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Freier Raum für die freie Szene

Die freie Performer*innen- und Tänzer*innen-Szene in Wien fragt sich, warum sie nicht das Theater brut im Künstlerhaus am Karlsplatz und im ehemaligen TBA21 im Augarten bespielen sollte. Dazu wären aber noch viele Aktionen im öffentlichen Raum nötig.

Neben dem Künstlerhaus sind einige Baucontainer aufeinandergestapelt, in denen Licht brennt. Bauarbeiter stehen hinter dem Zaun und hören zu. »Das Künstlerhaus ist ein historischer Ort für die Selbstorganisation von Künstlern und Künstlerinnen«, sagt eine Sprecherin. »Stellen wir uns vor, dass eine Künstlergruppe gratis ein Grundstück erhält, darauf gemeinsam ein Palais-artiges Haus baut und als Akt der Selbstbestimmung bespielt.« Lange Pause. »Heute entscheiden Investoren.« Ein Satz, der in jedem Kopf nachhallt.

Zur Pressekonferenz vor dem bisherigen Standort des Theater brut am Karlsplatz, das schrecklicherweise ziemlich wahrscheinlich ausziehen und im ehemaligen TBA21 (keine Bühne, weniger große Räume) im Augarten eine neue Bleibe finden muss, sind um die hundert freie Performer*innen, Tänzer*innen und andere Künstler*innen gekommen. Die Plattform Wiener Perspektive hat eingeladen. Die Stimmung ist gut. Umarmungen und fröhliche Begrüßungen. Die freie Szene hält zusammen und demonstriert, dass gegenseitige Unterstützung und Solidarität zu einem künstlerischen Menschen gehören, Freiheit und Selbstbestimmung für »Schöpfung« (Anm.: im doppelten Sinne, was hackeln und was erfinden) notwendig sind. »Das Künstlerhaus wurde in Genossenschaft betrieben und selbst die Spaltung führte zu künstlerischem Gewinn: ein zweites Haus, die Wiener Secession, entstand. 1882 wurden der deutsche und der französische Saal errichtet, in einem ein Kino, im anderen ein Theater betrieben.«

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Künstlerhaus-Besetzung
Das Künstlerhaus ist nicht irgendein Haus, es steht mitten in der Stadt Wien, im Zentrum am Karlsplatz. Dazu kommt, dass sich die freie Szene schon eine ganze Weile betrogen sieht. Drei Häuser seien in Wien gesperrt worden, erklärt Yosi Wanunu von toxic dreams auf Englisch, »one performing space never opened and now we have this new reality, which was not communicated to us.« In Wien leben eben viele internationale Künstler*innen und auch die brauchen Plätze, die ihre Performances unterstützen und miteinbeziehen. Auftrittsorte. Sie wurden nicht gefragt. Politische Zeitverschwendung. »We know better what is good for us«, stellt Wanunu fest.

1985 wurde das Künstlerhaus von der IG Kunst sechs Tage lang besetzt, um auf die Autonomie zu verweisen. »Das Künstlerhaus ist einer der wichtigsten Produktionsorte für mich, jährlich habe ich hier Produktionen gemacht«, sagt Gin Müller auf der Pressekonferenz. »Ein offener Ort für Performances und legendäre Partys. Die Präsenz am Karlsplatz ist sehr wichtig und sollte nicht aufgegeben werden. Schon letztes Jahr wurden wir im Unklaren gelassen. Ich habe morgen Premiere und dachte, sicher, wir kommen zurück.« Gin Müller ist dafür, beide Plätze für die freie Szene zu fordern. Großzügig und fröhlich gedacht. »Das hat sich Wien verdient«, sagt er schmunzelnd.

Doch die Realität sieht nach Kommunikationslosigkeit und Sturheit aus. Der Konzerthauskeller wurde ebenso ohne Rücksprache abgegeben. Eine Zeitlang gab es seitlich des Künstlerhauses ein Lokal mit Gastgarten, in dem man im Schatten des Künstlerhauses sitzen konnte. In einer »Haselsteiner-Realsatire« führt Marie-Christin Rissinger  von der Blind Date Collaboration die Fakten aus. »74 Prozent gehören der Haselsteiner Privatstiftung. Der Rest den Künstler*innen. Jedes Jahr wurde das Renovierungskonzept teurer. Die Renovierungen waren allein nicht zu stemmen, die Stadt Wien wollte sie sich nicht leisten. Die Renovierung sollte erst zwei Millionen Euro kosten, wovon das brut aus seinem Budget einer Mittelbühne schon eine Million und die Stadt Wien die zweite Million zahlen sollte.« Nun sind es schon fünf Millionen, angeblich wegen dem Brandschutz, was man vorher nicht wusste? »Wurden und werden hier Privatstiftungen mit Geldern vom Bund gefüttert?«, fragt Rissinger scharf.

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Nicht länger dezentral sein
Die Sessel der Pressekonferenz sind mit blauen Müllsäcken gegen den Nieselregen abgedeckt. Hinter den Sprecher*innen steht ein Mann und hält sich den Lautsprecher auf den Kopf. Wie in einer Performance. »Auch wenn das brut andere Orte gefunden hat, wir wollen nicht dezentral sein«, erklärt jemand. Laute Zustimmung und stürmisches Klatschen. »Wir wollen nicht nur abseitige Gegenden behübschen. Dramatische Kunstgruppen wurden an den Stadtrand gelockt. Der erste Bezirk ist sowieso nur noch für Touristenströme und Immobilienspekulanten gedacht. Arm und Reich sollen sich nicht mehr begegnen. Dabei mischten sich früher im Musikverein auch bettelarme und kreative Menschen mit reichen.«

Seitlich der Kundgebung steht eine asiatische Touristengruppe und filmt abwechselnd das Künstlerhaus und eine Protestierende, die auf dem Rücken ein pinkes Plakat trägt: »We claim this historic space for the independent scene!« Viele schöne Erinnerungen werden wach: »Man stand rauchend auf dem Künstlerhaus-Balkon und dachte sich mit Blick auf die Karlskirche: Auch arme Künstler*innen gehören ins Zentrum. Das ist auch meine Stadt quasi.« Ausrufe, Beifall. »Soll halt die Albertina einmal in die Fabrik und an den Stadtrand und unter unseren Bedingungen arbeiten«, meinen drei Tänzerinnen halb spöttisch, halb ernsthaft. Wo treten sie jetzt auf? »On the street«, sagt die eine. »Under the bridge«, lacht die andere. »Und in Gärten«, ergänzt die dritte.

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