Im Osten von St. Johann - Musik jenseits der Schengen-Grenze: »Artacts '02«: 23. - 26. Mai 2002

Das Festival »Kulturschutzgebiet 2002« in St. Johann/Tirol präsentiert unter dem Motto »Artacts ’02 – Im Osten von St. Johann« KünstlerInnen aus Reformstaaten, die der EU-Osterweiterung harren.

Tourismus kann auch verblenden. Mitten in einer Landschaft, die berühmt ist für krasse Kommerzspektakel, längste Knödeltische der Welt und Lederhosenfeste, bildet seit 1991 Musik Kultur St. Johann ein Korrektiv, das auf Werte wie Toleranz und ein offenes Weltbild setzt. Gegenüber irrationalen von Populisten geschürten Ängsten und nationalistischen Vorurteilen ist die Einladungspolitik des kleinen, aber feinen Kulturveranstalters ein bedeutsamer Kontrapunkt. Mit Konzerten, länderübergreifenden Kompositionsaufträgen, Schulinformationsprojekten, Gesprächs- und Diskussionsreihen wird gegenseitiger Erfahrungsaustausch und kollektive Kreativität ermöglicht.
Hans Oberlechner, der künstlerische Leiter des Muku-St.-Johann, kann also mit einem phänomenalen Festival aufwarten. Der von Christian Scheib und Susanna Niedermayr kuratierte St. Johanner Blick Richtung Osten geht zurück auf die die Musikszenen Osteuropas beleuchtende Ö1/Zeit-Ton-»Nebenan«-Reihe, die auch im Musikjournal »skug« als Printversion nachzulesen ist.

Den Auftakt des dreitägigen Musikschwerpunktes innerhalb »Ein Kulturschutzgebiet 2002« bestreiten die exzessiven Performer Maly Szu (ein Papierschnitzelgewitter im Wiener B72 wurde wegen Brandgefahr abgebrochen) am 23. Mai in der Galerie St. Johann, anlässlich der Vernissage mit Werken von Bildenden KünsterInnen der renommierten Warschauer Galerie Raster Art. Franz Hautzinger ist Teil dieses österreichisch-ungarischen Abstract Monarchy Trios (am 25. Mai in der barocken Antonius-Kapelle) und heuriger Festivalkomponist, der mit seinem exzellenten Regenbogenorchester, 8. Ausgabe, ebenso in gemischt west-östlicher Besetzung das Eröffnungskonzert bestreitet. Nach den semitheatralischen Molr Drammaz zeigen Deuce & 8rolek vom Mik.Musik-Label in der Humungus Bar, dass die Chemie auch bei polnischen Liveelektronikern stimmt. Indie-Electronics mit Popappeal mischen Tigrics auf. Nachdem sich nach einem line_in@stattwerkstatt-Gig (Name der von Susanna Niedermayr initiierten Konzertreihe im Wiener rhiz und dem Linzer Szenelokal) ein Plattenvertrag fürs Kölner Label Keplar ergab, feiert das Budapester Duo dies am 24. Mai von 13 bis 16.30 Uhr passend in der Gondelbahn der St. Johanner Bergbahnen. Weiter geht’s mit dem slowakischen Improvisationskollektiv Vapori Del Cuore und den polnischen Elektonik-Experimentatoren EA und Arkona. Bei einem etwas anderen Frühschoppen beschallt Wojt3k Kucharczyk mit seinem Projekt »*Retro*Sex*Galaxy*« am 25. Mai schon um 11 Uhr die Galerie, ehe Tigrics erneut zu privaten Konzertgondelfahrten aufbrechen. Am Samstagabend folgen wiederum bemerkenswerte Konzerte mit dem slowenischen Akkordeonisten Bratko Bibic & The Madleys sowie dem punkbeeinflußtem Abstract-HipHop-Quintett Ludzie. Grande Finale mit Minimal Techno & House: Olga & Jozef residieren wie Martin Burlas und Lubomir Burgr in Bratislava. Letztere beide werben als Azachronic mit melancholischen Liebesliedern zum Frühaufstehen am Sonntagmorgen.
An diesem 26. Mai werden im Kino Monoplexx noch tschechische und österreichische Kurzfilme gezeigt. Zeitlich vor und nach »Artacts ’02« gastieren noch Jarosch/Falko/Quehenberger (Video/Klangperformance), Romanyi Rota (Romafolkmusik), Peter Herbert, Bertl Mütter, Klement/Novotny/Zrost/Skrepek (gentle chamber music). Schlussendlich stimmt noch erfreulicher, dass vom musikalischen Focus auf Osteuropa eine repräsentative CD geplant ist.

>> www.muku-stjohann.at