Giulio Aldinucci

»Disappearing In A Mirror«

Karlrecords

Das Musikjahr 2018 war ein reichhaltiges und deshalb gehen hier und da auch mal ein paar Früchte der Ernte auf dem Weg verloren. Eine dieser Früchte ist das Album »Disappearing In A Mirror« des italienischen Sound-Artists Giulio Aldinucci, sein zweites nach »Borders And Ruins» (2017) auf dem Berliner Label Karlrecords. Darauf versammelt: Sieben äußerst mächtige Sound-Wuchten, die einen wie wandernde Berge zwischen sich zermalmen wollen. Der Opener »The Eternal Transition« gemahnt Ehrfurcht gebietend an Xenakis’ »Persepolis« (ebenfalls 2018 auf Karlrecords wiederveröffentlicht), tausende Instrumente schichten sich über- und ineinander und bilden teils chaotische und sich erst nach und nach erschließende Gebilde ungeahnter Intensität. Aldinucci legt den Fokus auf ihre inhärenten Gegensätze. Der zweite Track »Jammed Symbols« versteckt seine süßen Melodien hinter finsteren Wänden, bis sie melancholisch und kalt aus ihnen auftauchen, sich transformieren und die Dunkelheit vertreiben. »Notturno Toscano« baut seine Spannung langsam auf, stampfende Trommeln markieren die Anhaltspunkte, die Instrumentierung eines Streichorchesters aus den »Bergen des Wahnsinns«. »Aphasic Semiotics« klingt wie ein Choral aus einer Gletscherspalte, wie aus einem Werner-Herzog-Film. In »The Burning Alphabet« bearbeitet Aldinucci eine Choraufnahme, als würde das Tape wie bei William Basinski stellenweise hinnig sein. Doch die Schönheit strahlt auch diesen Makel weg. Aldinucci vereinigt vermeintliche Gegensätze, löst sie auf und zeigt Bewegung. Majestätisch, zeitlos aufwühlender Drone.