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Howie B./Húbert Nói

Der Weltraum hat bekanntlich unendliche Weiten, aber wie dorthin kommen? Besser gefragt: Mit was für einer Musik im Cockpit zu so einer Reise (und sei sie auch nur einmal rund um die Welt) aufbrechen? Darüber haben sich in einem isländischen Studio Mischpult- und Remix-Wizard (Soul II Soul, Björk, Tricky, Goldie, Massive Attack, U2 sowie Mo’Wax, DJ Shadow, Portishead, Coldcut) und Labelgründer (Pussyfoot) Howie B. und der isländische Künstler und Musiker Húbert Nói (er war u.a. bei den Psychic TV-Platten: »Those Who Do Not« und »Live in Reykjavik« beteiligt und steuert auch das Cover zu Howie B.s »Music for Babies« bei) die letzten zehn (!) Jahre den Kopf zerbrochen. Herausgekommen ist dabei mit »Music for Astronauts and Cosmonauts« eine Konzept-Doppel-CD, die das Genre »Gebrauchsmusik« um ein Highlight reicher macht und die über verschlungene Pfade schließlich beim österreichischen Laton-Label gelandet ist.

Around the world in one day

Worum geht es? Schlicht und einfach um einen Cockpit-Soundtrack für eine Raumschiffreise einmal um den Welt-Orbit. Die dauert exakt 90 Minuten (plus »Countdown« und »Into Landing«) und ist hier unterteilt in die Reiseabschnitte/Tracks »Morning«, »Day«, »Evening«, »Night«.

Sonisch untermalt/imaginiert als Verlassen der Erdanziehungskraft mit manchmal fast zu schöner Leichtigkeit. Ein Lost in Space zwischen Eintauchen ins abendliche Twilight, in das Unbekannte, Geheimnisvolle, Halluzinatorische, den Zwischenbereich, dem Unheimlichen, dem Nichts wo es kein Oben/Unten, Vorne/Hinten, Links/Rechts mehr gibt. Bis hin zum absoluten Stillstand, wo Raum und Zeit Urlaub machen, das All als Dunkelkammer erscheint und schließlich wieder in die Erdatmosphäre eingetaucht werden muss. Fazit: Gravitation sucks!

Space ist wo der Geysir ist

Erstmalig getroffen haben sich Howie B. und Húbert Nói aber auch in einer mitunter überirdisch zu nennenden Gegend. »Wir trafen uns über einen gemeinsamen Freund 1996 in Reykjavik und halten uns seit einer kalten Winterreise zu den Geysiren gegenseitig warm.«, so Húbert Noi. Vom winterlichen Wandern durch unwirkliche Geysirgegenden zur Idee eines Soundtracks für Weltraumreisende, war es dann nur noch ein kurzer Sprung.

Húbert Nói: »Die Idee, etwas gemeinsam zu machen kam von Howie, nachdem ich ihm einige meiner eigenen Aufnahmen vorgespielt hatte. Ich hatte dann die Idee mit dem Zeitrahmen, nachdem ich ein Interview mit dem isländischen Astronauten Bjarni Tryggvasson gelesen hatte, wo er sehr detailliert den Take Off (8:30 min) beschrieb und dass ein Sonnentag im Orbit der Erde nur 45 Minuten dauert. Was wir auf der Erde in 24 Stunden von Sonnenaufgang zu Sonnenaufgang erfahren, dauert für einen Astronauten 90 Minuten – einmal eine Runde um den Erdorbit.« Wobei Húbert Nóis Interesse für das Thema »Weltraumfahrt« schon in Kindertagen geweckt wurde. Und zwar ganz klassisch. »Wie für viele meiner Generation war die Übertragung der ersten Mondlandung auch meine erste Erfahrung mit dem Thema. Ich habe das im Auto meiner Eltern via Radio mitgehört. Man darf dabei nicht vergessen, dass die Astronauten dieser Mission in den Highlands von Island darauf trainiert wurden verschiedene Gesteinsschichten nach ihrem Alter zu unterscheiden und zu bestimmen.«

Dass dieser isländische Beitrag (neben dem von Tryggvasson) bis jetzt seitens der NASA nicht entsprechend honoriert wurde, wurmt Nói zwar immer noch etwas, aber immerhin wäre ohne diese direkten Bezüge das Projekt mit Howie B. wahrscheinlich auch gar nie zustande gekommen. »Tryggvassons Beschreibungen über das Reisen im Orbit und die damit verbundenen Vorbereitungen haben uns schon wichtige Informationen für das Projekt gegeben. Zusätzliche Informationen aus den USA und der UdSSR haben wir uns selber an Hand von Dokumentationen, etc. zusammengestellt. Zusätzlich war Howie für ein paar »method treatments« in einem Science-Park und einem Planetarium.«

Weltraum-Eskapaden

Diese Nachforschungen brachten dabei auch einiges Obskures ans Tageslicht. Etwa bei der Beantwortung der Frage, welche Musik während eines Starts im Cockpit eines Raumschiffs wirklich zu hören ist. Und da staunte selbst Howie B.! »Ich arbeitete in den späten 1990ern mit einer Holländerin zusammen, deren Vater bei der European Space Agency tätig war. So erfuhr ich relativ viele Geschichten über die Weltraumfahrt. Aber das absolut Interessante dabei waren für mich die musikalischen Aspekte. Denn sowohl die Amerikaner als auch die Russen hatten sich jeweils unabhängig voneinander dafür entschieden mit US-amerikanischer Country & Western-Musik in das Weltall zu fliegen. Das musst du dir einmal vorstellen! Ich fand das absolut unglaublich und sehr inspirierend. Ich wusste sofort welche Mission ich nun in Angriff nehmen würde.«

So irre diese Geschichte auch ist (man stelle sich nur Kosmonauten vor, die zu den Klängen von Bob Wills & His Texas Playboys, Hank Williams, Johny Cash oder gar Commander Cody & His Lost Airmen in das Weltenall abshaken), so sehr beamt sie uns auch ins goldene Zeitalter jener unglaublich seltsamen Musik zwischen Easy Listening und Exotica zurück, wo sich vor allem auf Platten der außerplanetarischen Erforschung des »Space-Age« gewidmet wurde. Zwar waren damals die Titel oft reißerischer als die Musik, jedoch gab es – auch heute immer noch leichte »Future-Shocks« auslösende – Alien-Musiken. Etwa 101 Strings mit »Asto-Sounds Form Beyond 2000«, Esquivels »Other Worlds Other Sounds«, Louis & Bebe Barrons epochaler Elektroniksoundtrack zu »Forbidden Planet« oder Les Baxters »Space Escapade«.

Angesprochen auf diese »Space«-Soundtracks als mögliche Einflussquellen winkt Húbert Nói jedoch ab. »Möglicherweise kenne ich einiges davon. Als ich noch ein Teenager war, gab es in Island eine alle 14 Tage ausgestrahlte Radiosendung für experimentelle Musik, wo auch immer viele, frühe elektronischer Sachen gespielt wurden.«

Aber wie steht es mit dem »Music For…«/»Music To…«-Genre? Das Space-Age brachte uns ja auch einiges an Prä-Ambient-Music für den alltäglichen Gebrauch mit so lustigen Titeln wie »Music To Watch Space Girls By« (von Leonard Nemoy/Mr. Spock), »Music To Be Murdered By« (von Alfred Hitchcock) oder »Music To Light Your Pilot By«. Da müssten doch ein paar referenzielle Traditionslinien auszumachen sein?

Húbert Nói dazu: »Die eigentliche Herausforderung bestand darin Gebrauchsmusik zu machen. Nicht unbedingt Musik zum Zuhören, sondern zum Anwenden. Die atmosphärische Hauptinspiration war klassische Musik. Etwa Serenaden von Wolfang Amadeus Mozart. Beim letzten Track »Into Landing« standen die Young Marble Giants Pate. Aber auch John Cages »4,33 Silence« und »5minutes« der Stranglers sind uns konzeptuell sehr nahe. Ich habe aber erst später realisiert, dass mir auf dem Faktor Zeit basierende Musik schon immer sehr gut gefallen hat. Da wir bei diesem Projekt doch hauptsächlich von Mozart beeinflusst sind, würde ich den Genre-Begriff »Kammer-Musik« bevorzugen. Aber das ist im Grunde auch nichts anderes als eine Art Vorgänger des ganzen »Music For«-Genres. Eben Musik für einen bestimmten Ort oder eine spezielle Gelegenheit.«

Die leidige »Ambient«-Frage

skug: »Wenn es um den musikalischen Begriff »Ambient« geht, denken meist alle zuerst an Leute wie Erik Satie oder Brian Eno. Speziell Enos »Discreet Music« scheint als eine Art Echo bei euch mit an Bord zu sein. Aber wo würdet ihr Unterschiede festmachen?«
Howie B.: »Wir unterscheiden uns in vielen Wegen, haben aber auch viele Gemeinsamkeiten. Letztere bestehen darin, dass wir ebenfalls die Absicht haben Konventionen zu brechen, indem wir den Raum als zur ei
gentlichen Musik dazugehörenden Part unterstreichen und respektieren. Selbiges gilt auch für die Zuhörer, die sich so ihre eigene Projektionsfläche erschaffen können. Aber es geht ebenso um die Liebe zur Repetition und zu zyklischen Welten. Ich denke die Unterschiede liegen in der Herangehensweise. Unsere Intentionen bestanden darin, Instrumente sowohl aus den USA wie aus Russland bzw. der ehemaligen UdSSR zu verwenden, um uns regelrecht in der Elektrizität dieser beiden übergroßen Gesellschaften zu Hause zu fühlen (wobei eine gewisse Björk tatkräftig beim Übersetzen der kyrillischen Schriftzeichen mithalf, Anm.). Das hat uns einige Male direkt in ein Cockpit versetzt, aber ein paar Mal auch in ein Eck. Aber im Grunde sind wir sowieso alle Weltraumfahrer.«

skug: »Ambient-Music kann ja auf mindestens zwei Arten definiert werden. Einerseits als Musik mit der zuvor nicht existierende Räume geschaffen werden können, andererseits als Musik für spezielle Räume, als Art sonische/akustische Möbel. Wenn ich eure Musik höre kann sie mein Wohnzimmer durchaus in das Cockpit eines Raumschiffs verwandeln. Andererseits ist die Musik doch für den Einsatz in einem realen Cockpit gedacht.«Húbert Nói: »Uns ist es primär um den Faktor Zeit gegangen ist. Der Zeitrahmen passt perfekt zu einem orbitalen Weltraumflug. Aber was immer du auch in deinem täglichen Leben tust, die Erde wandert durch das Weltall und du bist in deinem Cockpit.«skug: »Eine krude und simple Definition von ambiesker Musik jedweder Art basiert auf der Annahme, dass es sich hierbei fast generell um beatlose Musik handelt. Kodwo Eshun argumentiert ja auch gegen Ambient als beatlose Musik. Für ihn stecken all diese Soundteppich-Sachen noch tief im 19. Jahrhundert und den damals gängigen Avantgarde-Ansprüchen. Wohingegen er Beat, Rhythmus, Groove als Zeichen eines auch über das 20. Jahrhundert hinausweisenden Konzepts von »Future Music« definiert. Ihr verwendet Rhythmen. Wie kam es dazu?«Húbert Nói: »Als das Projekt 1997 gestartet wurde haben wir eher darüber geredet, dass Drumbeats für einen solchen Soundtrack nicht wirklich passend wären – for it takes place in zero gravity. Als das Projekt dann im Juni 2002 beendet wurde, kamen die Beats gleichsam in allerletzter Minute mit an Bord. Und das passt dann seltsamerweise wieder ganz gut zu dieser Theorie.«

Austro-Mir & die Folgen

Bei all dem stellt sich zwangsläufig die Frage, nach einer konkreten Anwendung im Rahmen kommender Weltraumflüge. Gibt es da schon Kontakte, Pläne?

Húbert Nói: »Offizielle Stellen wissen noch nichts über dieses Flugunternehmen. Oder doch? Aber wir hoffen, dass die CDs bald zur Standardausrüstung jedes Space Shuttles gehören werden. In einer netten Goretex-Alubox mit Felcro«

Bleibt zum Schluss noch die Auflösung des Rätsels wie Húbert Nói und Howie B. zum österreichischen Laton-Label gekommen sind. »Naja,« entgegnet Hubert Noí, »das Projekt begann ja schon vor knapp zehn Jahren und Weltraumflüge brauchen halt eine lange Vorbereitungszeit. Vor drei Jahren gab ich dann Franz Pomassl eine Demo-CD und schlussendlich wurden er und Laton Teil der Mission.«

Und Howie B, ergänzend dazu via Internet: »So yes, something that started out with NASA has now ended up in Vienna, which is quite interesting.«

Eine eigentlich logische Fügung, war doch Pomassl beim Austro-Mir-Projekt Testperson für Weltraum-Nahrung und hat vor ein paar Jahren eine Neubearbeitung des Soundtracks zu Stanley Kubricks »2001 – A Space Oddyssee« veröffentlicht. Was Hubert Nói und Howie B. bis jetzt zwar nicht bekannt war, der ganzen Sache nun aber einen ganz neuen Spin gibt, wie Hubert Noí begeistert anmerkt: »Wir wussten davon überhaupt nicht, aber jetzt macht es noch mehr Sinn, dass Laton in dieser Mission involviert ist.«

Eine Mission, die zudem noch lange nicht abgeschlossen ist. »Wir haben ein paar Ideen.«, so Hubert Noí abschließend. »Möglicherweise laden wir ein paar Gast-Astronauten und Kosmonauten in unser Cockpit ein und heben dann mit ihnen ab.«

Na dann – Guten Blast Off!

Húbert Nói/Howie B: »Music For Astronauts and Cosmonauts« (2CD, Laton)

Howie B. spielt am 12.3. beim Dub Club im Wiener Flex.

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Text
Didi Neidhart

Veröffentlichung
22.02.2007

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