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»Es gab keine Zukunft, aber nicht so wie erwartet«

Mark Fisher erweist sich im endlich auf Deutsch erschienenen »K-Punk« als scharfsinniger Kulturwissenschaftler. Prägnant analysiert er die Wirkmächte des hegemonialen Neoliberalismus, der utopische Auswege nicht zulässt, und will doch das Unmögliche: Wahrheit und Erlösung durch das Konsumprodukt Pop.

Die Texte von Mark Fisher sind eine Herausforderung. Man will beim Lesen aufspringen und laut »Nein!« schreien. Oder man will heftig nicken, den Autor umarmen und schluchzen: »Du hast so recht!« Fishers Bücher »Kapitalistischer Realismus« und »Gespenster meines Lebens« waren aufsehenerregend und eröffneten in einer ausdrucksstarken Sprache eine neue Perspektive auf Pop und Kapitalismus. Aber ist Mark Fisher wirklich so überlebensgroß, wie die Kritikerlobhudeleien zum Erscheinen des Sammelbandes »K-Punk« behaupten? Vielleicht muss man genauer hinschauen. Das hat Fisher in jedem Fall verdient.

Neoliberalismus, Irrelevant-Macher von Wahrheiten
»Nein, ich bin nicht tolerant«, schreibt Mark Fisher in seinem Blog-Text »Wir Dogmatiker«. Und damit ist die Grundhaltung all seiner Texte in dem Blog-Text-Sammelband »K-Punk« gesetzt. Unter dem Namen »K-Punk« war Mark Fisher von 2004 bis zu seinem Tod 2017 als Blogger und radikaler Gegenwartsdiagnostiker unterwegs. Er selbst sah sich also als Dogmatiker. »Aber was bedeutete es, ein Dogmatiker zu sein? Kurz gesagt, es ist die Überzeugung, dass es Wahrheiten gibt.«

Fishers großes Feindbild ist der Neoliberalismus, in dem er eine politische Ideologie sieht, die alle Wahrheiten irrelevant macht. »Differenz wird«, schreibt er, »von der herrschenden Ordnung nicht unterdrückt, sondern sie ist seine banale Währung. Fragmentierung, Dekonstruktion, Cut-ups, das sind die Zutaten, aus denen Mittelmäßigkeit entsteht.« Darum verwirft Fisher das »kritische Denken«. Stattdessen bezieht er sich auf das an den Philosophen Graham Harmann angelehnte »hyperbolische Denken«. Grob gesagt heißt das, wer Bücher oder Texte liest, sollte sie folgendermaßen befragen: »Was wäre, wenn dieses Buch, dieser Denker, der wichtigste des Jahrhunderts wäre? Wie müssten sich die Dinge ändern? Und wie würden wir uns befreit oder eingesperrt fühlen?«

Fishers bekanntestes Theorem ist das des »kapitalistischen Realismus«, der »bedeutet, dass der Kapitalismus als einzig mögliches politisch-ökonomisches System wahrgenommen wird.« Dem Kapitalismus rückt Fisher mit dem klassischen marxistischen Begriffsinstrumentarium als ein System der Ausbeutung zu Leibe. Den Neoliberalismus sieht er als eine besonders perfide Spielart des Kapitalismus. Denn der pflanzt seine Unterdrückungsmechanismen direkt in die Köpfe der Individuen. Du bist entlassen worden? Das ist deine Verantwortung, du warst nicht engagiert genug. Du findest keinen Job? Deine Verantwortung! Systemungerechtigkeiten empfindet das Individuum als einen privaten Mangel.

Diese ausweglose und alternativlos scheinende kapitalistische Realität macht die Gesellschaft depressiv. Eine Depression, die als privat kategorisiert wird, aber laut Fisher eigentlich ein gesellschaftliches Problem ist. »Das Kapital«, schreibt er, »macht den Arbeiter krank und multinationale Pharmakonzerne verkaufen ihm die Medikamente, damit es ihm besser geht. Die gesellschaftlichen und politischen Gründe des Leides werden sauber verdrängt, während die Unzufriedenheit zugleich individualisiert und verinnerlicht wird.« Der Neoliberalismus erzeugt auf diese Weise eine ewige Gegenwart ohne Ausweg. Der hyperbolische Dogmatismus dagegen »kann unterscheiden, was getan werden muss – was ist das Ziel – und wie es erreicht werden kann.«

Hauntologisches Denken über verunmöglichte Utopien
Sein zweites bekanntes Theorem hat Mark Fisher sich von Jacques Derrida geborgt: die Hauntologie. Die Heimsuchung der Gegenwart durch »mögliche Zukünfte« aus der Vergangenheit. Die möglichen Zukünfte, also Utopien, waren früher das, was es der Kunst ermöglichte, Neues zu produzieren. Der depressive Neoliberalismus macht solche Utopien unmöglich. Darum stagniert die Kunst heute, laut Fisher, im Retromodus. Fisher ist ungeheuerlich belesen. Er verbindet spielend klassische Philosophen mit postmodernen Autoren. Federleicht kombiniert er den klassischen Marxismus mit postmoderner Psychoanalyse. Das führt immer wieder zu sich überschlagenden Formulierungen, etwa: » Žižek hat Recht, wenn er schreibt, dass Rorty recht hat«. Aber so ist das beim Bloggen, da überschlagen sich Gedanken manchmal.

Tief geprägt ist Fishers Gedankenwelt durch »Cybernetic Theory Fiction«, also durch Bücher wie die Romantrilogie »Neuromancer«, und von Autor*innen wie Philip K. Dick oder J. G. Ballard, aber auch von Donna Haraways »Cyborgmanifest«. Als Dozent an der Universität in Warwick war er Mitbegründer des interdisziplinären »Cybernetic Culture Research Unit«. Er befasste sich als Anglist und Philosoph intensiv mit den »möglichen Zukünften«. Im Jahr 2012 kommt er zu folgendem, an die Punk-Parole »No Future« angelehnten, ernüchternden Schluss: »Es gab keine Zukunft, aber nicht so wie erwartet.« Und an diesem Satz merkt man schon: Die größte Stärke Fishers sind prägnante Formulierungen. Immer wieder gelingt es ihm, seine scharfsinnigen Analysen in zwei, drei unvergessliche Sentenzen zusammenzuballen.

»K-Punk« versammelt ausgewählte Texte über Bücher, Filme, Musik und Politik. Und an diesen Texten zeigt sich auch die große Schwäche von Mark Fishers Denken. Sein hermetischer Dogmatismus setzt seinem Urteilsvermögen klare Grenzen. Filme und Musik der Gegenwart können sich mit der Vergangenheit nicht messen, weil ihnen keine Utopie innewohnt. Fisher begeht einen entscheidenden Verrat an den vielen postmodernen Autor*innen, die er immer wieder als Zeug*innen in seinen Texten versammelt. Wenn er meint, es gäbe »Wahrheiten«, sieht man direkt, wie die schemenhaften Gespenster von Derrida, Deleuze und Foucault die Schultern zucken und sagen: »Was ist Wahrheit?« Dann wenden sie sich ab und waschen ihre Hände in Unschuld.

Insbesondere der psychoanalytische Blickwinkel verstellt ihm den Blick auf anschlussfähige Perspektiven. Etwa Richard Sennetts Analyse »Der flexible Mensch«, die die Verantwortungsverlagerung des neoliberalen Systems auf das Individuum bestechend auf den Punkt bringt. Oder das diskursanalytische Konzept des »Normalismus« des Literaturwissenschaftlers Jürgen Link, mit dessen Hilfe »Wahrheitsregime« analysiert werden können. Der Normalismus macht begreifbar, dass Wahrheit nicht gleich Wahrheit ist, sondern eine Frage der Perspektive. Und seit Diedrich Diederichsens, Moritz Baßlers und auch Georg Seeßlens Analysen ist klar, dass Pop ein durch und durch kapitalistisches Phänomen ist, das auf Konsum und Kundenorientierung basiert.

Mark Fisher © Georg Gatsas

Nostalgiefalle
Der Kapitalismusgegner Fisher erwartet vom Konsumprodukt Pop Wahrheit und Erlösung. Und die findet er recht naheliegend in der Musik seiner Jugend. Glamrock und Postpunk. Und eventuell geht er hier in genau die Nostalgiefalle, die er in seinen Texten so vehement hauntologisch kritisiert. »Nur weil etwas aktuell ist, ist es noch lange nicht neu«, stellt Fisher in seinem Text »Ist Pop untot?« fest. »Die Frage«, meint er, »ist deswegen weniger, ob »Pop sterben wird, sondern ob Pop schon längst zum Untoten geworden ist.« Und dann ein starkes Bild: »Tanzen wir einen entropischen Tango mit Pop, der uns mit seinen Zombiefingern hält, während er langsam in die ewige Irrelevanz herabsinkt?«

In dem Text »Die Außenseite des Ganzen heute« holt er dann so richtig aus. »Als ob Gang of Four nur deswegen wichtig sind, weil sie einfallslose Klone wie Bloc Party oder Franz Ferdinand ›beeinflusst‹ haben, die morgen sowieso keiner mehr kennt.« Da spricht der Fan. Früher sei der Pop reich gewesen. Reich an Ideen, nicht nur musikalisch, auch in anderen Bereichen, etwa der Kleidung. Die Klone dagegen seien seelen- und bedeutungslose Retrophänomene. Fisher kommt zu dem Ergebnis, dass »so gut wie alles, was ich seitdem geschrieben oder getan habe, im Grunde der Versuch (war), dem Ereignis des Postpunk treu zu bleiben. Cyberpunk (…) steckte bis zum Hals im Postpunk.« Und so lobt er in seinen Texten Siouxsie an the Banshees, The Cure oder New Order. Eighties, denkt man, I am living in the Eighties!

Der Musikforscher Ralf von Appen geht davon aus, dass die Bindung an Musik aus biographischen Zufällen entsteht und sich explizit nicht aus einer wie auch immer definierten Qualität der Musik ergibt. Hartmut Rosa spricht von lebensweltlicher Resonanz. Fisher kannte weder von Appen, noch Rosa. Aber man spürt hier die große Nähe zu Simon Reynolds wichtigem Buch »Retromania«. Beide, Fisher und Reynolds, gleichen in ihrem Impetus dem Musikprofessor Adorno, der über den Jazz als minderwertige Musik herfällt. Reynolds und Fisher waren befreundete Blogger.

Selbstzweifel trotz Erfolgs
Bei vielen Texten hat man das Gefühl, dass da einer gegen seine Selbstzweifel anschreibt. Er wolle nicht wahrgenommen werden als »gescheiterter Autor«, der sich »grimmig eine Nische« suche. Hyperbolisch und mit nietzscheanischem Gestus verlangt er eine »existenzielle Umwertung« dieses Blickes. Man müsse es »anders sehen«. In dem autobiographischen Text »Zu nichts gut« berichtet er von dem nagenden Gefühl, zu nichts zu gebrauchen zu sein. Fisher hat sein Leben lang mit schweren Depressionen gerungen. Einen Kampf, den er am Ende verloren hat. Er nahm sich im Jahr 2017 das Leben. »Meine Depression ging immer mit der Überzeugung einher, dass ich wirklich zu gar nichts gut bin«, schreibt er.

Mark Fishers Bücher sind eine unglaublich anregende und provozierende Lektüre. Auch »K-Punk«. Die Texte werfen den*die Leser*in direkt in einen inneren Disput mit dem Autor. Es gibt nur wenige Autor*innen, die ihre Theorie so prägnant und überzeugend zu Papier bringen. Und es gibt kaum welche, denen man beim Spinnen der abstrusesten pop-theoretischen Verbindungen so willig folgt (»Aber Glam fiel auch demselben genetischen Fehlschluss zum Opfer, der schon Nietzsches Denken auszeichnete«). Immer mit dem Gedanken: Na, der traut sich was! Ob er der »beste kulturwissenschaftliche Autor seiner Generation« ist, der » für eine Generation unerlässlich« ist, darüber kann man streiten.

Mark Fisher: »K-Punk: Ausgewählte Schriften 2004–2016«. Aus dem Englischen von Robert Zwarg, mit einem Vorwort von Simon Reynolds (Critica Diabolis/Edition Tiamat, 624 Seiten, EUR 32,00)

Link: https://edition-tiamat.de/k-punk/