Gard Nilssen’s Supersonic Orchestra

»If You Listen Carefully The Music Is Yours«

Odin Records

Manchmal ist mehr einfach mehr. Letzten September im »WIRE« sowie unlängst im »Radiokolleg« auf Ö1 war von musikalischem Maximalismus die Rede. Ein »Supersonic Orchestra« passt da natürlich perfekt ins Klangbild der sonischen Überwältigungen. Der norwegische Schlagzeuger Gard Nilssen hatte für das Molde International Jazz Festival am 19. Juli 2019 diese 16-köpfige Big Band sprichwörtlich zusammengetrommelt. Die Rhythmusgruppe kann mit drei Schlagzeugen, jeder Menge ergänzender Percussion und drei Bässen aufwarten. Einen davon zupft und streicht Ingebrigt Flaten; seines Zeichens auch Bassist von The Thing. Viel hat er im Trio mit Mats Gustafsson und Pal Nilssen Love dazu beigetragen, dass die überaus produktive skandinavische Free-Jazz-Szene auch hierzulande einen hervorragenden Ruf genießt. Der knapp 37-jährige Gard Nilssen dürfte noch etwas unbekannter sein, ist aber seit 2007 bereits auf über 70 Alben zu hören. Und Drummer als Big-Band-Leader sind auch seit den Tagen von Gene Krupa und Buddy Rich die Ausnahmen geblieben. Nilssens Supersonic Orchestra ist frei angelegt. Aber die gemeinsam mit Saxofonist André Roligheten komponierten bzw. arrangierten Passagen, jede Menge effektvoll an- und abschwellende Glissandi der Reed- und Brass-Sections, bleiben stets klar strukturiert. Die Traditionen swingen mit. Und freilich ist das Arkestra die Referenz. Aber auch Charles Mingus. Beim Opener »Premium Processing Fee« assoziierte ich Archie Shepps »Hambone«, den Opener seiner kongenialen »Fire Music« und Maulawis »Sphinx Rabbit«. Im letzten Track zeigen Nilssen und Orchestra noch, wie sehr sie Afrobeat-Drummer Tony Allen (R.I.P. 30.04.2020) und Fela Kuti lieben – stark! Es sind Festivals und Projekte wie dieses, die auch der öffentlichen Förderung bedürfen – und hoffentlich auch wieder umgesetzt werden können. Bis dahin ist diese höchst energetische 66-minütige Zusammenkunft auch ein strahlend schallendes Relikt. Wenn schon nicht aus besseren Zeiten, dann zumindest eines aus besseren Stunden.