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Nach der Lektüre von Jürgen Teipels Doku-Roman »Verschwende Deine Jugend« musste man eigentlich nicht lange nachfragen: Die Deutsch Amerikanische Freundschaft war jene Lieblingsband bei der man nie auch nur Handtuchträger hätte sein wollen. Too much too soon, zu heavy, zu psychotisch, zu radikal (auch gegen sich und andere Bandmitglieder), zu viel Drogen, zu besessen, zu perfekt. Und jetzt, nach mehr als 20 Jahren Funkstille eine neue CD, die zwar nicht dort weiterspinnt wo Robert Görls Disko B-Produktionen »(psycho) therapie« (1993) oder »Final Metal Pralinées« (1999) das DAF-Konzept minus Gesang radikal in den technoiden Grund und Boden minimalisierte, dafür aber die Errungenschaften von »Alles ist gut« (1981) ins digitale Zeitalter transportiert. Was vorerst nur heißt, dass es statt echtem Schlagzeug ein elektronisches gibt (bedingt vor allem durch Robert Görls Autounfall inklusive beinahem Armverlust). Sequencer & Synthies dürften Görls alte DAF-Modelle sein. Und so war das dann wohl auch geplant. Wer hätte denn von DAF was anderes erwartet? Gut, keine CD zu machen wäre wahrscheinlich besser gewesen, aber solche Gedanken gab es ja auch im Vorfeld von Fehlfarbens »Knietief im Dispo«. Zudem hat es einen nicht zu unterschätzenden Reiz, wenn man gerade Laibachs »NATO«-CD aus 1994 »wiederentdeckt« – auf der es nicht nur Coverversionen von »The Final Countdown«, »War« und »In The Army Now« gibt, sondern auch DAFs »Alle gegen alle« – und dann kommt eine neue DAF-CD mit der Post. Wobei der Konnex DAF-Laibach rückblickend ja kein Zufall war/ist. Denn zumindest zwischen »Die Kleinen und die Bösen« (1980) und »Alles ist gut« waren DAF (exemplarisch mit »Der Mussolini«, »Verschwende Deine Jugend« aber auch »Das bisschen Krieg«) die beste und funktionierendste Waffe selbst gegen jene Zeitgenossen, die Punk und New Wave im Zeichen repressiver Toleranz aufgeschlossener gegenübertraten. Und irgendwie scheint diese polarisierende Radikalität nicht verloren gegangen zu sein. Oder ein kleinkriminelles Riesenmaul wie Gabi Delgado Lòpez hält uns einfach nur am Schmäh.
Dennoch sind DAF noch immer dann am besten (und POP), wenn es ihnen gelingt ein internes »Alle gegen alle« in Sachen platt, ernst, ironisch, oberflächlich, doppelbödig, eindeutig provokant, ambivalent analytisch, spartanisch, sexy, blöde, schwul/bi, auffordernd, hasserfüllt, angeberisch, geschmäcklerisch, verschwitzt, verschmitzt, militant, verletzlich, romantisch, doktrinär, verliebt, etc. zu fabrizieren.
Wobei DAF 2003 Rückblicke und Erinnerungen zulassen (siehe auch Fehlfarben) und vielleicht gerade deshalb (wieder) funktionieren (ob auch für Post-82er-Nachgeborene bleibt jedoch fraglich). Jetzt heißt es jedenfalls mit Bezug auf Pophelden wie Cassius Clay, Che Guevara, Bruce Lee, Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Emma Peel und Raquel Welch
»in meinem schönen kinderzimmer/damals noch im ruhrgebiet/herrschte immer die guerilla/guerilla ist der kleine krieg«. So was ist genau das Gegenteil von blöde. Wie auch das herrliche Liebeslied »Satellit« (sozusagen die eher unschwule Neuauflage von »Der Räuber und der Prinz«) oder die weniger von Bonny & Clyde als vielmehr von Godards »Pierrot le fou« (bekanntlich auch der Lieblingsfilm der frühen Baader/Meinhof-RAF) inspirierte »verbrechen ist sexy«-Gangsterballade »Moschino, Heckler & Koch« (»den schönsten sex gibt es jedes mal/nach einem sexy überfall«). Dass sie dabei dann am modernsten klingen, wenn sie sozusagen den Mike Ink (Love Inc.) machen (»Die Lüge«), ist eigentlich egal. DAF sind ja auf dem Cover zu »Life’s A Gas« zu finden. Kurz: Die 15 neuen DAF-Songs können nerven wie Sau – eine Minute, eine Stunde, tagelang, aber auch nicht. Zusammen mit Fehlfarbens »Knietief im Dispo« ergibt sich hier auch plötzlich wieder eine (dialektische) Klammer, die schon einmal funktioniert hat. Ich weiß auch nicht, warum Görl/Delgado Lòpez heutzutage blöder sein sollen als Rev/Vega. Zumindest nicht auf die Schnelle. Denn immerhin zeigen beide Bands 2003 allen Electroclashern was eine echte Gnackwatschen ist. Keine Disco ohne Klo, kein Glitter ohne Kotze, kein Tanzen ohne Schwitzen.

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