Okkyung Lee © Nathan Thomas

Geknapptes Motto »Human Nature« beim Elevate 2020

Die 16. Ausgabe des Elevate Festivals findet unter dem Motto »Human Nature« vom 4. bis 8. März 2020 in Graz statt. Hier unsere Auswahl des reichhaltigen Musikprogramms, u. a. mit Okkyung Lee, Gilles Peterson, DJ Lag und Via App.

Alljährlich wird die Stadt Graz mit dem Elevate Festival zum Hotspot für zeitgenössische Festivalkultur. Die interdisziplinäre Veranstaltungsreihe mit Fokus auf gesellschafts- und kulturpolitische Fragestellungen – Näheres zum umfangreiche Diskursprogramm im Abspann dieses Artikels – findet einmal im Jahr statt. Nach den politischen Diskursen mischt avancierte zeitgenössische elektronische Musik die Abende auf. Neben einer umfangreichen Auswahl heimischer Acts finden sich zahlreiche internationale Größen wie etwa Okkyung Lee, Gilles Peterson, DJ Lag, Via App, Michael Rother oder Gudrun Gut. Was schließlich auch dem renommierten Resident Advisor nicht verschlossen blieb, denn das Elevate Festival rangiert in deren »Top 10 March 2020 Festivals« an beachtlicher dritter Stelle. Ein Zitat von Luc Ferrari, dessen Musique Concrète am Acousmonium-Freitag vertreten sein wird, könnte hier gut und gerne zentral stehen: »So the ideology was that: use sounds as instruments, as sounds on tape, without the causality. It was no longer a clarinet or a spring or a piano, but a sound with a form, a development, a life of its own.« Möge das Fest beginnen!

Mittwoch, 4. März 2020
Eröffnet wird das Musikprogramm mit Jimi Tenor (FI) & Hatis Noit (JP) sowie dem Shred-Pop-Duo C.O.R.N. (AT). Hatis Noit war bereits mit Kevin Martin aka The Bug zu hören. Und David Lynch wählte sie für sein »Manchester International Festival Showcase 2019« aus.

Donnerstag, 5. März 2020
Jimi Tenor und Hatis Noit treten nach dem Eröffnungstag ein weiteres Mal auf: Tenor präsentiert seine Fahrstuhlmusik am Lift des Schlossbergs. Hatis Noit lässt ihre experimentellen Vocals musikalisch verstärkt um Vincent Moon im Mausoleum erklingen. Booty Carrell ist Resident DJ des Golden Pudel Club in Hamburg. Sein Leitspruch lautet »Making Global Sound Local!«; seine durchwegs tanzbaren Grooves kommen aus aller Welt (Iran, Frankreich, Türkei, Thailand, Afrika). Die Performerinnen von Die Grrrls DJ Crew (AT) warten im Parkhouse mit Punk und viel Wave auf. Soundartist Peter Kutin (AT) präsentiert die installative Performance »TORSO#1«. Die Saxofonistin Mia Dyberg (DK) zählt zur Berliner Impro-Szene und scheut weder Experimente noch Melancholie. Und Dorian Concept & Zanshin (AT) bearbeiten gemeinsam den legendären, von Bob Moog entworfenen Max-Brand-Synthesizer.

Freitag, 6. März 2020
Auch Gilles Peterson (UK) führt coole Sounds aus aller Welt – und das bereits seit vielen Jahren – zusammen. Mit seinem Mix aus Acid-Jazz, Funk und Soul erlangte er, dank seiner Radioshow »World Wide«, Kultstatus. David Rodigan (UK) bespielt wiederum das Dub-Universum: von Dub über Dubstep bis zu Jungle geht beim britischen Reggae-Nerd alles. Der französische Komponist und Klangkünstler Luc Ferrari gründete bereits 1958 (mit Pierre Schaeffer und François-Bernard Mâche) die Groupe de recherches musicales (GRM). Als Vertreter der Musique Concrète wurde er vor allem für seine Experimente mit Tonbandmusik bekannt. Am Acousmonium-Freitag bietet das gleichnamige Klangdiffusionssystem auf etwa 50 Lautsprechern die seltene Möglichkeit eines reinen, nahezu utopischen Hörerlebnisses. Live mit Jan Jelinek (DE), Lucy Railton (UK), BJ Nilsen (SE), Utrumque (AT), Francois Bonnet (FR) und Benedikt Alphart (AT). Therese Terror, die Begründerin des Rrriot-Festivals und Teil des Bliss Kollektivs, widmet sich in ihrem DJ-Set den Genres House, Acid, Techno und Leftfield. Jessy Lanza scheut vor Autotune und verhallten Klängen in ihrem auf Hyperdub veröffentlichten Synth-Pop nicht zurück. Ouri (CA), die in Montreal angesiedelte Multiinstrumentalistin (Piano, Harp, Cello) überzeugt mit anschwellender Dark Electronica und hypnotische Techno-Beats.

Bambounou, der Pariser DJ und Produzent verschmilzt dystopischen Sci-Fi und britischen Techno sowie Tribal Beats. Modeselektor veröffentlichten zwei seiner Alben. DJ Lag, der King des südafrikanischen Gqom, erhielt überraschenderweise die Möglichkeit, an Beyoncés Album für »Lion King: The Gift« mitzuwirken. Das bewirkte für South African Music einen Quantensprung weltweit und er selbst wurde für eine Grammy-Nominierung in Betracht gezogen. Ob seines fulminanten Auftritts am Donaufestival Krems war DJ Lag bereits im Jahr 2017 in unserer skug-Bestenliste vertreten. Sein Set groovt live wie die Hölle. Schwere Empfehlung! Re:ni (UK) wird im Sommer beim Dekmantel Festival 2020 in Amsterdam auftreten. Wir haben bereits jetzt die Chance, zu ihren zwischen Dubstep, Techno, Electro und Jungle wechselnden Grooves zu shaken.

Samstag, 7. März 2020
Katharina Klement, die aus Graz stammende Komponistin und Musikerin, unterrichtet Computermusik an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien und orgelt hier in der Mariahilferkirche. Gischt aka Ursula Winterauer ist bekannt durch ihre Indieband Ash My Love. In ihrem Soloprojekt widmet sie sich experimenteller Elektronik in Ambient und Techno im Downtempo-Bereich. Okkyung Lee hat sich um ihre geradezu ekstatische Dekonstruktion des Cellos verdient gemacht. John Zorn und Stephen OʼMalley goutierten das auf ihren Labels. Raw Power und Klaustrophobie lugen ungeniert ums Eck. Via App aka DJ Dylan Scheer produziert schlichtweg Noise und Chaos für den (Gothic-)Dancefloor. Die aus dem Brooklyner Underground stammende Klangexperimentatorin gilt als ultimative Vertreterin des Freak Techno. Via App präsentiert mit ihrem Album »Sixth Stitch« eines der musikalischen Highlights des Elevate. Das Bristoler Duo Giant Swan (UK) liefert in seinem Live-Set energetische, punkige Attacken ab. Auch sie zeichneten sich bereits beim Donaufestival Krems aus und waren mit ihrem Auftritt im Vorjahr in unseren skug-Jahrescharts 2019 vertreten. Eine weitere Empfehlung! Sherelle (UK), die in London ansässige High-BPM-DJane lässt Juke, Footwork und Jungle zusammenfinden.

Sonntag, 8. März 2020
Bereits am Nachmittag ist der Film über den bekanntesten Krautrock-Produzenten zu sehen: »Conny Plank – The Potential of Noise« (DE). In den Siebziger-Jahren nahmen in Conny Planks Studio Größen wie Kraftwerk, Ultravox, Brian Eno, Gianna Nannini sowie Eurythmics auf. Gudrun Gut (DE), die Berliner Underground-Legende (Malaria!, Einstürzende Neubauten), gilt als eine zentrale Figur der deutschen Post-Punk-Szene der Achtziger-Jahre. Solo fokussiert Gut in laszivem Spoken-Word hypnotische Synths-Sounds und Minimal-Techno-Beats. Die Krautrock-Legende Michael Rother (Neu!, Harmonia, Solo) inspirierte Musik-Acts wie Brian Eno, David Bowie, Sonic Youth, Radiohead oder Stereolab. Seine aktuelle Liveband intoniert Stücke aus sämtlichen Schaffenszeiten Michael Rothers. Die Wiener Musikerin Conny Frischauf verbindet im Abschlusskonzert des Festivals Krautrock und Synth Wave.

Diskurs
Das Diskursprogramm wartet bei freiem Eintritt mit mehr als dreißig Veranstaltungen und mehr als vierzig internationalen Gästen auf. Auch skug wird wieder dabei vertreten sein: Zum Thema »Alternative Sichtweisen vs. Alternative Fakten (Wie können unabhängige Medien über die neuen Klimabewegungen berichten?)« diskutieren Lea Susemichel, Daniela Oberndorfer, Markus Gönitzer, Frank Jödicke und Josef Obermoser (Moderation) am Samstag von 14:00 bis 15:00 Uhr im Forum Stadtpark Erdgeschoß.

Link: https://elevate.at/