Chloé

»Endless Revisions«

Lumière Noire

Dass ausgerechnet Rhys Chatham auf einer Dance-Platte auftaucht, ist spannend. Chatham, dessen Hauptwerk symphonisch klingenden E-Gitarren-Armadas gewidmet ist, steuert auf dem Opener-Track Flöteninterpretationen bei. »Solarhys« entfesselt in nur 1:15 Minuten eine abgrundtiefe Schönheit, die einen gleich ins ganze Album kippen lässt. Es wird klar: Wir sind im Paris des Jahres 2017 und Chloé Thévenin, langjährige DJ im Nachtclub Pulp, hat ihr Spektrum mächtig erweitert. Mit der Percussionistin Vassilena Serafimova hat sie Steve Reich interpretiert und veröffentlicht nach sieben Jahren ihr drittes Album auf dem eigenen Label Lumière Noire. Der Titel »Endless Revisions« ist eine Anspielung auf die vielen Abwägungen und Reworks, bevor ein neuer Track die Reife für die Produktion erlangt hat. Und noch einigen Gäste mehr drücken dem Sound entfremdet ihren Stempel auf. So Ben Shemie, Vokalist der Suuns, auf dem pulsierenden Track »Recall«, der hierzulande eher unbekannte Chansonnier Alain Chamfort, oder spooky spoken word artist Jana auf dem beklemmenden »Pendulum«. Chloé fertigt in Summe nie langweilig werdenden experimentellen Dancefloor, der hauptsächlich auf housigen Grundstimmungen baut. Etwas anders gelagert ist jedoch der schläfrige Original-Mix von »The Dawn«, wo ein klares House-Piano die Richtung vorgibt, die Synths aber Richtung Mood-Techno entgleisen. Dieses musikalische Pendant zu Chloés Sound-Installation für das Pariser Soundforschungsinstitut IRCAM, ist auf Platte ein zehn Minuten lang für Glückseligkeit sorgendes zentrales Masterpiece, wenn man bei derlei Vielfalt überhaupt davon sprechen kann. Gelungen auch das Artwork. Das Desert Land Art-Foto von Noémie Goudal korrespondiert sehr gut mit dem Sound, der in seiner müde ziemenden Unausgeschlafenheit an träg-heiße Sommertage ebenso denken lässt wie an das Gleiten von abendlichen Dämmerungszuständen in die Schwüle der Nacht. »Nuit Noire« ist dazu ein perfektes Outro, mit dark wabernden Synths und metallisch klingender Percussion, die von Nova Materia, die Chloé unlängst produziert hat, zu stammen scheint.