’ ein großes, weites Herz. Natürlich lieb’ ich ganz besonders meine Familie, bin an und für sich ein Familienmensch, aber komischerweise hat sich die Kunst bei mir irgendwo in dieser nicht vorhandenen Zeit, also in kleinen Ecken, doch immer einen Platz gefunden. Ich bin z. B. nach Japan geschickt worden, eigentlich von meinem Lehrer, dem Melcher, weil er mir gesagt hat, dass, wenn man Holz schneidet, man nach Japan fliegen muss. Das habe ich auch gemacht, bin da drüben aber unglücklich gewesen, weil ich frisch verheiratet war und mir mein Mann sehr abgegangen ist und erst dann – als 30-Jährige – bin ich so richtig in die Kunst hineingekommen, vorher nicht. Also insofern muss ich sagen, dass ich glaube, dass ich diese Menschen auch in meiner Kunst sehe, deswegen geh’ ich ja auch immer in andere Ateliers, weil mir das Spaß macht und ich gerne beobachte! Ich kenn’ mich ja auch gut aus in der österreichischen Kunstszene, ich weiß sicher. wer gut und wer schlecht ist. Ich mach’ ja etwa diese sogenannten Tageszeichnungen und natürlich entstehen dabei auch viele große Sachen dazwischen, aber es muss in meine Philosophie hineinpassen und da ist das Vernetzen und mit anderen Menschen genauso wie dieses Zugehen auf andere Menschen sehr wichtig.

Was ist für dich das Besondere beim Arbeiten mit Bildern? Im Vergleich zu anderen bildenden Künsten? Wie ist es zu deinem Tool des Ausdruckes geworden?
Das kann ich auch nicht sagen. Weil ich sehr neugierig bin, hab’ ich eigentlich alles probiert: Ich hab’ Glasfenster gemacht, mache grad wieder große Leinwandbilder, habe mit Sand experimentiert, in Japan habe ich auch Keramik gemacht. Dann habe ich eben mit Farbholzschnitten begonnen, was sich durch mein Diplom ergeben hat. Ich bin aber eben auch zuerst vom Linoleum auf Holz übergewechselt. Und auch nur, weil mir der Melcher damals im Studium gesagt hat: »Wenn Sie das machen, gefällt das sicher der Jury, da kommen’s durch!« Und als ich dann eben diese Technik intensiviert hab’, habe ich auch gemerkt, dass das genau die richtige Technik für mich war: dieses Ins-Holz-Schneiden, dieses Meditative, da musst du ja im Vorhinein sehr viel nachdenken, wie sich die Farben übereinander decken und ineinander vermischen, also Gelb und Blau wird Grün und, und, und … Und irgendwann habe ich eben einen Namen gehabt für Farbholzschnitte und hatte eine Ausstellung im Museum für angewandte Kunst. Danach ist dann alles ganz schnell nach dem anderen gekommen. Als das erste Kind gekommen ist, brauchte ich etwas Schnelles, deswegen habe ich ganz schnell gezeichnet, wodurch die Tusche dann das naheliegendste war. Weil mit einem Tuschstrich kannst du unter Umständen in fünf Minuten ein Blatt füllen.

Pragmatik durch die äußeren Umstände.
Ja, und noch dazu war mein Sohn ein sehr anstrengendes Kind – also hab’ ich alles probiert. Schlussendlich kann ich wirklich nicht sagen, dass mir das eine lieber ist als das andere. Ich mach’ immer das, was mich interessiert. Und ich arbeite in erster Linie für mich.

»Oswald Stimm – Zaire« aus dem Zyklus »Zeit im Bild« 2018/2019, Leinwandbild © Linde Waber

Was würdest du jetzigen bildenden Künstler*innen mit deiner Erfahrung jetzt sagen?
Was ich mitgeben würde? Na ja, also ich würde sagen, dass sie vor allem nicht das Leben versäumen sollen. Dass leben ganz, ganz wichtig ist. Viel Liebe, Kinder … also Frauen sollen wirklich nicht auf Kinder verzichten, man nimmt sich etwas! Und wenn man die Kunst durchziehen kann, ist es wunderbar, ist es ein toller Beruf, aber das Leben an und für sich ist das wichtigste!

Jetzt werden wir halt sehen, wie das Leben ausschaut in den nächsten Jahren …
Ja … man sollte halt trotzdem jeden Tag genießen, wenn man’s kann … die eigene Zufriedenheit ist etwas, das muss man sich wirklich selbst erarbeiten, das wird dir nicht geschenkt. Und das muss sich jede*r erarbeiten. Und wenn man dazu noch Begabungen hat, kann ich nur die Mayröcker zitieren, die einmal in einer Rede gesagt hat: »Die Begabung ist wie ein Rucksack, den du durch dein Leben trägst. Und wenn du eine Begabung hast, dann bist du ihr verpflichtet.«

Eine letzte Frage noch: Wie willst du deinen Geburtstag jetzt feiern?
Ach, weißt du was: Der wird schon die ganze Zeit gefeiert! Bekommst du eh mit, was da beim Aktionsradius passiert? Da gibt es insgesamt sechs Veranstaltungen, die von meinen Weggefährt*innen organisiert werden. Aber Zeit habe ich ja grad gar keine, weil wir neun Personen sind und auch abwechselnd kochen … Also er wird schon dauernd gefeiert! An meinem Geburtstag hat ein Enkel Geburtstag, welchen ich als mein größtes Geburtstagsgeschenk bezeichne, und meine Tochter ist zwei Tage davor auf die Welt gekommen. Also wir feiern den Geburtstag so und so schon zu dritt und werden ihn vermutlich vorfeiern, weil die Schule dann beginnt. Also am eigentlichen Geburtstag hoffe ich dann, dass ich allein oder mit meinem Partner bin … Ich werde ja ununterbrochen angerufen und krieg’ unterbrochen Glückwünsche, was ja wunderschön ist, aber … mir wird das dann immer so viel (lacht).

Wollte grad sagen: Das ist halt ja dann das »Backfire« der vielen Menschenliebe.
Meine Mutti hat mir das auch immer gesagt, wenn ich gejammert hab’, weil alles zu dicht wurde: »Am Anfang unseres Lebens sagen wir immer: Ich will das und das und das und das auch – und wenn man dann alles hat, dann ist einem alles zu viel!«

Links:
http://www.lindewaber.com
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