Foto: Heinrich Klaffs
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Grabrede in fünf Takten

Take One. Wer sich heute in die berühmteste Platte von Brubeck (»Time out«, 1959) hineinhört, kommt nicht ganz umhin, das, was damals als Jazzerneuerung gefeiert wurde, ein wenig zu belächeln. Der von Dave Brubeck, seinem Saxophonisten Paul Desmond und nicht zuletzt dem Trompeter Chet Baker wesentlich mitgeprägte Cool Jazz bzw. genauer Westcoast Jazz war tatsächlich eine kammermusikalische Rücknahme gegenüber der damaligen Avantgarde im Jazz. Wir schreiben das Jahr, in dem Ornette Coleman gerade »The Shape of Jazz toCome« veröffentlicht hat. Die Büchse des Free Jazz war somit geöffnet. Auf »Time out«findet sich hingegen jener Jazz, der es damals ins hochkulturelle Wohnzimmer schaffte – gewitzt und bieder zugleich.

Take Two. Das Gewitzte – und damit auch Gewagte – ist das Bemerkenswerte an Brubeck. Auch für die berühmte 5/4-Nummer »Take Five« war die Wiese zunächst keinesfalls gemäht, so populär die Nummer heute erscheint, so sehr sie aufgrund des eingängigen Themas zum Jazz-Superhit prädestiniert war. »Take Five« wurde nur mit einigem Widerwillen seitens des Labels (Columbia) veröffentlicht. Auch das wirkt ein wenig angestaubt. Obwohl der 4/4-Takt immer noch die Popwelt regiert, würde sich kein Produzent an einem ausgefallenen Rhythmus stören, solange der Pop-Appeal passt. Tatsächlich sind es vor allem die Hits, die von Brubeck bleiben, die seine ehrenvolle Erwähnung rechtfertigen: »Take Five« (5/4), »Blue Rondo a la Turk« (9/8) oder der »Unsquare Dance« (7/4).

Take Three. Brubeck steht für den wei&szligen Jazz – auch wenn bei ihm Afroamerikaner mitspielten und Rassismus für ihn selbst kein Thema war. Brubeck hörte Vorlesungen von Arnold Schönberg, studierte bei Darius Milhaud, kam als einer der ersten Jazzer auf das Cover des Time Magazin und trat gemeinsam mit Leonard Bernstein auf. Zur selben Zeit hatte ein Charles Mingus nach wie vor Probleme, au&szligerhalb von Harlem ein Taxi zu bekommen. Irgendwann besorgte sich Mingus einen Klappstuhl, um nach seinen Gigs in aller Ruhe warten zu können, bis ein Taxifahrer die Gnade hatte, ihn mitzunehmen. (Mingus‘ legendäre Wutanfälle hatten sich Anfang der 1960er etwas gebessert.) Darf man Brubeck würdigen ohne die sozialen Hintergründe zu erwähnen, warum der afroamerikanische Jazz damals so dringlich, der wei&szlige Jazz hingegen so abgeklärt klang?

Take Four. Schöne Geschichte, nachzulesen auf Wikipedia und Co. Brubeck wuchs auf der Rinderfarm seines Vaters auf, kam erst ins College of Pacific und schlie&szliglich ins Mills College, wo man entdeckte, dass er keine Noten lesen kann (angeblich, weil er so stark schielte). Daraufhin wollte man ihn rauswerfen, aber einige Professoren setzten sich für ihn ein, weil er doch so ein talentierter Junge war. Aber Musik unterrichten dürfe er nie, so das College. Da wächst einem der Mann dann doch wieder ans Herz.

Take Five. Bada-Bada-Da-Da, Bada-Bada-Da-Da, Bamm-Bamm-Bamm. Dave Brubeck starb am 5. Dezember 2012. Einen Tag später wäre er 92 Jahre alt geworden. 

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Text
Curt Cuisine

Veröffentlichung
12.12.2012

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