Generation Batida

Auf der Suche nach dem nächsten Hype geraten einst exotisch-schillernde Sensationen schnell wieder in Vergessenheit. Wer interessiert sich heute noch für Baile Funk, Cumbia oder Shangaan Electro? Doch Príncipe Discos, ein kleines Label aus Lissabon, das ausschließlich lokale MusikerInnen veröffentlicht, will bei diesem Spiel nicht einfach mitmachen, sondern legt die Regeln dafür selbst fest – ohne dabei die Interessen der MusikerInnen aus den Augen zu verlieren. Denn Batida ist viele und sie sind gekommen, um zu bleiben. Im Rahmen von Hyperreality bei den Wiener Festwochen 2017 traf skug die MusikerInnen Bleid, DJ Firmeza, Nídia, DJ Nigga Fox und NinOo von Príncipe Discos zum Gespräch.

Seinen Ausgang nahm Batida über 5.000 Kilometer südlich von Lissabon in Luanda, der Hauptstadt Angolas. Dort schlug sich das Ende eines nicht enden wollenden Krieges, der vier Jahrzehnte dauerte und eine halbe Million Tote forderte, auch in einer Transformation der Musik nieder und bescherte Kizomba wie auch dem deutlich schnelleren Kuduro einen bemerkenswerten Aufschwung. Beide Stile hatten sich Ende der 1980er-Jahre aus dem Zouk entwickelt (der zuvor, ausgehend von Brasilien und der Karibik, auch in Afrika an Popularität gewonnen hatte) und teilen sich daher einen ähnlichen Rhythmus. Spätestens Mitte der 2000er-Jahre waren Kizomba und Kuduro dann auch in den Vorstädten Lissabons allgegenwärtig, jedoch sollte es noch einige Jahre dauern, bis sich lokale MusikerInnen diese Stile in einer Form aneigneten, aus der sich eine eigenständige Szene entwickeln konnte.

Der Sound aus der Vorstadt

Die endlosen Vorstädte Lissabons sind für Jugendliche kein einfaches Pflaster. Als mit der Unabhängigkeit der portugiesischen Kolonien in Folge der Nelkenrevolution von 1974 rund eine Million EinwandererInnen in das Land strömten, wurden zahllose Siedlungen ohne jegliche Infrastruktur im Umland der Städte errichtet. An der Situation hat sich bis heute nur wenig verändert: Die hohe Arbeitslosigkeit in Verbindung mit einigen, von Boulevardmedien aufgeblasenen Vorfällen (vgl. »Es war einmal ein arrastão …« in Malmoe #28) hat die Stigmatisierung der Vorstädte als sogenannte »bairros problemáticos« weiter verstärkt. Geeignete Treffpunkte, um so etwas wie Jugendkultur entstehen lassen zu können, sind rar – oft gibt es nicht einmal ein einfaches Café. Obwohl die Entwicklung von Batida immer wieder mit jener von Grime im London der frühen 2000er-Jahre verglichen wird, zeigt sich anhand dieser Problematik bereits ein grundlegender Unterschied – denn für Grime hatten sich die lokalen Jugendzentren als regelrechte Talentebörsen etabliert1, während es in manchen Vierteln Lissabons an allem fehlt.

Trotzdem war es dann irgendwann einmal so weit. Als Buraka Som Sistema, die Kuduro und Techno erfolgreich verbanden und spätestens ab 2008 mit ihrem auf Sony erschienenen Hit »Kalemba« (besser bekannt unter dem Nonsens-Refrain »Wegue Wegue«) die Vorstadt in Richtung UK-Charts verließen, schien der Hype bereits wieder vorbei. In die Presche sprang mit Príncipe Discos ein Projekt von vier jungen Veranstaltern aus Lissabon, die mit Flur  auch einen kleinen Plattenladen betreiben: Pedro Gomes, sein Bruder Nelson, José Moura und Márcio Matos. DJ Nigga Fox, der in den letzten Jahren drei Platten auf dem Label veröffentlicht hat, hebt die Bedeutung von Príncipe für die lokale Szene hervor: »MusikerInnen aus dem Ghetto hatten davor keine Gelegenheit, ihre Musik zu veröffentlichen. Príncipe macht sich aktiv auf die Suche nach Kids aus den Vorstädten und gibt ihnen die Möglichkeit, ihre Musik zu veröffentlichen.«

DJ Firmeza © Chris Hessle

»Batida bedeutet instrumental. Das ist der Musikstil, mit dem ich mich identifiziere«, meint Nídia im Gespräch mit skug, und DJ Nigga Fox fügt hinzu: »Im Grunde machen wir Kuduro ohne Stimme. Für die meisten portugiesischen Radiosender ist unsere Musik aber nicht kommerziell genug, mit Ausnahme von Rádio Oxigénio. Doch im Vergleich zu Áfro House sind wir immer noch sehr underground. Es gibt in Lissabon einige Diskotheken, in denen afrikanische Musik läuft, aber unsere Musik wird dort nie gespielt. Nur Firmeza spielt im Luanda, seine Musik akzeptieren sie.« Nídia widerspricht dem: »Meiner Meinung nach respektieren sie seine Musik dort auch nicht, denn er kann seinen Sound dort nicht konsequent spielen, so wie er das gerne würde.« Dabei würde das eigentlich gut funktionieren: »Wenn Firmeza spielt, läuft immer auch Batida – dann ist die Tanzfläche voll und alle tanzen. Das Publikum kommt ja zu großen Teilen aus dem Ghetto und daher wollen sie auch Musik aus dem Ghetto hören.«

Einen zentralen Bezugspunkt stellt für viele MusikerInnen in der Batida-Szene die Pionierarbeit von DJ Nervoso dar. Sein Porträt, gemalt von Graffiti-Künstler Vhils, ziert nicht zufällig eine dreistöckige Häuserwand in seinem Heimatviertel Quinta do Mocho. Bereits lange vor der Gründung von Príncipe Discos hatte er junge Musiker aus dem Viertel, wie DJ Marfox oder DJ Firmeza, die sich mittlerweile zu Aushängeschildern des Labels entwickelt haben, in seine Obhut genommen und ihnen bei den ersten Schritten ins Musikgeschäft geholfen. Nídia dazu: »Die meisten DJs haben weder Zugang zu Instrumenten noch zu einem Studio. Alles, was sie haben, ist ein Computer, ein Programm und ein Kopfhörer. Mehr braucht es aber nicht, um einen Beat zu machen.«

DJ Nervoso, porträtiert von Vhils in Quinta do Mocho © Ctrl+Alt+RUA

Neben einigen Batida-Stücken finden sich auf der bislang einzigen Veröffentlichung von DJ Nervoso (abgesehen von einzelnen Stücken auf diversen Compilations) auch langsamere Rhythmen. Parallel zu Batida hat sich in den letzten Jahren mit Tarraxinha (bzw. Tarrachinha oder auch Zouk Bass) eine minimalistische, rauere Variante von Kizomba etabliert, die auf den angolanischen DJ Znóbia zurückgeht. Die Melodien im Tarraxinha sind reduzierter und RʼnʼB-Einflüsse, die im Kozomba eine tragende Rolle spielen, rücken in den Hintergrund. Die Veränderung schlägt sich auch im Tanzstil nieder: Die Schritte ziehen sich oft über mehrere Schläge hinweg, während die Hüften wellenförmig und in hohem Tempo zur Musik schwingen. Die starke sexuelle Aufladung des Tanzes hat dem Tarraxinha vor allem in europäischen Clubs einen zweifelhaften Ruf eingetragen, der die Angelegenheit für das vorwiegend junge Publikum umso interessanter macht und letztendlich zur Entstehung von Fodencia (do ghetto) beigetragen hat – einer portugiesischen Variante des Tarraxinha, die noch reduzierter ist und deren Name frei übersetzt »Fickerei« bedeutet. Aufgrund der Stigmatisierung wird dieser Musikstil beinahe ausschließlich auf privaten Wohnungspartys oder über die Anlagen von Autos gespielt, während er von den Diskotheken und Radios konsequent boykottiert wird.

Trotz, oder vielleicht gerade wegen des nicht gerade einfachen Umfelds herrscht in der Szene eine Atmosphäre, die von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung geprägt ist. Wie Nídia sind auch die anderen MusikerInnen bemüht, den Stil ihrer KollegInnen nicht zu kopieren, sondern stattdessen die eigenen Ausdrucksformen weiterzuentwickeln: »Wir sind alle unterschiedlich, jede/r von uns macht Musik auf ihre/seine Art und Weise. Wenn ich spiele, dann versuche ich immer, meine eigene Musik und die meiner FreundInnen zu spielen und dabei so underground wie möglich zu bleiben.« Laut DJ Nigga Fox spiegelt sich diese Vielfalt auch auf den Nächten von Príncipe im Lissabonner Club Musicbox wieder: »Es ist immer sehr energetisch, jede/r bringt ihren/seinen eigenen Vibe mit. Es gibt keine spezielle Art, sich zu Batida zu bewegen – alle machen das auf ihre Weise, mit dem eigenen Spirit. Unsere Musik ist für alle da.« Bleid, die mehr die Techno-affine Seite des Labels repräsentiert, fügt hinzu: »Aus meiner Sicht machen wir alle dieselbe Art von Musik, verwenden dafür aber individuelle Sprachen. Bei der letzten Geburtstagsparty von Príncipe war das gut zu beobachten: Während manche viel Rapmusik spielten, gingen andere Performances mehr in Richtung Techno oder Afro-House – trotzdem blieb alles im Rahmen von Batida. Im Moment wächst Batida und verändert sich damit auch.« DJ Nigga Fox zeichnet diese Entwicklung an seinem eigenen musikalischen Weg nach: »Ursprünglich hat mich die Musik meines Vaters aus dem Kongo sehr beeinflusst. Als ich zu Príncipe gestoßen bin, war auch das Label noch viel mehr ›Afro‹. Damals hatte ich bereits einen starken Techno-Einfluss in meiner Musik und das hat sich seitdem noch mit Elementen aus anderen Richtungen erweitert.« Nídia ergänzt: »Mir geht es ähnlich. Die Wurzeln kannst du zwar abtrennen, aber du weißt, dass sie bald wieder nachwachsen werden.«

DJ Firmeza, DJ Nigga Fox, Nídia, Bleid, NinOo (v.l.n.r.) © Chris Hessle

Anhand der Diskographie von Príncipe lässt sich diese Entwicklung gut nachverfolgen – etwa bei »15 Barras«, einer fünfzehnminütigen Acid-Bassline, auf der DJ Nigga Fox Schicht für Schicht gewarpte Field Recordings und seltsam geshuffelte Rhythmen aufträgt. Oder bei »Nídia é Má, Nídia é Fudida« (in etwa »Nídia ist schlecht, Nídia ist im Arsch«), bei dem die Musikerin für ihr Debütalbum diverse Melodien, Drums und Sprachsamples ähnlich meisterhaft zu rhythmischen Strukturen verwebt, wie dies etwa Jlin oder RP Boo im Footwork vorexerzieren, ohne jedoch den eigentümlichen Soundrahmen von Batida zu verlassen, der seinen Reiz aus dem Kontrast zwischen rauem Ghettosound und glatter Plastikästhetik zieht. Mit der Verwendung von »billig« anmutenden Sounds reiht sich Batida wie selbstverständlich in eine musikalische Tradition ein, die von frühen Chicago-House-Produktionen, die oft nur aus Bassline, pappigen Drums und Stimme bestanden, bis hin zu frühem britischem Dancehall, dessen Riddims vorwiegend auf den Sounds billiger Casio-Keyboards basieren, reicht. Damit stellt Batida auch einen Gegenentwurf zur einer elektronischen Musikkultur dar, in der hochwertiges Equipment und die damit verbundenen Produktionstechniken an Bedeutung gewinnen, während musikalische Freiheit und Kreativität zunehmend in den Hintergrund rücken.

Was bringt die Zukunft für Príncipe? »Jede Musikrichtung entwickelt sich zuerst an jenem Ort, an dem sie geboren wurde. Wenn alles gut geht, dann lernt sie dort zu laufen, bevor sie sich aufspaltet, um sich über die ganze Welt zu verteilen,« meint Nídia dazu und NinOo ergänzt: »Musik verändert sich ständig, sie beeinflusst sich gegenseitig und daraus entstehen neue Rhythmen und neue Szenen.« Wie es scheint, hat das Hardcore-Kontinuum einen neuen Ableger im lusophonen Raum erhalten.

Nídia tritt am 3. März 2018 u. a. gemeinsam mit DJ Deeon (Dance Mania) und DJ Taye (Hyperdub/Teklife) am Elevate Festival in Graz auf.

Link:
https://principediscos.wordpress.com/

1 Mittlerweile hat sich jedoch die Lage in Großbritannien jener in Portugal angeglichen, denn unter den Regierungen von David Cameron und Theresa May wurden alleine in London 30 Youth Clubs geschlossen und 39 % der Stellen in der Jugendarbeit abgebaut. Nach einem Bericht von Sian Berry, Abgeordnete der Grünen in der London Assembly, gingen in diesem Zeitraum rund 12.700 Orte für Jugendliche verloren.

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