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Facettenreich, auch im 3. Bestandsjahr: Bluebird-Festival, 29.11.-1.12.2007

Vor einem vollen Haus eröffnete das heimische Frauenduo Luise Pop den Abend und verblüfften mit der Erkenntnis, dass sie sich im elterlichen Plattenschrank in der Abteilung frühe 80er und da wieder in das Spezialthema Billigsynthiepop eingenistet haben. Für Kinder und Menschen unter 30, die noch nie die Sounds eines Roland PC 180 gehört haben und noch nie dem Charme eines dilettierenden Popverständnisses erlegen sind, waren Luise Pop eine perfekte Möglichkeit, Versäumtes nachzuholen. Als Pate mag wohl Stereo Totals Francoise Cactus im Hintergrund stehen, aber wenn dann noch die Ukulele ausgepackt und hochgeschlossen das »Center Of My Heart« besungen wurde, dann schimmert der eigene Wille mehr als deutlich durch.

Die CD des New Yorkers Richard MacGraw machte in den letzten Wochen die Runde. Und bei seinem Österreichdebüt gewann er vor dem ersten Song gleich einmal die Herzen des Publikums, weil er die Vielzahl der Menschen die nur mehr Stehplätze ergattert hatten, aufforderte sich doch zu ihm auf die Bühne zu setzen (Dass keiner die Einladung annahm steht auf einem anderen Blatt, was zählt ist der Wille). Vom ersten Song an war klar, dass hier ein Singer/Songwriter steht, der zum Kern der Dinge vordringt. Obwohl er seine Todessongs diesmal im Gitarrenkoffer ließ, überzeugten seine Songs auch zu so ausgetrampelten Themen wie männlichem Liebesleid. Eine Refrain wie »I Know What I Want / And What I Want Is Killing Mev bringen nur Künstler auf die Bühne, die definitiv etwas zu sagen haben. Dass er dann noch als kleinen Gruß an Son Of The Velvet Rat-Projektvorstand Georg Altziebler dessen wunderbares »Sweetest Smile« coverte, machte den kleinen MacGrwaw noch größer. Auch wenn er den Zugabenteil etwas erratisch gestaltete, dieser Mann hat an diesem Tag den Grundstein für eine solide Fanbasis geschaffen und bewiesen, das die Altvorderen noch nicht alle Lieder geschrieben haben.

Als Abschluss und Headliner enterte Trouble Over Tokyo die Bühne und Christoph Taylor (Brite und einziges Bandmitglied) schmiss sich in seine Version von Pop, in der Sythesizergeblubber, akustische Gitarre, exaltiertes Leiden und kleine Donna-Summer-Anleihen ihren Platz finden. Auch wenn er sich für meinen Geschmack etwas zu sehr auf seinen Stimmumfang verlässt, dem Jubel tat das keinen Abbruch.

30.11.2007 – Tag 2 im Porgy & Bess

Nach dem euphorischen Anfangsabend siedelte das Bluebird-Festival vom rustikalem Charme des Gasthaus Vorstadt in die gediegene Umgebung des Porgy & Bess mitten im Herzen der Stadt. Nachdem sich die Veranstalter der Vienna Songwriting Association nicht nur als Entdecker und Vermittler von Künstlern verstehen, sondern auch dem heimischen Nachwuchs eine Plattform geben wollen, startete Anna Kohlweis alias Paperbird den Abend. Wie viele junge Soloacts lässt sie neben der Gitarre ein paar elektronische Gimmicks mitlaufen, was aber auch den Eindruck nicht abschwächen kann, dass einige Songs noch recht beliebig daherkommen, und Worte, Musik und Manierismen noch nicht den perfekten Mix gefundenhaben. Aber was nicht ist kann ja noch werden. Wenn der kurze Ire Richie Egan als Jape eine Bühne betritt, dann hat er sie meist auch in diesem Augenblick erobert. Nichts anderes passierte bei seinem Österreichdebüt mit seiner zweiköpfigen Band. Mit seiner schamlosen Hyperaktivität und seiner Liebe zu fetten Beats bringt er das Publikum erstmals zum Johlen. Aber es wäre nicht der Schalk Richie Egan, wenn er nicht just nach einer heftigen Ibiza-Beat-Attacke eine Soloballade auf seiner angewachsen scheinenden Gitarre anstimmen würde. Das ist es worum es geht, Grenzen sprengen und Dinge zusammenzudenken, denn nur wer die Grenzen des Songs sprengen will, wird am anderen Ende mit einem wunderbaren Exemplar herauskommen. Und genauso zeigen die nachfolgenden Gowns aus den Vereinigten Staaten, dass man mit Songwriting vollkommen zurecht das klassische ein-Mensch-eine-Gitarre-Genre assoziiert, aber dass es daneben noch viele Schrebergärten zu erkunden gibt. Schrebergärten in denen wie bei den Gowns auch Sägen und Geigen zum Einsatz kommen, und dass es doch nur um das eine geht zeigte die nicht alltägliche Verbeugung vor den Beatles mit »Happiness Is A Warm Gun«. Die Nacht war fortgeschritten, die Bar machte gute Geschäfte, und die Aufnahmefähigkeit näherte sich einer gewissen Grenze. Was sollte da noch kommen? Windmill bekamen im Vorfeld viele Vorschusslorbeeren, und die von Mastermind Matthew Thomas Dillon breit angelegten Soundlandschaften im Dienste des perfekten Pop ließen jeden Kritiker sofort zur Schublade mit dem Schild Arcade Fire greifen. Aber obwohl gesundheitlich angeschlagen, ließ er sich von seiner Band und seinen Songs tragen und baute am großen Legohaus des großen Popsongs, einer Baustelle an der viele mitarbeiten, aber an der nur ganz wenige einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Die Hymnen von Windmill schaffen genau das. Die Zeit war fortgeschritten, und nicht nur Matthew Dillon war erschöpft, sondern auch der Berichterstatter stieß an seine Grenzen und so muss er sich bei Nina Hynes entschuldigen, die ihre zarten Songs dies- und jenseits der Entrücktheit, ohne seine Anwesenheit dem müden, aber glücklichen Publikum vorsang. Ein Festivaltag wie er sein soll ging tief in der Nacht zu Ende. Fordernd, lange, aber voller Entdeckungen.

01.12.2007 – Tag 3, Porgy & Bess

Wegen schlechter Zeiteinteilung und wochenendlichem Schlendrian muss ich gestehen: Den gebürtigen Israeli Oeren Lavie und den Amerikaner Chris Harford habe ich verpasst. Unbewusst dürfte da wohl ein wenig Kalkül im Spiel gewesen sein, weil – so lobenswert die Gestaltung eines Abends mit gleich vier Acts auch ist – so kenne ich mich doch gut genug um zu wissen, dass spätestens beim dritten Act meine Aufmerksamkeit rapide abnimmt. Daher die Konzentration auf die wesentlicheren Acts dieser Nacht.

Nach einer ziemlich in die Länge gezogenen Umbauphase enterten Zita Zwoon, die inoffiziellen Headliner des Abends, die Porgy-Bühnenbretter. Genau genommen nur Sänger Stef Kamil Carlens (SKC), der sich, aufs Wesentliche beschränkt mit Gitarre bewaffnet dem erwartungsvollen Publikum stellte.

Glitzerjackett auf nackter Haut

Die Reduktion im Fall von SKC ging so weit, dass der dEUS- und Moondog Jr.-Veteran mit schwerer Dandy-Schlagseite sogar auf die Stoffschicht unterhalb seines rosaroten Glitzerjackets verzichtete. Kleidungstechnisch mindestens eigenwillig und gewagt, dieser Mann. Nach zwei in diesem Setting vorgetragenen Stücken bevölkert sich die Bühne hinter/neben SKC, und der an sich geschätze Zita-Swoon-Sound bahnt sich seinen Weg in die Ohren des geneigten Besuchers. Nur – irgendwie war in dieser Show der Wurm drin! Liegt es an meiner zunehmenden Schwerhörigkeit, dass mir Konzerte im Porgy immer wieder mal als zu leise erscheinen? Waren es beim Blue Bird 05 Flotation Toy Warning, denen die nötige Dezibel-Power versagt blieb, erwischte es diesmal Zita Swoon. Der Funke ist jedenfalls nicht bis zu mir (über)gesprungen, schade. Zu manieriert und geschmäcklerisch spielte sich auch die Band durch ein Best-Of-Programm unter besonderer Berücksichtigung des aktuellen Opus »Big City«. In manchen Momenten musste ich an Matt Bianco und ähnliche Eighties-Abwegigkeiten denken, am mentalen Tiefpunkt geisterte (ob SKCs‘ rauchiger Stimme) sogar ein Schreckgespenst namens Smokie durch meine Gehirnrinde. Aber das ist wahrscheinlich ungerecht und eher das Resultat einer gewissen Enttäuschung. Andere wiederum waren durchaus euphorisch. Und wie von Geisterhand findet man sich plötzlich beim gepflegten Tresentalk im hinteren Bereich des verdienstvollen Jazzclubs wieder.

Berauschte Animation zum Abschluss!

Dann die von VSA-Checker Klaus Totzler als ausgesprochene Partyknaller angekündigte Broken Family Band, die gleich zu Beginn anmerkte: »Normally we don’t play that late and that drunk«! Das »That drunk« merkte man der BFB kaum an, was auf eine gewisse Könners
chaft an den Instrumenten schließen lässt. Geschult wahrscheinlich an den Stücken von Black Sabbath, als deren Coverband die Mitglieder der zerbrochenen Familie nebenbei durch die Lande ziehen. Wobei ich nicht sicher bin, ob es sich bei diesem Bühnenstatement nicht um einen Witz gehandelt hat – egal. In ihren frühen Tagen arbeitete sich die amerikanische Formation an Alternative Country ab, mittlerweile spielt sie astreinen, dreckigen Rock’n’Roll. Wer noch konnte und wollte war also gefordert, das Tanzbein anzuschrauben oder die schon länger eingemottete Luftgitarre aufzublasen. Ein würdiges Finale des heurigen Bluebird-Festivals, wenn auch schon so manchem im Publikum die letzten, ungesund verbrachten Nächte ins Gesicht geschrieben standen. Rock’n’Roll ist eben keine Kinderjause!

Quo vadis, Songwriting?

Ein wenig unklar bleibt, ob es für den zur Verbreitung und Förderung der Songwriting-Kultur angetretenen VSA überhaupt eine Grenze zwischen Songwriting-Act und stinknormaler Indie/Pop/Rockband gibt, und wenn ja, wo diese angesiedelt ist? Aber das wollen wir vorerst einmal im Bereich der verbissenen, popologischen Scholastik belassen. Bis zum Bluebird 08 wenigstens.

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Text
G. Bus Schweiger, Stefan Koroschetz

Veröffentlichung
04.12.2007

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