EsRap © Naoma Izundu

Cruisen für die Emanzipation

Ein Gespräch mit Esra Özmen über die alltäglichen Implikationen des Cruisens und Drivens und warum man sich für Autos begeistern, aber trotzdem gegen die Vereinnahmung der Straße durch den motorisierten Verkehr eintreten kann.

Esra Özmen, Teil des türkischstämmigen HipHop-Duos EsRap, unterstützt die Proteste gegen die Lobau-Autobahn, fährt aber trotzdem sehr gerne Auto. Wie es dazu kam und warum Autofahren auch nach der Revolution immer noch cool sein wird, wollen wir im Gespräch mit ihr erfahren.

skug: Wenn du mit deinem Auto Richtung Yppenplatz unterwegs bist, fährst du dann in deinem erweiterten Wohnzimmer in dein öffentliches Wohnzimmer? What a feeling?

Esra Özmen: Das kommt hin und das Gefühl hängt auch davon ab, welches Auto ich fahre. Ich seh’ mich immer in meinen Autos und ich bin Viele, daher ist es egal, welches Auto ich fahre – ich bin nicht so markenabhängig – der entsprechende Teil kommt dann mehr raus. Also ich fühl’ mich schnell und wendig, flippig im VW Polo von meiner Mutter oder mehr so Baba-Style, wie in meinem Benz. Jedes Auto gibt dir ein eigenes Gefühl – das ist am ehesten mit Kleidung vergleichbar, du fühlst dich anders, je nachdem, was du trägst.

Seit ich 20 bin und einen Führerschein habe, habe ich auch ein Auto. Meine Tante hatte mir gleich ihren Seat Cordoba geschenkt, ich habe ihn geliebt. Wir sind damit jedes Wochenende rausgefahren, waren ganz oft in Bratislava. Danach hatte ich einen Fiat, da hab’ ich blaue LED-Lichter reingemacht, das hatte ich im Urlaub in der Türkei gesehen und musste ich haben. Wir haben mit diesen vielen Lichtern in dem kleinen Fiat wie ein Discoball ausgesehen. Für ein Jahr hatte ich einen Mercedes C-Klasse, damit habe ich die Balkantour gemacht, das war legendär. Ivana Pilic hat mir ihr Auto geschenkt, das bin ich zwei, drei Jahre gefahren, ein Opel Astra Cabrio. Auch das hab’ ich geliebt und es war so ein unerwartetes, großartiges Geschenk. Für ein halbes Jahr hatte ich auch mal einen Landrover.

Eine junge Ex-Jugo-Community trifft sich an Nicht-Lockdown-Wochenenden gerne in der Lokalen der Ottakringer Straße. Jede*r kommt mit einem großen Auto, wer keines hat oder keines fahren darf, kommt mit dem Taxi. Welche Form von Jugendkultur wird hier zelebriert? Kannst du mir das erklären?

Das ist Tschuschen-Lifestyle. Für die Migrant*innen-Community gibt es nicht viele Möglichkeiten, was zu machen. Man trifft sich bei Leuten zuhause oder man geht fort. Fortgehen ist oft was Besonderes, da macht man sich chic und fährt bestimmt nicht mit dem Fahrrad. Wohnungen in der Stadt sind sehr teuer, daher wohnen die Leute oft beengt, wenn du rausgehst und was hermachen willst, hast du ein Auto. Versicherungen für große Autos mit vielen PS sind auch echt teuer. Leute geben sehr viel Geld für ihre Autos aus. Es geht sehr stark darum, sich gut zu fühlen. Ein 25-jähriger Jugo oder Türke, der putzen geht und sich ein Auto gönnt, das ist cool. Ich denk’ mir, ja, Bro, gönn’ dir das.

Die Frage ist doch: Was ist Luxus? Ein verwöhntes Bürgersöhnchen braucht keinen BMW, der hat eh alles, aber der 19-jährige Mohammad hat nichts. Vielleicht kaufen ihm seine Eltern ein Auto oder zahlen was dazu. Mit einem Auto gewinnt er ein zweites Zuhause: Es ist warm, er kann Musik hören, das ist Lifestyle. Das Auto ist Space für sich und seine Freunde. Das hat viel mit Freiheit und Unabhängigkeit zu tun. Gerade auch für Frauen. Das eigene Auto vermittelt ein Grundfreiheitsgefühl, das macht kein Taxi. Ich hab’ meine Autos immer selbst bezahlt, das war mir auch wichtig.

Ist das Auto ein Statussymbol? Ein Zeichen des Erwachsenseins? In welchem Verhältnis stehen kleine Wohnungen zu großen Autos? Klassenfrage …

Ich bin ein Familienmensch. Vielen Freund*innen und Verwandte wohnen in den Außenbezirken. Man kauft ein Auto auch, um Besuche machen zu können, weil man bleibt lange sitzen und kommt spät nachhause. In der Türkei blieben die Leute früher oft über Nacht, das geht hier meist nicht, die Wohnungen sind zu klein. Als Kinder haben wir den Sommer in der Türkei verbracht. Also am ersten Ferientag machen sich alle mit dem Auto auf den Weg in die Türkei, mein Vater ist eine Woche geblieben, wieder zurück zur Arbeit in Wien gefahren und zum Ende des Sommers wieder mit dem Auto in die Türkei, nochmal zwei Wochen zusammen Ferien und dann gemeinsam zurückfahren.

Ich bin in einer Gastarbeiterwohnung aufgewachsen, die war sehr klein, vielleicht so 25 m2, ohne Bad, mit Klo am Gang. Erst als es in einer Nachbarwohnung gebrannt hat und wir sofort ausziehen mussten, haben wir eine Notfallwohnung im Sandleitenhof bekommen. In dieser kleinen Wohnung war Enes und mir am Abend oft langweilig, es war eng. Wenn mein Vater von der Arbeit nachhause kam, haben wir uns allesamt in seinen Firmenwagen gesetzt, Musik aufgedreht – ganz oft Müslüm Gürses – und sind rumgecruist oder haben Familienbesuche gemacht oder sind am Wochenende nach Wiener Neustadt oder St. Pölten oder irgendwohin gefahren. Ich kenne daher auch die Umgebung Wiens sehr gut. Wenn wir Polizei gesehen haben, haben wir Enes bei den Füßen versteckt, denn im Auto durften nur drei mitfahren. Die Erfahrung, dass ein Auto als verlängertes Wohnzimmer fungiert, war für mich schon immer da.

Auch der Bezug zu meiner Musik kommt ganz stark daher. Ich kann mich am besten konzentrieren und am besten im Auto entspannen. Beim Rumfahren komm’ ich auf viele Gedanken oder ich höre bestimmte Beats laut. Alle meine Texte hab’ ich im Auto. Ich schreib sehr wenig zuhause, manchmal auch in der Straßenbahn. Ich muss in Bewegung sein, um etwas künstlerisch zu machen. Manchmal geh ich auch viel, vom Sandleitenhof zum Schottentor – es ist ein Denken in Bewegung.

© Esra Özmen

Gibt’s da eine Geschlechterdifferenz? Geht es auch um Sicherheit? Sind die Öffis zu unsicher, zu unangenehm?

Frauen verdienen ihr eigenes Geld und leben ihren eigenen Autofetisch. Alle meine Tanten fahren Auto und jede ist davon überzeugt, am besten zu fahren. Eine Tante hält einen Rekord: Sie ist in sieben Stunden bis zur bulgarischen Grenze gekommen, jedes Jahr versuchen alle aus der Familie an diesen Rekord heranzukommen. Ihr Mann hat übrigens keinen Führerschein.

Viele Frauen kennen nichts, außer zuhause sein und arbeiten. Nachdem meine Mutter ihren Führerschein gemacht hatte und ihre Freundinnen abgeholt hat, um rumzufahren, war eine darunter, die seit 20 Jahren in Österreich lebt, aber noch nie im 1. Bezirk war. Klar cruisen die Freundinnen meiner Mutter auch gerne. Wenn sie Kopftuch tragen, haben sie oft Probleme in der Straßenbahn, zunehmend oft. Die Kinder machen sich Sorgen, das Auto ist dagegen ein Safe Space.

Oder: Schwimmengehen für Frauen mit Kopftuch. Es ist viel einfacher, früh morgens nach Hollabrunn oder Tulln zu fahren und dort ins Bad zu gehen, wo dich niemand kennt, als um die Ecke ins Kongressbad. Das sind ganz konkrete Freiheiten für Frauen. Du nimmst die Diskriminierung zwar immer mit, aber es ist viel einfacher, das Kopftuch im Bad in Hollabrunn abzulegen.

Oder: Triester Straße in der Nacht, so angedeutete Rennen an der Ampel, man guckt kurz rüber, wer neben einem steht, und steigt dann aufs Gas. Ich steh’ da nicht drauf, aber ich kenne Frauen, die das leidenschaftlich gerne tun.

Braucht es mehr Straßen in Österreich? Was hältst du vom Bau der Lobau-Autobahn (Stadtstraße)?

Ich freue mich über die Proteste in der Lobau. Es gibt mehr als genug Straßen in Österreich, dennoch macht die Politik das Thema Autofahren zum Kampfplatz. Und wenn jemand gegen mich ist, dann geh ich in Kampfmodus.

Wenn du mit dem Auto fährst, braucht es doch eher Fußgänger*innen, um dich zu sehen. Selten begegnen sich Leute in Autos und halten ein kurzes Schwätzchen. Und dort, wo dein Auto steht oder fährt, kann grad niemand spielen. Wir beide setzen uns zum Plaudern lieber auf den Yppenplatz und nicht auf die Ottakringer Straße, die ist zu laut, für Kinder zu gefährlich.

Mir ist nicht bewusst, dass ich jemanden störe, Platz wegnehme, wenn ich mit dem Auto fahre. Bei Fahrradfahrer*innen denk ich mir nicht, dass ich Platz wegnehme, sondern eher, der*die wohnt in der Dachgeschoßwohnung und nimmt mir Platz auf der Straße. Ich finde die Mariahilfer Straße ohne Autos super, ebenso den 1. Bezirk. Wenn ich einkaufe, dann gehe ich, mir sind die Begegnungen wichtig, ich kaufe nicht online ein. Aber ich würde mich auch gerne ganz entspannt an der Tankstelle mit drei anderen Autos treffen und dafür nicht riskieren, 300 Euro Strafe zu zahlen. Es gibt zu wenige Plätze, wo sich vier Autos gemütlich treffen können, was zusammen trinken und dann weiterfahren.

Ich würde gerne rauchen ohne die schädlichen Effekte. Würdest du gerne Autofahren ohne schädliche Effekte?

Auf jeden Fall. Aber erst wenn alles andere auf der Welt schon fast perfekt ist, braucht es das Autofeeling nicht mehr.