Gabriele Münter: »Gerade Straße«, 1910 © Sammlung Selinka, Kunstmuseum Ravensburg, Foto: Sammlung Selinka, Kunstmuseum Ravensburg, Wynrich Zlomke © Bildrecht, Wien 2023
Gabriele Münter: »Gerade Straße«, 1910 © Sammlung Selinka, Kunstmuseum Ravensburg, Foto: Sammlung Selinka, Kunstmuseum Ravensburg, Wynrich Zlomke © Bildrecht, Wien 2023

Blick in die weite Welt

Der Malerin und Zeichnerin Gabriele Münter wird eine gewisse Fernsichtigkeit in ihren Bildern attestiert. Sie reiste früh nach Amerika, lebte lange in Skandinavien und Paris. Die Retrospektive im Wiener Leopold Museum läuft nur noch bis zum 18. Februar 2024.

Ein orange-silbriger Weg führt zum Horizont, darüber eine orangefarbene Abenddämmerung mit blauen Bergen. Gabriele Münter zeigt in ihren Bildern oft eine Fluchtlinie, die gerade durch das Bild oben hinaus führt – in die Welt hinter dem Bild sozusagen. Das zeigt sich bis ins hohe Alter, die Mitte des Bildes bleibt oft nach oben offen. Münter wurde schon 1877 im kaiserlichen Preußen geboren, das sollte man nie vergessen, und besuchte sehr früh Amerika. Nicht nur vom Mississippi machte sie viele Fotos, die auch in der Ausstellung im Leopold Museum zu sehen sind. Ihr Vater starb bereits, als sie neun, ihre Mutter, als sie zwanzig Jahre alt war. Nach dem Tode der Mutter machte sie sich gemeinsam mit ihrer Schwester in die Vereinigten Staaten auf, wo unbekannte mütterliche Verwandte in Holzhütten in der Prärie lebten. »Blick aufs Murnauer Moos im Abendlicht« von 1908 heißt oben erwähntes Bild. Münters Bilder brennen sich innerlich ein, viele sind bekannt, manche in echt dann ganz klein. Den Weg in die Ferne zeigt zum Beispiel auch das Bild »Straße in Sevres« von 1906. Zwei Jahre lang blieben die beiden Schwestern in den USA mit wechselnden Standorten in Texas und Arkansas. Gabriele Münter zeichnete ihre Cousins. Nach ihrer Rückkehr aus der Ferne und Weite Amerikas wurden Frauen in München an der Isar noch immer nicht zum Studium zugelassen. Deswegen besuchte Münter die Schule des Münchner Künstlerinnenvereins, später die Bildhauerklasse der Phalanx Schule.

Gabriele Münter: »Herbstliche Landstraße«, 1910 © Privatsammlung, Foto: Grisebach GmbH, Berlin © Bildrecht, Wien 2023

Fühlen eines Inhalts

Von unten angeleuchtete Wolken, eine schiefe Reihe von Heukugeln, schräge Tannen – es ergeben sich zwei optische Öffnungen auf die blaue Bergreihe hinten (»Abendwolken«, 1909). Die herbstliche Landstraße führt am blauen Berg vorbei, Farbflecken abstrakter Bäume im Wind … Münters malerische Andeutungen funktionieren oft besser im Kopf der Betrachter*innen als »richtiges« naturalistisches Ab- und Ausmalen. Durch die Unterstützung des russischen Malers Alexej Jawlensky hätte sie einen »großen Sprung« gemacht, schrieb Gabriele Münter, »zum Fühlen eines Inhalts«. Ihre ganzen bunten Häuschen schauen einen aus den Bildern heraus an, wirken irgendwie lebendig. Es ist erstaunlich, wie Auge und Gehirn die Farbflecken zusammensetzen. Ob nicht nur Blumen, wie einmal eine Romni-Künstlerin behauptete, sondern auch Häuschen in Wahrheit Menschen bedeuten? Der Verdacht schleicht sich ein, dass es sich in manchen Bildern um das Zeigen von Behaustheit, um eine Art von verstecktem Selbstporträt in einer Landschaft handeln könnte. Münter sammelte Figürchen und umgab sich mit Gegenständen, sie lebte mit ihnen. Kleine Tiere, Madonna-Figuren, eine Heilig-Geist-Taube, eigentümliche Vasen – sie kommen alle immer wieder auf ihren Bildern vor, wie eigenständige Protagonist*innen in einem Zuhause-Theater. Ob die Figürchen ihr eine Unterstützung waren, eine Art Versicherung, Verbindung? Immerhin hatte sie früh beide Eltern verloren und über Gegenstände erfolgt die Ablösung des Kindes von den Eltern. Figürchen sind Ich und Nicht-Ich zugleich. Häuschen auch?

Gabriele Münter: »Der blaue See«, 1954 © Lentos Kunstmuseum, Linz, Foto: Lentos Kunstmuseum Linz, Reinhard Haider © Bildrecht, Wien 2023

Wiegende Linien

Die Silhouette eines schwarzen Huhns neben zwei Orangen nennt sich »Stillleben mit zwei Apfelsinen« von 1912. Die Gegenstände wirken mysteriös und äußerst lebendig. Eine träumerische Abendstimmung, wieder dieses orangene Leuchten, abgesteppt mit Lila. Orange-lilafarbene Wolkenstreifen spiegeln sich im See. In den Texten zu Münters Bildern ist von »Reduktionsstufen« und »Bildlösungen« die Sprache, ihr zweiter Lebensgefährte Johannes Eichner wird oft zitiert. Wörter verblassen aber gegen den Zauber der Bilder. »Sonnenuntergang am See« (1934) – das Orange-Rote zieht ab, vorne gibt es gelbe Flecken im Lila. In der Nazi-Zeit konnte keines ihrer Bilder unter dem Label »entartete Kunst« gezeigt werden, da nie ein Museum eines angekauft hatte. »Bei mir ist es viel oder fast immer ein Mitgehen der Linien – Parallele – Harmonie, bei dir das Gegenteil, die Linien hauen sich und schneiden sich bei dir«, schrieb sie ihrem ersten Lebensgefährten Wassily Kandinsky. Er bewunderte ihre »wiegende Linie«. 

Gabriele Münter: »Drei Häuser im Schnee«, 1933 © Kunsthalle Bielefeld, Foto: Ingo Bustorf © Bildrecht, Wien 2023

Kindliche Fernsichtigkeit

Im Nationalsozialismus zog sie den Kopf ein und sich zurück, versteckte aber in ihrem Haus erfolgreich sehr viele Bilder des Blauen Reiters. Nach dem Zweiten Weltkrieg hafteten ihr lange von Johannes Eichner geschaffene Klischees an, wie sie würde »naive Farbfeste, aus der Einfalt ihres Lebens« heraus begehen, oder sie male mit »volksliedhafter Unbefangenheit«. Eine Gemeinheit. Der Erfolg kam erst spät. 1949 kaufte die Hamburger Kunsthalle ihr Bild »Blumen in der Nacht« (1941), das ein paar erstarrte bunte Blümchen in einem seltsam eisigen blauen Licht zeigt. Sie malte es in der Nazi-Zeit. »Mit fast kindlicher Entschlossenheit kehrt sie zur Fernsichtigkeit zurück«, steht bei dem Bild »Der blaue See« aus 1954 dabei. »Je größer die Verwirrung im Leben, desto notwendiger die Klarheit in der Kunst«, schrieb sie selber. Auch »Roter Christstern« (1956) auf schwarzem Grund sieht wie ein Selbstporträt einer eigenständigen, leuchtenden Persönlichkeit aus. Es ist das letzte Bild der Ausstellung, die nur noch bis zum 18. Februar zu sehen ist.

Link: https://www.leopoldmuseum.org/de/ausstellungen/138/gabriele-muenter

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Text
Kerstin Kellermann

Veröffentlichung
08.02.2024

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