Vergnügungsbetriebe Neufeld im Wiener Prater © Chris Hessle

Im Schatten des Virus

Während der Zusammenhang zwischen COVID-19 und weltweiter Umweltzerstörung zunehmend ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerät, steht das kulturelle Leben erst einmal still. Die aktuelle Situation birgt jedoch auch Chancen für den Kulturbereich, hin zu einem nachhaltigeren Umgang mit unseren Ressourcen.

Im vergangenen Herbst hatte das Global Preparedness Monitoring Board, ein internationales Gremium von WHO und Weltbank, darauf hingewiesen, dass die Welt »völlig unzureichend« auf eine globale Pandemie vorbereitet sei. Ein halbes Jahr später warnt das Komitee nun vor einem Übergreifen der COVID-19-Pandemie in mehreren Wellen auf Länder mit – im Vergleich zu China, Südkorea oder Europa – schwach ausgebildeten Gesundheitssystemen, allen voran den afrikanischen Staaten. Selbst wenn es gelingen sollte, in naher Zukunft einen Impfstoff zu entwickeln, um damit die Zahl der Neuinfektionen mittelfristig unter Kontrolle zu halten, werden uns die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen noch längere Zeit begleiten.

Von flachen Kurven
Dabei gleicht COVID-19 einem Schatten, der dem drohenden globalen Klimakollaps vorauszueilen scheint. Das Virus zeigt die Verwundbarkeit der Systeme, welche die Weltgemeinschaft am Laufen hält – jene Systeme, die nun nach und nach heruntergefahren werden, um die Kurve der Neuinfektionen abzuflachen. Dabei finden sich zahlreiche Indizien, die auf eine direkte Verbindung zwischen der fortschreitenden Umweltzerstörung und der Verbreitung von COVID-19 hinweisen. So stellt der US-amerikanische Evolutionsbiologe Rob Wallace in seinem 2016 erschienenen Buch »Big Farms Make Big Flu: Dispatches on Infectious Disease, Agribusiness, and the Nature of Science« einen direkten Zusammenhang zwischen der Abholzung der Urwälder, einer zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft und der Verbreitung von Infektionskrankheiten her. Durch die Zerstörung ihrer Lebensräume geraten Wildtiere als Träger von Viren zunehmend in Kontakt mit dem Menschen, etwa im Fall von Fledermäusen, die sich in Palmöl-Plantagen ansiedeln. In einem vor wenigen Tagen veröffentlichten Positionspapier der italienische Gesellschaft für Umweltmedizin Sima gemeinsam mit den Universitäten von Bologna und Bari haben Wissenschafter*innen den Zusammenhang zwischen Feinstaubkonzentration und den Verbreitungsvektoren der Virusinfektion im Norden Italiens untersucht. Dabei fallen starke Zunahmen von Neuinfektionen mit hohen Feinstaubbelastungen zusammen. Die Forscher*innen vermuten, dass die Staubpartikel für das Virus eine Trägerfunktion erfüllen, welche deren Ausbreitung maßgeblich unterstützt. Wissenschaftlich erwiesen ist darüber hinaus ein direkter Zusammenhang zwischen Feinstaubpartikeln und einer »größere[n] Anfälligkeit der Lunge gegenüber Erkrankungen« (1), wenngleich Zigarettenrauch dabei die Hauptrolle spielt. Doch auch Schadstoffe aus Verbrennungsmotoren tragen dazu bei, den oxidativen Stress in der Lunge zu erhöhen und so die Regenerationsfähigkeit der Lunge vermindern (2). Interessanterweise decken sich jene Gebiete in Europa mit einer hohen Stickoxid-Belastung – jenem NOx, das im Mittelpunkt des Dieselskandals steht – mit den Regionen, in welchen der Ausbruch von COVID-19 besonders dramatisch verlief: der Po-Ebene in Italien, dem Großraum Madrid, aber auch Nordrhein-Westfalen in Deutschland und in geringerem Ausmaß Bayern und dem Osten Österreichs.

Fluc, Wien © Chris Hessle

In der aktuellen Situation konzentrieren sich die Bemühungen auf eine Abflachung der Kurve der Neuinfektionen mit COVID-19. Begreift man die aktuelle Pandemie jedoch nur als Symptom einer viel weiter reichenden Krise, wird schnell klar, dass es nötig ist, auch in anderen Bereichen einem exponentiellen Anstieg entgegenzuwirken. In Bezug auf die aktuelle Klimakrise betrifft dies etwa den Anstieg der Temperaturen durch den Treibhaus-Effekt, der die Ökosysteme unseres Planeten zu überlasten droht. Um dies zu verhindern, muss der Anstieg des CO2-Anteils in der Atmosphäre erst abgeschwächt und in weiterer Folge reduziert werden. In einer ähnlichen Art und Weise müssen auch die exponentiell zunehmenden Unterschiede zwischen Arm und Reich verringert werden, um ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft zu verhindern. Die breite Vermittlung und Akzeptanz derartiger Narrative birgt zweifellos Chancen. Zum Verständnis der Gefahren eines Außer-Kontrolle-Geratens einer Pandemie ist ein hohes Maß an Abstraktionsfähigkeit notwendig – dies trifft aber ebenso auf die Gefahren der globalen Erwärmung zu. Wird zu spät gehandelt, sind beide Phänomene nicht mehr unter Kontrolle zu bringen. Auch können einzelne Länder angesichts der globalen Vernetzung durch die reflexartige Abschottung der Grenzen weder eine Virusinfektion noch die Klimaerwärmung aufhalten. Beide Herausforderungen bedürfen eines koordinierten und vorausschauenden Handelns der Weltgemeinschaft.

Kultur ohne Flugverkehr?
Der allgemeine Lockdown trifft den Kulturbetrieb, in dem es oft um die persönliche Begegnung geht, besonders stark. Viele Auswirkungen der Krise werden sich erst in einigen Monaten zeigen. Und doch bietet die aktuelle Situation die Möglichkeit, gängige Praktiken zu hinterfragen und Überlegungen dahingehend anzustellen, wie der kulturelle Betrieb nachhaltiger gestaltet werden kann. In den letzten Monaten hat sich gezeigt, dass erste Ansätze in diese Richtung bereits diskutiert werden. Etwa im Fall von »Fair pay«-Modellen im Kulturbereich, die ausgehend von einer Schwerpunktkampagne der IG Kultur im Laufe des letzten Jahres auch von der Politik aufgegriffen wurde. Dabei geht es um die Frage, wie die Politik Rahmenbedingungen schaffen kann, um prekäre Arbeitsverhältnisse im Kulturbereich besser abzusichern, eine gerechte Entlohnung zu garantieren und die weit verbreitete Praxis von Selbstausbeutung zu unterbinden. Aber auch vor dem Hintergrund eines drohenden Klimakollapses scheint eine erste zaghafte Diskussion über mögliche Handlungsräume, die dieser Entwicklung entgegensteuern, aufzukeimen. Besonders in der Tanzszene setzt man sich mit der Thematik auseinander – so bot das Impulstanz-Festival im letzten Jahr unter anderem Jérôme Bel eine Plattform, um über die Zusammenhänge zwischen Tanz und Ökologie zu diskutieren. Ansonsten scheint Klimaschutz aber nur vereinzelt eine wichtige Rolle zu spielen: etwa für den in Paris lebenden Musiker und DJ Moresounds, den Choreographen Tino Seghal aus Berlin oder das Kilter Theatre Kollektiv aus Bath in Großbritannien. Auch Festivals wie Glastonbury oder das Elevate in Graz haben ihre Wurzeln in den sozialen Bewegungen und geben Fragen zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit durchaus Raum. Eine breite Bewegung zeichnet sich im Kulturbereich jedoch wohl auch deshalb nicht ab, weil die Klimabewegung mit der globalisierten Mobilität eine ihrer Grundfesten in Frage stellt.

Geisterbahn im Wiener Prater © Chris Hessle

Der Flugverkehr ist nicht nur einer der großen Verursacher von Treibhausgasen, sondern ist auch aus der international vernetzten Musik- und Kulturszene kaum mehr wegzudenken. Dabei sind die niedrigen Ticketpreise eine direkte Folge der massiven steuerlichen Begünstigung von Fluglinien. Wären internationale Flugtickets nicht von der Mehrwertsteuer befreit und Kerosin nicht von der Mineralölsteuer ausgenommen, würde der Flugverkehr seinen Preisvorteil im Kurz- und Mittelstreckenbereich weitgehend verlieren (3). In dieses Schema passt auch, dass die Emissionen aus der Schiff- und Luftfahrt vom Pariser Klimaabkommen ausgenommen sind. Der Musiker Werner Möbius erinnert sich an eine Zeit zurück, als günstige Flüge noch keine Selbstverständlichkeit waren: »Mit Play The Tracks Of waren wir 1995 erstmals in London. Das war eine irre Sparerei. Ich kann mich noch erinnern, dass es etwas total Besonderes war, mit dem Flieger nach London zu fliegen, um einen Gig zu spielen.« Im Grunde hätte sich an der Festivalkultur seit damals aber kaum etwas geändert. »Man braucht immer noch internationale Leute als Headliner und lädt dazu regionale Künstler ein. Teure Flüge würden vor allem Randbereiche treffen, die sich diese dann nicht mehr leisten könnten. Ein DJ, der gut im Geschäft ist und 2.000 Euro für einen Gig bekommt, wird weiter fliegen. Aber jene, die es wirklich trifft, sind genau jene, die sich diese 200 Euro dann nicht mehr leisten können, weil die Gage nämlich 200 Euro beträgt und man sich den Auftritt dann selbst finanzieren müsste. Damit fällt eine ganze Szene weg, die vom kommerziellen Musikbusiness ausgeschlossen ist. Dann sitzt man halt wieder zuhause und spielt es seiner Familie vor.« Simon Hafner von der IG Kultur, selbst als Musiker aktiv, weist darauf hin, dass das lokale Umfeld für viele Musiker*innen in den letzten Jahren weggefallen ist. Während man früher von lokalen Auftritten leben konnte, sei heute das Ziel vieler DJs und Produzent*innen, den Sprung zu schaffen, um jedes Wochenende international touren zu können.

In diesem Zusammenhang schlägt Mira Kapfinger, die sich mit System Change Not Climate Change gegen den Bau einer dritten Piste für den Flughafen Wien-Schwechat engagiert, eine Steuer auf Vielfliegen vor: »Ich fände eine Frequent Flyer Levy interessant, weil sie vorwiegend eine vielfliegende Elite trifft, während Familien, die alle heiligen Zeiten eine Urlaubsreise machen, davon nicht betroffen wären.« Unbeantwortet bleibt dabei jedoch die Frage, wie jene Künstler*innen, die den Großteil ihrer Einnahmen mit internationalen Auftritten bestreiten, die zusätzlichen Ausgaben kompensieren könnten. Hinzu kommt, dass viele Akteure durch die Schließung von Theatern und Museen ohnehin schon in ihrer Existenz bedroht sind. Die Klimaaktivistin Mira Kapfinger weist auch darauf hin, dass es weitere Maßnahmen benötigt, die über eine Regelung über den Preis hinaus gehen. »Wir dürfen nicht alle fossilen Ressourcen fördern, die wir fördern könnten,« so Kapfinger. Statt auf unrealistische Scheinlösungen wie »dem Offsetting von Emissionen, den oft auf Palmöl basierten Biotreibstoffen und einem blinden Glauben an technologische Lösungen« zu setzen, gelte es, »das Dogma vom ungebremsten Wachstum zu hinterfragen.« Die aktuelle Krise bietet dafür zweifellos eine Gelegenheit, auch wenn die Antworten auf viele soziale Fragen erst gefunden werden müssen.

Neue Apparaturen
Doch wie nachhaltig kann eine Kulturszene in der heutigen Zeit angesichts von ökonomischen Zwängen überhaupt agieren? Werner Möbius nennt den Verein Pro Vita Alpina als Beispiel: »Es gibt in Tirol schon lange Kulturinitiativen, die sich um die Region zwischen Bayern, Tirol und Südtirol kümmern. Das hatte schon auch immer etwas hermetisches, aber die eigentliche Gesinnung dahinter war ›Okay, wir gestalten unseren Lebensraum.‹ Ich finde, dass es dabei – wie auch beim ökologischen Gedanken – um Eigenverantwortung geht.« In eine ähnliche Kerbe schlägt auch die 1986 gegründete Kulturplattform Oberösterreich (KUPF), die als Dachorganisation für eine Vielzahl regionaler Kulturinitiativen agiert. Die Praxis vieler Kulturschaffender sieht jedoch oft anders aus. »Wenn du deinen Beruf darauf aufbaust, dass du reisen musst, dann gehört das Fliegen dazu. Du kannst es dir dann nicht mehr leisten, lange Strecken mit dem Zug zurückzulegen, denn du musst ja immer flexibel sein. Wenn in New York jemand ausfällt und du wirst gefragt, ob du morgen in den Flieger steigst und diese Lücke ausfüllst – wer kann es sich bei ein paar tausend Euro Gage schon leisten, ein derartiges Angebot abzulehnen?« so Möbius. Manchmal hätte man die Zeit, sich gegen einen Flug und für eine Zugfahrt zu entscheiden, doch meist ist der zeitliche und finanzielle Spielraum einfach zu eng dafür. Einzelne Institutionen beginnen bereits damit, ihre Spielregeln entsprechend zu verändern: so refundiert die Universität Basel keine Flugtickets für Kurzstrecken mehr und die dänische Zeitschrift »Politiken« veröffentlicht keine Reportagen über Fernziele mehr. Mira Kapfinger erzählt von einem Kongress zum Thema Mobilität in Neuseeland als Beispiel für einen Lösungsansatz: »Als Inselgruppe ist Neuseeland natürlich ein schwieriges Terrain. Bei diesem Kongress gab es an fünf verschiedenen Orten Hubs, wo die Leute aus dem Umkreis hinkommen konnten. Diese waren mit Video untereinander verbunden. Es gab also das reale Erlebnis, Leute zu treffen – zugleich konnte man sich aber auch mit Leuten verständigen, die weiter weg waren. Das hat gut funktioniert.« Dass ein derartiges Konzept durchaus Potenzial hat, zeigt auch ein Blick zurück ins Jahr 2008, als im Zuge des Dubstep-Hypes die legendären DMZ-Nächte rasch aus allen Nähten zu platzen drohten. Um mehr Besucher*innen im Londoner Brixton Mass unterzubringen, wurden kurzerhand Floors in anderen Stockwerken geöffnet, in denen der Sound des Hauptraums mit einer Videoübertragung lief. Beschwert hat sich darüber niemand, gefeiert wurde da wie dort.

Pratersauna, Wien © Chris Hessle

Noch ist unklar, welche Auswirkungen die COVID-19-Pandemie auf die Klimakrise hat. Der weltweite Lockdown könnte aber durchaus die Chance bieten, einen grundlegenden Strukturwandel einzuleiten. Dies trifft – neben dem Kampf gegen die weltweit zunehmende soziale Ungleichheit – in besonderem Maße auch auf den Kulturbereich zu. Statt einer Abschottung geht es vielmehr darum, die kulturellen Netzwerke – wie auch unsere eigene Rolle darin – nachhaltiger zu gestalten. Der britische Rapper J Hus formuliert dies auf seinem kürzlich erschienen Album folgendermaßen: »Before you fully rise up / we have to remove the virus«.

(1) Kleibrink, B., Teschler, H.: »Wie funktioniert die Lunge im Alter?«. »Pneumologe 9«, 331–341 (2012). S. 340.
(2) ebd. S. 336.
(3) So kostet beispielsweise ein Flug (Economy-Class, einen Monat im Voraus gebucht) Berlin–Wien–Berlin mit Austrian Airlines 180 Euro (26/27.4.2019). Ein vergleichbares Ticket mit dem Nachtzug (Schlafwagen) kommt auf 278 Euro. Wäre das Flugticket mit MwSt. belegt und das benötigte Kerosin ähnlich belastet wie Diesel oder Benzin, dann wären beide Verkehrsmittel annähernd gleich teuer (274 Euro).