© Katja Kauschke

»Hasenkarussell im Erlkönighaus«

Das Organ für supradisziplinäre Kunst namens AIAIA wird von Georg Nussbaumer und Stefanie Prenn künstlerisch mit Ideen versorgt. Am 24. Juni laden Sie zu einer Performance in die Wiener Schubertgarage, wir luden sie vorab zum Interview.

Ein therapeutisch wichtiger Abend, bei dem keine Hasen zu Schaden kommen und Franz Schubert in der Autowerkstatt komponiert. Joseph Beuys schaut auch vorbei und dreht sibirische Runden … Am 24. Juni 2022 um 18:30 bzw. 20:00 Uhr gibt es wieder einen dieser ungewöhnlichen Abende in Wien zu erleben, diesmal in der Schubertgarage im 9. Bezirk, Säulengasse 3. Das konzertante Environment wird unter anderem von Han-Gyeol Lie am Klavier, Ayako Kaisho an der Gitarre und Stefanie Prenn am Violoncello instrumental-sympoietisch erschaffen, Masao Ono wird rezitieren, Georg Nussbaumer schichtet um. skug hat ihn und Stefanie Premm an einer stark befahrenen Straße im 15. Bezirk getroffen, um den Verkehrsfluss mit dem Redefluss kurzzuschließen.

skug: Der kommende AIAIA-Abend, ein sogenanntes konzertantes Environment, nennt sich »Hasenkarussell im Erlkönighaus«. Was verbirgt sich hinter diesem märchenhaften Titel?

Georg Nussbaumer: Der übergeordnete Titel von unserem Jahresprogramm lautet »Leiermann the Organ Grinder«. Dieser Abend ist der erste Teil der Veranstaltungsserie und die Eckpunkte für uns waren »Der Leiermann« von Franz Schubert und »Violet the Organ Grinder« von Prince. Es geht in diesem Projekt um Drehungen und Rotationen aller Art. Es wird einerseits reale Drehbewegungen von Objekten geben, und auch akustische Drehbewegungen von Musikstücken, die sich nicht-linear entwickeln. Die großen Drehbewegungen machen wir dann Ende November im Riesenrad und Planetarium.

Mich hat schon lange dieses Haus in der Säulengasse fasziniert, eine Zwei-Mann-Autowerkstatt. Man findet am Haus ein Schild, dass Franz Schubert in diesem Haus unter anderem den »Erlkönig« geschrieben hat. Ein paar gedankliche Sprünge weiter: Von Schubert gibt es die bekannte »Unvollendete« Symphonie, die in der Werkzählung seltsamerweise von Nr. 7 auf Nr. 8 gesprungen ist. Und von Joseph Beuys gibt es die »Sibirische Symphonie«, von der es nur den 1. und den 32. Satz gibt. Diese zwei »unvollendeten« Symphonien müssen nun dringend vollendet werden. Auch Beuys’ Hase wird an diesem Abend auftauchen und dem Komponisten die Symphonie erklären.

Wenden wir uns dem Unvollendeten zu. Wurde das Mysterium um Schuberts »Unvollendete« mittlerweile eigentlich schon aufgeklärt? Und was hat Beuys mit Unvollendung am Hut?

Stefanie Prenn: Der Beginn von der Symphonie ist so unheimlich. Nach so einem Anfang kann man sich eigentlich nicht mehr vorstellen, wie ein Ende erzählt werden könnte. Bei Beuys sehe ich ein Bekenntnis zum Unfertigen. Nichts muss ‒ und kann ‒ jemals fertig sein. Und das finden wir ja spannend. Dass es nicht die eine Lösung gibt, sondern dass man sich auch einmal nicht auskennt und das auch zugibt.

Den Zustand des Nicht-Auskennens erreiche ich auch oft, wenn ich mir eure skurrilen Ankündigungstexte durchlese. Zum Beispiel lese ich bei dir, Georg, dass du dich instrumententechnisch um Tschinellen und um Umschichtungen gekümmert hast …

GN: Es gab mehrere Vorgänge, die man als Umschichtungen bezeichnen könnte. (Er zeigt auf einen Kellner, der seltsam redundant Servietten umschichtet.) Dieser Kellner zum Beispiel macht gerade auch eine Umschichtung mit den Servietten. Es ist schon hörbar, aber eher im Sinne einer Auslöschung. Durch Umschichtungen können also Dinge verschwinden. Das Vollendete wird durch die Umschichtungen wieder unvollendet und unfertig. Es gibt an dem Abend in der Autowerkstatt auch ein von mir komponiertes Gitarren-Erlkönig-Solo zu hören. Ein Stück, das sich anfangs mühsam vorwärtsbewegt ‒ vier Schritte vorwärts, dreieinhalb Schritte zurück: Der Erlkönig reitet und reitet und dreht dann aber wieder um, bevor er angekommen ist.

SP: Ich sehe den Erlkönig immer von A nach B laufen, wie in einem Computer-Spiel. Und zwar immer von links nach rechts.

GN: Die Chronophotographien von Eadweard Muybridge laufen ja auch meist von links nach rechts. Das hat sicher auch mit unserer Leserichtung zu tun. Ich sehe den Erlkönig aber den Tagliamento abwärts reiten.

SP: Beim Leiermann wie auch beim Erlkönig steht am Ende der Tod. Das sind zwei unterschiedliche Bewegungen, die zu ihm hinführen.

GN: Die Autowerkstatt hat auch mit der Fortbewegung des Erlkönigs zu tun, auch wenn eine Autowerkstatt zusätzlich ein Ort der Rückkehr ist. Ich sehe das Auto einfach als Nachfolger des Pferdes.

SP: Das erinnert mich an ein Zitat auf einer Freecard, das angeblich von Kaiser Wilhelm II stammt: »Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.«

Was ist schon wirklich jemals vollendet? Das Unvollendete wird ja stark der Romantik zugeschrieben. Ist es durch unsere schnelllebige Zeit nicht auch wieder etwas sehr Zeitgemäßes?

SP: In der Romantik wurde es oft künstlich heraufbeschworen. Jetzt hätten wir gerne immer alles perfekt und vollendet, aber durch die Komplexität der Prozesse erleben wir ständig überall Unfertigkeiten. Eine romantisierte Unvollkommenheit ist kein gesellschaftliches Ziel mehr.

GN: Das Unvollendete in der Romantik kommt in der Musik auf diesen Geniebegriff. Gleichzeitig gab es auch die Sehnsucht nach dem Fragment. Das wird auch in den Ruinenarchitekturen der damaligen Parks sichtbar.

© Katja Kauschke

Schlagen wir einen thematischen Haken, wenden wir uns der Tierwelt zu. Was ist denn am Hasen neben seinen Ohren so outstanding?

SP: Er verbindet die Ober- mit der Unterwelt. Und seine langen Ohren erzeugen ein Bild des Zuhörens. Und er trommelt, wenn er beleidigt ist.

GN: Und sie können auch schreien. Ich habe einmal ein Video über die Herstellung von Angora-Wolle gesehen. Die Hasen werden bei lebendigem Leibe gerupft, alle zwei Wochen. Das ist sehr unschön! Es gab im Mittelalter auch die Meinung, dass Hasen keine Augenlider haben und die Augen nie schließen. Deswegen wurde der Hase auch zu einem Auferstehungssymbol.

Ein Satz wie »Hasenkarussell im Erlkönighaus« erzeugt bei jedem ein absurdes Bild. Denn es ist ja keine Produktbeschreibung, bei der noch dabeisteht: Symbolbild. Ich mag es einfach, wilde Assoziationsfelder aufzureißen. Es gibt ja viele Ebenen des Verstehens, auch abseits der Logik. Ich finde es jedenfalls therapeutisch wichtig, dass solche Abende stattfinden.

Ein letztes Stichwort entdecke ich noch in meinem Notizbuch, und zwar: offenes Ende.

(kurzes Schweigen)

Wenn jetzt keine Antwort von euch kommen würde, dann hätte das Interview auch ein offenes Ende …

GN: Abgeschlossen ist zum Beispiel eine CD im Regal, und das finde ich äußerst langweilig. Wir haben Spaß dabei, uns auf dünnes Eis zu begeben und dann auch abzuwarten, wie sich das kalte Wasser anfühlt, wenn man einbricht.

SP: Nachdem man den Tod als Ende schwer abbilden kann, ist ein offenes Ende ja das einzig mögliche Ende.

Link: https://aiaia.at/hasenkarussell/