Zettelgedichte © Helmut Seethaler

»Ich beschreibe Österreich«

Bei einem Spaziergang durch den Augarten spricht der Wiener »Zettelpoet« Helmut Seethaler über seine positive Einstellung gegenüber der Zukunft und trotzt damit dem allgemeinen Corona-Pessimismus. Ein Ausnahme-Dichter in einer Ausnahme-Situation.

Helmut Seethaler ist nicht nur Exzentriker in der Kunst, die er produziert, sondern nebenbei auch Polizeiexperte, erfahrener Nachtwanderer und vor allem auch in jetzigen Zeiten einer, der nicht aufhört, neue Wege und Möglichkeiten für seine Gedichte zu finden. Beim Flanieren durch den Park erklärt der jahrzehntelange Augarten-Nachbar, warum jetzt nicht die Zeit für Unsicherheit ist, und erzählt nebenbei anekdotisch, wie er zu dem geworden ist, der er ist.

skug: Also du wolltest ja hier in den Augarten, was hat das mit dir zu tun?
Helmut Seethaler: Also um die Ecke ist das Gymnasium, das Unterberger Gymnasium, Wegzeit 3 Minuten. Meine Eltern wollten aber, dass aus mir was wird, und gaben mich in eine Privatschule der Marienbrüder, das waren nur Bübchen aus der mittleren ÖVP-Schicht. Mein Vater war Schaffner, Mutter eine Milchfrau … und trotzdem war ich dann Klassensprecher, Schulsprecher, aber immer Vertreter nur. Zusammenfassend: In der 7. Klasse, wollt’ ich nimmer … da hab’ ich zwei Monate fast dauernd gefehlt und da wollten’s mich raushauen. Aber da hab’ ich gesagt: Ich bin ned deppert, ich bin ned anders. Ich werd’ brav sein, angepasst und ein guter Schüler, aber Sondergenehmigung, 1.400 Stunden entschuldigt. Und dann war wieder gut. Das war die Weichenstellung und seitdem bin ich ich.

Jeder hatte wohl seine Momente mit 16 und einem zwanghaften Anders-sein-Wollen.
Aber 30 bist du ja noch ned. Du hast ja noch genug Zeit, um Weichen zu stellen. Ich sag immer: Nur keinen Stress.

Ich seh’s grad im künstlerischen oder auch geisteswissenschaftlichen Bereich – da fallen einige dann plötzlich weg, nur weil sie sich im letzten Moment doch unter Druck gesetzt fühlen, was »G’scheites« zu machen.
Ich kenn’ das ja nur von meiner Anfangszeit: Es gibt so viele Mitlaufende, damals mehr junge Buben als Madln, und da denk ich mir: Okay, niemand hat was dagegen, aber ihr tut’s ja nix, was macht’s ihr? – Dabei sein! – Ja wobei? Und da war ich von Anfang an der mit den Zetteln. Ich mach’ was und zeig’s auch. Und was die ganzen Schwierigkeiten und Anzeigen betrifft, da hab’ ich gleich gemerkt: Du kannst zweimal berufen! Und ich hab immer recht gekriegt in der zweiten Instanz, was immer eine riesige PR gab: z. B. ungefähr nach zwanzig Jahren kommen zwei Professoren – einer war der Dekan von der Wiener Jus Uni – zu mir und sagen: Irgendwann verlier’ ma bewusst, damit wir zum VGH gehen, und da haben wir dann gewonnen. 40.000 Schilling von den Wiener Linien und vom Staat! Ich hab’ was gekriegt, die Anwälte haben was gekriegt. Paragraf 17a: Freiheit der Kunst und deren Verbreitung, wenn andere Sachen nicht bleibend beschädigt werden. Wenn die Gewista Wien zupicken darf, dann darf ich’s auch! Und jetzt traut sich die Gewista nicht mehr, da Anzeigen zu machen, weil mir das immer PR bringt. Sie zerkratzt meine Gedichte, wo ich zuschau’, und ich pick dasselbe nochmal daneben. Das stell’ ich dann auf Facebook und die Leute hauen sich ab! Ich hab’ ja dreimal verloren, die Berufungen, einmal davon im Museumsquartier. Da hab’ ich vorm Museumsquartier auf dem Boden Gedichte geschrieben, auf dem Gehsteig, mit einer nicht wetterfesten Farbe, und es hat nicht geregnet im November und da war’s halt dann noch lesbar im Dezember, da haben sie eingeklagt, dreizehn Steinplatten auszuwechseln – das war eine Show! Ich hab’ zwar verloren, aber es war die beste PR meines Lebens.

Du lebst quasi vom Exekutiert-Werden.
Wenn man sich einmischt in meine Kunstform, dann gebrauch’ ich sie als PR. Da hat z. B. die »Krone« einen super Artikel geschrieben. Ich mag die Zeitung nicht, die sind nicht ernstzunehmen, aber wenn ich z. B. aufs Land fahr’, nach Retz, wo ich herkomm’, da haben’s dann gesagt: Du warst in der »Krone«! Und wenn’st in »Krone« bist, dann bist ein guter Künstler. Das sagen die.

Du als Experte der Konfrontation mit Polizei – und nachdem zurzeit viele Zivilist*innen plötzlich Kontakt mit der Polizei haben – was sagst du dazu?
Also ganz ehrlich, die erste Instanz zählt bei uns ned. Wir haben eine Demokratie! Die zweite auch ned. Erst die dritte! Einfach einen Brief abgeben oder hinschicken.

Also du würdest den Leuten sagen: Keine Angst vor der Polizei?
Ja, ich mein’, wenn der glaubt, dass das so ist, dann ist das sein Recht. Aber mein Recht ist zu sagen: Ich erhebe Einspruch, schriftlich! Bei der Instanz genügen ein paar Sätze. Bei der zweiten dann etwas genauere Begründungen etc. Ich war immer sehr freundlich, ich habe nie einen Polizeibeamten schlecht angeredet und die mich auch nicht. Außer einen und den hab’ ich gemeldet. Der hat gesagt: »Leute wie die hätten wir früher gleich wegräumt.« Hinter ihm die Kollegen. Zweiter Satz: »Schade, dass es die Zeit nimmer gibt.« Da habe ich mir gesagt: Das muss ich melden, nicht anzeigen! Niemand zeigt niemanden an. Die Gewerkschaft der Polizisten hat sich entschuldigt und intern war der sehr unbeliebt. Die meisten Polizisten waren freundlich, aber so eine Aussage ist die Beirede einer Diktatur, egal ob linke, rechte oder religiöse: Es ist eine Schande für alle Kollegen. Er wurde versetzt. Und ein anderes Mal häng’ ich Gedichte auf und plötzlich spuckt da wer meine Gedichte an – das war derselbe in Zivil (lacht). Wurscht, jedenfalls hab’ ich nie Angst gehabt, obwohl ich ca. fünfzig Mal festgenommen wurde. Wenn sie ruhig kommen, dann bleiben sie freundlich und auch völlig gewaltfrei. Da denke ich mir: Er macht seinen Job, in einer Stunde bin ich eh wieder weiter. Also: Ich kenn’ meine Grenzen, bin sehr höflich, freundlich, schimpf’ nie zurück.

Ach ja, da kommen wir wieder zurück zu der Treue zum eigenen Weg.
Am Anfang war’s echt mühsam mit dem Geld. Aber inzwischen … Ich mach’ Lesungen und wenn mir jemand einen Fünfziger anbietet, dann nehm’ ich den auch.

Aber du hast ja schon eine jahrzehntelange Reputation.
Vierzig Jahre mach ich das schon!

Wie war das für dich, dass jetzt plötzlich der öffentliche Raum als Gefahrenzone ausgeschrieben wird?
Also die Polizei hat mich gebeten, ich soll jetzt einmal für ein paar Wochen oder Monate eine Ruhe geben, weil dann doch immer zwei, drei, fünf manchmal zehn Menschen stehen bleiben. Da gibt’s z. B. so fünf Säulen, vier mach’ ich immer, eine ist Reserve, falls jemand bei einer alles runterreißt, dann fang’ ich wieder bei der fünften an. Also da bin ich echt deppert, das nehm’ ich vorweg. Deppert sein kann ich mehr als alle Wiener zusammen! Aber es gibt ja auch ein paar Tausend, die haben so Abos, die schicken mir alle paar Jahre einen kleinen Schein, manchmal alle paar Wochen. Manchmal geben sie mir 5 Euro, manchmal 10, manchmal 50, manchmal 100, einer hat mir 500 geschickt vor ein paar Wochen. Na ja, super! Davon leb’ ich einen Monat bitte! Dass ich davon leben kann, das war für mich Voraussetzung. Von dem, was ich mach’, erhalt’ ich mich selber. Denn ich mach’ das ja auch mit großer Hingabe, aber halt nix anderes!

Aber was, meinst du, bedeutet die jetzige Situation für Künstler*innen, die jetzt grad »anfangen«, sich mit ihrer Kunst ein Leben zu ermöglichen?
Ich befürchte, dass da einige nicht überbleiben. Das klingt jetzt aber gemein und ist schon wieder zu deutlich gesagt. Es ist ihre Freiheit, weiterzumachen. Niemand wird es ihnen verbieten. Ich kenn’ nur auch Dutzende, die machen was und dann … na ja … nimmer als normale Hack’n, dann wird’s nebenbei gemacht. So als eine Art Hobby. [Wir gehen an einer großen Wiese im Augarten vorbei.] Na schau, da sind aber viele. Drei Wochen war er zu, der Augarten!

Nachdem du da ja schon relativ lang wohnst …
Na, immer schon!

Wie hast du denn drauf reagiert, als die Bundesgärten geschlossen wurden?
Na ja, Briefe habe ich geschrieben, auf Facebook auch, und das haben andere auch gemacht, aber das war wirkungslos. Das war so ein Kampf zwischen Rot und Schwarz, glaub’ ich – oder Türkis, wie auch immer. Ich mein’, Platz ist trotzdem genug, im ganzen Augarten!

Augarten © Ania Gleich

Nun aber zur vorigen Frage zurückkommend: Was, meinst du, passiert mit heutigen Künstler*innen, die im öffentlichen Raum Kunst machen?
Das seh’ ich ned! Deren Öffentlichkeit ist nicht meine Öffentlichkeit! Meine, die ist die: der nächste Baum, die nächste Station, wo die normalen Leute sind, die nie Zugang zu Kunst haben. Die gehen nie in ein Museum. Ich kenn’ Verwandte von mir, die waren noch nie in einem Theater, nie in einer Lesung. Gott behüte! Das heißt, die fragen: Kunst, was heißt das, was machst denn du da? Aber die sind nicht deppert, nur sie sind halt eng-gebildet, auf ihre bestimmte Art.

Und die sind dein Publikum?
Ja, und die erreich’ ich dann, wenn ich hingeh’, wo die leben. Einmal die nächste Station, einmal die Kärntner Straße, für bestimmte Touristen … Natürlich gibt’s da auch immer zehn, fünfzehn grantige Männer, die kommen hin, reißen es runter, aber wenn’s ihnen guttut … Die gehen befreit nach Hause! Ist ja auch eine Therapie wert! Einmal hab’ ich zwei Bäume gekriegt vom Helmut Zilk. Am Höhepunkt der Schwierigkeiten kommt ein Mann her und sagt: Na, komm zu mir ins Rathaus. Und dann sagt der zu mir: Da hast zwei Bäume und gib a Ruh’! Über Nacht waren sie genehmigt. Zwei Anrufe: Polizei, Stadtgartenamt – erledigt! Im Winter kommt er dann und sagt: Ich weiß, was du brauchst! Kriegst zwei Säulen in der Opernpassage – sofort genehmigt! Und dann erst hat er erfahren, dass es eh überall erlaubt ist, solang’s runtergeht. Aber da hat er mir echt geholfen, in Szene zu setzen, dass es nicht verboten ist, auch wenn die Polizei kommt. Also: Ich kann mich selten vergleichen mit anderen Kunstarten, weil ich da völlig abseits der normalen Wege gehe, wo man sagt: Ah, du kennst da jemanden, kann der mir was fördern? Das gibt’s bei mir ned!

Um das mal zusammenzufassen …
Ja, unterbrich mich rechtzeitig, falls ich da zu weit schweife!

Du würdest also meinen, dass du nicht zu anderer Kunst im öffentlichen Raum dazugehörst, weil die sich selbst in Szene setzt, während es bei dir wirklich nur ums Erreichen der Leute geht. Und wenn’s deine gewohnte Öffentlichkeit in der Corona-Krise nicht gibt, dann gehst du halt woanders hin, um die Leute zu erreichen. Richtig?
Ja, z. B. kennst du den Steg über dem Donaukanal?

Bei der Rossauer Lände?
Ja, den habe ich erst vor vier Jahren entdeckt, obwohl ich da ums Eck wohn’! Also da sind die ärgsten Passant*innen, wie die reißen! Da den Zettel und den auch gleich – so oag! Aber jetz is a Ruh …

Aber dann findest du halt andere Wege.
Neue Ideen suchen ist für mich wichtig. In der Form, im Inhalt, aber vor allem in der Verbreitungsform! Um immer mehr Leute zu erreichen. Natürlich geht’s ned bei allen. Manchen erreicht keine Künstlerin und auch kein Künstler. Aber wenn man eine Chance hat, mit modernen, halbwegs verständlichen Texten oder Malereien Leute zu erreichen, dann muss man ihnen entgegengehen und schauen: Wo leben die? Ich begleite sie! Ich geh hin und schau nach. Hey, U-Bahn-Stationen: idealer Platz! Manchmal sprechen sie mich an: Ah, du bist das! Dann bleiben sie kurz stehen, lesen, diskutieren, »Schickst du’s mir zu?«, geben mir Geld, oder auch ned, ist völlig wurscht: Das ist für mich die Wirklichkeit! Ausstellungen, Lesungen, gut! Ich bin aber lieber in einem normalen, kleinen Publikum. Aber bei den anderen Künstler*innen weiß ich nicht, da fehlt mir ein bisschen der Überblick, weil mir das fast egal geworden ist.

Welcher Überblick?
Über die Entwicklung der neuen Kunstformen und der neuen Kunstschaffenden. Da ist so viel Kunst, die Insider ist. Die ist nicht schlecht, natürlich nicht, denn sie spricht viele an. Oder auch bei den Buch-Bestsellern: Ja, okay, ist ein Bestseller, aber wer kümmert sich um die Mehrheit der Nicht-Lesenden, der Nicht-Interessierten an Kunst? Und da denk ich mir: Ich hab’ so viele erreicht – die denken sich: Da ist endlich keine Kirche oder keine Kunst, sondern eben nur Gedanken, die echt auch mich treffen.

Und mit welchen Gedanken willst du die Leute erreichen?
Also vom Gefühl her fühl’ ich mich Rot-Grün, aber Mitläufer gibt’s überall. Und ich red’ mit Rechten auch, so ist’s ned.

Ich find’s interessant, dass du meine Frage nach den Gedanken gleich mit einem politischen »Rot-Grün« beantwortet hast.
Na, ich bin aus der Kreisky-Zeit und die Kreisky-Zeit war genau die Öffnung für die Freiheit im Denken, die Freiheit der Künstler, die Freiheit der Frauen. Da war zwölf Jahre lang wirklich eine Aufbruchstimmung. Der Olaf Palme in Schweden, der Kreisky in Österreich und ein paar in Deutschland, der Willy Brandt und so: Das war wirklich oag! Als mein Vater gestorben ist, musste meine Mutter noch ansuchen, um eine Beziehungsberechtigung, das ist doch lächerlich! Da war noch alles an den Mann geschoben und plötzlich hatten die Frauen mehr Rechte! Aber was heißt »mehr« … na hoffentlich bald alle!

Auf deiner Website stehen am Anfang diese Zeilen: »Texte für Denkende + gegen das Denk-Ende«. Prognostiziert Corona etwa dieses »Denk-Ende«?
Na ja, manche sagen ja, die üben da schon für eine Diktatur … Allerdings kann es zu beidem führen: zum Guten und zum Schlechten. Einerseits könnten die Leute dann vielleicht Dinge gelernt haben, andere Werte und nicht nur Auto, Reise nach Ibiza oder sonstwo und prinzipiell nur mehr einkaufen und einkaufen.

Du meinst, dass es die Leute zu sich zurückbringt, eben weil sie in ihren Möglichkeiten eingeschränkt sind?
Ja! Weil sie gemerkt haben werden, dass es vielleicht andere Werte gibt als neue Waschmaschinen oder Polster kaufen oder sonst irgendwas! Ob’s so bleibt in ein paar Jahren oder ob das Ganze trotzdem in Konsumwahn endet, wissen wir ned. Aber wie auch immer: Ein paar werden sich sicher merken: Es gibt andere Werte. Aber wenn ich jetzt zurückkomm’ auf die Aussage über die Vorform eines nicht-mehr-demokratischen Staats, der dir genau sagt, was du machen musst – ich hoffe das ergibt sich dann wieder in einer freundlichen, friedlichen, demokratischen Form.

Das ist, glaube ich, was viele Künstler*innen gerade auch für die Zukunft der Kulturformen befürchten.
Aber geht es bei denen um die Angst um die Welt oder nur um die eigene Angst?

Da geht’s grundsätzlich um eine Einschätzung der allgemeinen Meinung, die sich halt jetzt grad weitgehend verschiebt in Richtung einer konformistischen Denkweise. Ich meine, wir hatten die Vorboten in rechten Regierungen ja schon in den Startlöchern sitzen, a là Orban oder …
… oder Kickl, Gott! Ich hab’ erst vor Kurzem eine Rede von ihm gehört … der kann des echt gut! Aber teuflisch gut, so wie der Hitler. Das war echt ergreifend. Er war perfekt, leider. Und ich hoffe … er kommt nie wieder hoch.

Ein weiteres Denk-Ende. Aber wie reagierst du als Künstler da drauf?
Ich hab’ z. B. vor drei Jahren den Hauptpreis der freien Szene Wien gekriegt und da wurde mir gesagt, dass das genau das ist, wofür der Preis gemacht ist: wenn man abseits vom Mainstream was macht, niemanden über sich hat, niemanden unter sich hat, sondern für sich selbst verantwortlich ist und dahingehend eben freischaffend ist. Ich mach’, was ich will! Hab’ ich immer schon gemacht. Ich schreib’, was ich will … und dann denk’ ich mir: Aber das geht doch besser! Und dann mach’ ich halt eine neue Form desselben Texts. Da gibts keinen Lektor, der mir etwas sagt. Obwohl, na ja, da gibt’s z. B. auch drei Bücher von mir, nicht sehr erfolgreich, ein bissl schon, aber das wirklich nebenbei!

Das war halt nicht dein Medium. Du siehst dich halt gar nicht als klassischer Schriftsteller.
Das geht ned! Und ein paar mögen mich seit einigen Jahren mehr als früher … Einer etwa, das war in Trosendorf, Peter Paul Wiplinger heißt der, der ist schon 80 und vor vierzig Jahren hat er alles runtergerissen in Trosendorf. Da war ein Künstlerfest, aber ich war vorm Schloss Trosendorf, nicht im, wo’s war. Das hat ihnen nicht gepasst! Und jetzt hat er mir so toll rührend geschrieben, wie langweilig es ist, immer dieselben Leute bei den Lesungen zu sehen, immer dieselben dreißig, vierzig, fünfzig, hundert, aber eigentlich immer dieselben Leute!

Du bist ja ein ziemliches Einzelphänomen, mit dem, was du machst.
Als es damals unter Kreisky den großen Aufbruch gab, da hab’ ich u. a. den Christian Ide Hintze kennengelernt, späterer Dichterschule-Gründer. Und als wir eine Zeit miteinander verbracht haben, hat er gemeint: »Na, ich mach auch Zetteln!« Na Servas! Da haben wir kindisch gestritten mit 20, 22 Jahren, wer gibt welcher Frau mehr Gedichte. Aber irgendwann hat er Pause gemacht, dann ein Buch geschrieben und da war ich wieder der Einzige. Und dann hat er aber die Dichter-Schule gegründet, womit er weltweit bekannt wurde. Das war der wichtigste Mann in meinem Leben, der Christian Ide Hintze. Ich hab’ ihn geprägt und er hat mich bestätigt, der zu sein, der ich jetzt bin. Es war gut, dass es ihn gegeben hat, denn es war eine gesunde Konkurrenz, die mir eigentlich abgeht. Vielleicht macht’s noch jemand anderer, aber ich seh’s zumindest nicht! Ich bin einmal im Jahr in Berlin, vier Wochen. Und da regt sich keiner auf. Einmal bin ich also Bäume-Einwickeln am Kurfürstendamm, da kommt ein Bus mit Wiener Kennzeichen und es steigen nur alte Männer aus und sagen: »Jetzt ist der Trottel auch schon in Berlin.« Das tat so gut!

Helmut Seethaler © Helmut Seethaler

Weil du dich jetzt also nicht in deiner Kunstform ändern willst, da du eh schon immer gegen den Strom schwimmst: Wie, glaubst du, wird sich die Öffentlichkeit, an die du dich wendest – und gerade die, die nicht »kunst-besonnen« ist – wie wird sich die verändern?
Gute Frage! Die Ablenkungsindustrie ist jetzt schon so groß geworden, dass man sagen kann, die bleiben gleich, werden nicht dümmer, aber auch nicht besser.

Aber glaubst du nicht, dass jetzt die Tendenz für alle da ist, da mehr »reinzurutschen«?
Aus Unsicherheit, ja. Ich mein’, ich schau mir ja selten dumme Sendungen an, wenn dann kurz, und dann denk ich mir: Das ist eh schon das Ende. Die Leute haben kein Interesse mehr, sondern eh nur mehr Ablenkungen, damit sie wieder fit sind am nächsten Tag.

Wir haben ja vorher zusammen herausgefunden, dass es ja eben auch die »andere«, »normale« Öffentlichkeit verändert. Wie gehst du damit um?
Na, da bleib’ ich gleich, kein Problem! Kann ich für andere vorbildlich sein? Nein, kann ich nicht. Ich würd’ mich freuen, wenn’s wen anderen gäb’, wenn ich sehen würd’: Ah, Gedichte, aber ned von mir! Aber ich kann niemand anderem etwas geben, außer zu sagen: Lasst euch nie entmutigen! Zieht’s es durch!

Was würdest du aber unternehmen gegen einen neuen Konformismus oder eine Entsolidarisierung?
Mit dem hast du recht, nur ich hoff’, du hast nicht recht. Ich hoffe, es kommt dann doch zurück zu einer modernen Form von Demokratie, wo die Leute zusammenhalten. Ich merk’s so in Meldungen, wie Menschen einander helfen. Völlig Fremde helfen einander plötzlich! Und das ist demokratisches Verhalten. Das muss erhalten, wenn nicht sogar verstärkt werden! Natürlich seh’ ich die Gefahr, aber die wär’ noch größer, wenn die Rechten da jetzt mitgespielt hätten. Und wenn ich z. B. anschaue, den Bundespräsidenten: Ein paar Reden waren echt gut!

Na ja, aber zurzeit hat der Bundespräsident ja recht wenig zu sagen …
Ja, aber er hat das ganze bisher beruhigt, die ganze Szene: »Pack ma’s gemeinsam!«

Ich find’ es, um ehrlich zu sein, sehr schön, dass du das sagst, du scheinst in jeglicher Hinsicht das Beste in der jetzigen Situation zu sehen.
Andererseits, klar, für Künstler*innen, die gerade erst angefangen haben, sich dadurch ihr eigenes Geld zu machen, die werden es jetzt schwer haben. Es werden viele Erwartungen zurückgesteckt … Aber da hat doch gerade der Kulturjournalismus jetzt die Aufgabe, dass nicht weniger los ist, dass die Medien trotzdem über Kunst berichten. Und auf Seiten der Kunst gibt es ja auch ganz andere Möglichkeiten, wie Facebook z. B. Ich hab’ ja bis vor Kurzem keine Ahnung gehabt, was das ist! Aber es ist für Kunst auch eine Form geworden.

Aber auch eine Plattform.
Trotzdem: Ich mein’, da erreich’ auch ich manchmal Leute, die nie Gedichte »pflücken«.

Auf der anderen Seite haben wir ja vorher über Angebote der Ablenkungsindustrie geredet, die halt genau solche Plattformen für ihre Verbreitung nutzen. Da kann Kunst auch untergehen in der Vielzahl an »Blasen«, die in den sozialen Medien existieren, und muss sich erst recht wieder herausstellen.
Das stimmt. Auch Facebook ist wie RTL2 manchmal: Da geht’s um nichts.
Im Endeffekt geht es mir aber immer noch um die Weiterentwicklung, um die Kunst mitten im Alltag. Und wenn die Leute wieder zugänglich sind, dann hab’ ich wieder mein Publikum.

Also um das nur kurz zusammenzufassen: Du meinst, für dich zumindest hätte sich nicht viel geändert, und du schaust mit positiven Augen in die Zukunft.
Ja, und im Moment schick’ ich halt dafür mehr Briefe mit Gedichten aus als sonst, hab’ grad heute wieder fünfzig Briefmarken gekauft und die werden dann auch verschickt.

Eine schöne, andere Sichtweise, die du darauf hast!
Andere Lebensform!

Gibt es irgendetwas, dass dir zurzeit abgeht?
Na, ich genieß alles. Ich mach’, was ich will. Ich geh’ mit meinen Uhu-Sticks in die nächste Nacht, wechsle Bezirk. Im Sommer mach’ ich das manchmal, da geh’ ich ans Ende von Wien und komme zurück – dann bin ich um 6 in der Früh wieder daheim. Im 21. war ich noch selten, im 22. fast nie – das kommt auch dran heuer!

Und weil du ja meistens in der Nacht arbeitest: Hat sich die Nacht verändert?
Ja, also Gehen durch Wien in der Nacht ist wunderbar, es ist wie ausgestorben. Im Moment echt niemand. Um 5 kommen normal die ersten raus, aber jetzt auch weniger. Und auch die Nachtbusse: völlig leer, trotz Stundentakt.

Und der Rest Österreichs?
Hab’ jetzt erst vor einem Jahr eine Netzkarte bekommen von der Bundesbahn, aber ich darf ja nicht fahren – ich bin ja 67! Aber nachdem es mein Beruf ist, sollten sie mich vielleicht doch wieder fahren lassen … Ich bin jetzt acht Wochen nicht mehr gefahren! Ich meine, ich beschreibe Österreich! Ich hab’ schon Linz, Salzburg, Graz beklebt, aber schlussendlich bemerke ich, dass die Essenz von dem Ganzen doch Wien ist, da find’ ich mich zurecht, da können die Polizisten umgehen mit mir!

Zettelgedichte © Helmut Seethaler

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